Dr. Hans-Jürgen Hillmer
Bereitschaft zur Erneuerung: Unverzichtbar aus unterschiedliche Perspektiven

Nach Handelsblatt-Analysen vom 7.8.2026 droht ein Kahlschlag im mittleren Management. Andererseits wird selbst angesichts weiter hoher Insolvenzzahlen vor Alarmismus gewarnt und von einem normalen wirtschaftlichen Wandel gesprochen. Es fragt sich z.B. aus Sicht des Forderungs- oder Personalmanagements, wie solch unterschiedliche Perspektiven des Mittelstands zusammengeführt werden können.
Praxis-Info!
Im BC-Newsletter vom 20.8.2026 wurde berichtet, dass in Deutschland im Jahr 2025 so viele Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit eingestellt haben wie seit fast seit 20 Jahren nicht mehr (siehe BC-Newsletter vom 20.8.2026). Und auch die weiter hohen Insolvenzzahlen rufen vielerorts Besorgnis hervor – nicht so beim VID, dem Verband der Insolvenzverwalter und Sachwalter. Dort ordnet man in einer Mitteilung vom 14.8.2026 die aktuelle Entwicklung des Insolvenzgeschehens nicht als Anlass für Alarmismus, sondern schlicht als ein Zeichen des wirtschaftlichen Wandels ein. Andererseits prägen nahezu täglich Berichte über Stellenabbau auch im Management die Inhalte der Wirtschaftsressorts in den führenden Titeln der Tagespresse wie etwa besonders prägnant im Handelsblatt vom 7.8.2026. Was ist davon zu halten?
Problemdimensionen
Der VID-Vorsitzende Niering kommentierte seine Einschätzung wie folgt: „Wenn Geschäftsmodelle nicht mehr tragen, werden Kapazitäten frei. Entscheidend ist, dass Kapital, Flächen und Arbeitskräfte anschließend in zukunftsfähige Nutzungen und Geschäftsmodelle fließen können.“ Zwar seien die Insolvenzzahlen ernst zu nehmen. Sie seien aber kein Beleg für eine flächendeckende Krise der deutschen Wirtschaft. Vielmehr fordert Niering Anpassungen, Innovationen und den Mut, bestehende Strukturen zu verändern.
So ist letztlich auch der Beitrag zu lesen, der im Handelsblatt Morning Briefing vom 7.8.2026 mit „Kahlschlag im mittleren Management“ betitelt wurde. Aus Sicht des Arbeitsmarkts wird auch dort die Bereitschaft zur Erneuerung als entscheidend angesehen. In dieser Perspektive sind es nicht abstrakte Strukturen, sondern die ganz persönliche berufliche Stellung bzw. Qualifikation, für die Erneuerungsbedarf angemeldet wird.
Wenn also einerseits vor Alarmismus gewarnt wird, andererseits aber doch Kahlschlag droht, scheinen die unterschiedlichen Perspektiven auf den ersten Blick nicht kompatibel, auch wenn sich über die Klammer Erneuerungsbedarf der Kreis schließt. Deshalb lohnt ein näherer Blick auf die Quellen, aus denen sich der Erneuerungsbedarf speist. Was beim VID ankommt, ist eher rückwärtsgewandt das Ergebnis aus früheren Einflussfaktoren, aus zu spät oder gar nicht eingeleiteten Veränderungsprozessen und daher plakativ als Vergangenheitsbewältigung zu beschreiben. Hingegen ist der Kahlschlag aus Zukunftserwartungen abgeleitet, die eben nicht bzw. nicht in erster Linie aus nachlassendem Geschäft resultieren, sondern aus dem Megatrend Digitalisierung und hier insbesondere dem KI-Einsatz. In dem neuen Hiring Trends Update von Stepstone (https://www.stepstone.de/e-recruiting/hr-wissen/arbeitsmarkt/recruiting-trends/) sorgt sich mehr als ein Drittel der Befragten (35%), dass der eigene Job durch KI oder Automatisierung überflüssig werden könnte. Diese auch als „Fear of Becoming Obsolete“ (FoBO) bezeichnete Sorge geht meist mit dem Druck einher, fachlich am Ball zu bleiben: Rund drei von vier Beschäftigten (76%) sehen sich gefordert, kontinuierlich neue Kompetenzen zu erwerben, um beruflich anschlussfähig zu bleiben.
„Durch KI können aus zehn Managementebenen vier werden“, sagte Michael Brigl, Zentraleuropachef der Boston Consulting Group, dem Handelsblatt. Für die WHU-Professorin Fabiola Gerpott Anlass zur Warnung: „Was wir derzeit sehen, sind die Vorbeben.“ Das „eigentliche Erdbeben“ erwartet sie, wenn KI selbst Führungsaufgaben übernimmt.
Natürlich kann KI für Führungskräfte aber auch zum Karrierehebel werden. Gefragt sind jene, die einen Plan haben, wie ihr Unternehmen KI sinnvoll einsetzt. Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung rät Führungskräften: „Fragt euch nicht, was KI übrig lässt – sondern was ihr damit Neues machen könnt!“ Wer bereit sei, sich zu erneuern, habe auf dem Arbeitsmarkt weiter viele Optionen.
- Die zuletzt genannte Bereitschaft zur Erneuerung allerdings ist an sich, so sei hier angemerkt, nur von begrenztem Neuigkeitswert, denn Stillstand bedeutete eigentlich schon immer Rückschritt, zumal für Führungskräfte. Für Bilanzbuchhalter und Controller sind entsprechende Aktivitäten im Bereich Fortbildung und Weiterqualifikation schon länger Pflicht. Andererseits lassen die vom Handelsblatt am 7.8.2026 gemeldeten Zahlen in der Tat aufhorchen (zumal sie hier nur stellvertretend für viele Prognosen ähnlicher Art stehen): Volkswagen beschäftigt weltweit 21.500 Manager – bis 2030 soll demnach fast jeder vierte Posten wegfallen. Bayer hat die Zahl seiner Manager um zwei Drittel reduziert. Bei der Deutschen Bahn sollen 30% der Stellen der mittleren Führungsebene entfallen. Zwischen Juli 2025 und Juni 2026 waren 209.200 Führungskräfte mindestens zeitweise ohne Job – mehr als ein Fünftel mehr als noch 2022/2023.
- Die oben genannten Stepstone-Analysen haben u.a. folgende auch aus Sicht der BC-Leser interessante Ergebnisse:
– Der Einstellungsbedarf verlagert sich auf operative und vertriebsnahe Bereiche. Vertrieb & Business Development führt mit 20% die Liste an, gefolgt von Technologie & Engineering (14%) und Kundenservice (13%). – Die Wechselbereitschaft ist auf Rekordniveau. 94% sind grundsätzlich offen für eine berufliche Veränderung. Gleichzeitig sind Jobsuchende vorsichtiger denn je – sie bewerben sich breiter und passen ihre Gehaltserwartungen an. – Kandidaten sind anpassungsfähig und aktiv. 87% wären offen für einen Branchenwechsel, wenn ihre Fähigkeiten weniger relevant werden. 83% haben in den letzten 12 Monaten aktiv an ihren Skills gearbeitet.
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Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld
BC 9/2026
BC20260928