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Nachhaltigkeitsberichte erleichtern kostengünstigere Risikoabsicherung

Dr. Hans-Jürgen Hillmer

Neue Studie sieht Versicherbarkeit des Mittelstands unter Druck

 

Wer über Nachhaltigkeit nur als Regulierungs- oder Reputationsthema spricht, unterschätzt ihre Wirkung auf den Versicherungsschutz. Neben Finanzierungszugängen erschweren Nachhaltigkeitsrisiken in mittelständischen Unternehmen zunehmend auch den Abschluss von Versicherungen, so z.B. hinsichtlich Betriebsunterbrechungen. Solche Risiken beeinflussen zunehmend Deckung, Kapazität, Preis und Ausschlüsse. Mit CSRD-Berichten kann gegengesteuert werden, denn sie liefern mehr belastbare Daten.


 

Praxis-Info!

 

Problemstellung

Physische Klimarisiken, Kapitalmarktanforderungen und neue Offenlegungspflichten verändern die Risikoprofile von Unternehmen – und damit die Logik, nach der Risikoträger zeichnen, Kapazitäten stellen und Bedingungen verhandeln. Das zeigt die neue Studie „Versicherungsfähigkeit in Zeiten von Nachhaltigkeitstransformation und CSRD aufrechterhalten“, die das International Performance Research Institute (IPRI) im Auftrag der Funk Stiftung durchgeführt hat.

 

 

Lösung

 

1. Versicherungsfähigkeit wird zur betriebswirtschaftlichen Steuerungsgröße

Als Kernbefund der Studie wurde am 19.5.2026 bekannt, dass künftig nicht allein die aktuelle Aufstellung eines Unternehmens im Markt entscheidend ist, sondern auch, ob Risiken nachvollziehbar gesteuert, Präventionsmaßnahmen belegt und Transformationspfade plausibel dokumentiert werden. Nachhaltigkeit rückt damit unmittelbar in die Sphäre der Versicherungswirtschaft: Sie beeinflusst, ob Risiken versicherbar bleiben, mit welcher Kapazität, zu welchen Bedingungen und zu welchem Preis.

Besonders deutlich wird der Handlungsdruck bei den Versicherungsnehmern. In der Befragung sehen sich 75% der teilnehmenden Unternehmen besonders stark von Nachhaltigkeitsrisiken betroffen; 82% integrieren ESG-Risiken bereits systematisch in ihre Risikosteuerung. Zwar halten bislang nur 18% die ESG-Performance aktuell für einen wesentlichen Faktor der Versicherungsfähigkeit, für die Zukunft erwarten dies jedoch 64%. Die Studie macht damit eine Lücke sichtbar, die für Unternehmen wie für den Versicherungsmarkt entscheidend wird: Die Relevanz wird erkannt, die Prozesse sind aber noch nicht flächendeckend darauf eingestellt.

Für Risikoträger wie Versicherer entsteht dadurch ein Zielkonflikt. Einerseits werden Naturgefahren- und Transformationsrisiken detaillierter modelliert, Zeichnungsrahmen angepasst und sensible Branchen intensiver geprüft. Andererseits werden Nachhaltigkeitsberichte bisher nur selektiv und selten prozessfest genutzt. Die EU-Richtlinie für Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD – Corporate Sustainability Reporting Directive) und die Europäischen Standards zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (ESRS – European Sustainability Reporting Standards) erhöhen zwar die Substanz der Berichte; in der Auswertung der DAX- und MDAX-Berichte steigen die berichteten ESRS-nahen Kennzahlen im ersten CSRD-Berichtsjahr deutlich. Doch der Rohstoff „Daten“ wird im Underwriting (Versicherungswesen) oft noch nicht zu entscheidungsfähiger Risikoinformation.

„Die CSRD ist für Unternehmen kein reines Reporting-Projekt. Sie kann zum Enabler für effiziente und kostengünstige Versicherbarkeit werden, aber nur, wenn ESG-Daten in die Sprache des Underwritings übersetzt werden“, sagt Dr. Alexander Skorna, Projektverantwortlicher bei der Funk Stiftung.

 

 

2. Neue Leitfragen bei der Risikoprüfung

Aus Sicht der Studie liegt genau hier die zentrale Aufgabe für Makler, Inhouse-Broker und Berater. Ihre Rolle verschiebt sich vom reinen Platzierungs- und Deckungsmanagement hin zur Übersetzung zwischen Nachhaltigkeitsdaten und Risikoprüfung entlang folgender Leitfragen:

  • Welche Informationen sind für welche Sparte entscheidungsrelevant?
  • Welche Präventionsmaßnahmen senken tatsächlich Schadenpotenziale?
  • Welche Zertifikate, Audits oder Ratings schaffen Vertrauen?
  • Und wie lässt sich ein Transformationspfad so darstellen, dass er Restriktionen, Ausschlüsse oder Kapazitätsengpässe abfedern kann?

Zugleich wird in der Studie vor einer Fragmentierungsfalle gewarnt. Unterschiedliche regulatorische Vorgaben, heterogene (verschiedenartige) ESG-Abfragen der Versicherer und eine uneinheitliche Underwriting-Praxis erhöhen den Prüf-, Abstimmungs- und Nachweisaufwand auf beiden Seiten. Wenn Einzelfallprüfungen zu teuer und schwer skalierbar (veränderbar) werden, steigt der Druck zu pauschalen Ausschlüssen oder restriktiven Standardentscheidungen – selbst dort, wo differenziertere Lösungen risikotechnisch möglich wären. Besonders mittelständische Unternehmen können dadurch unter Druck geraten, weil kleinere Prämienvolumina und begrenzte Ressourcen individuelle Prüfungen und Ausnahmen erschweren.

„Für den Mittelstand entscheidet sich Versicherungsfähigkeit künftig nicht nur am Risikoprofil, sondern auch an der Fähigkeit, relevante Informationen schnell und underwriting-fähig bereitzustellen“, sagt Sebastian Künkele, Studienleiter des IPRI. „Wo Einzelfallprüfungen zu teuer werden, steigt der Druck zu pauschalen Restriktionen. Genau deshalb brauchen mittelständische Unternehmen klare Präventionsnachweise und einen professionellen Versicherungsdialog.“

 

 

3. Vier Handlungsstrategien für Unternehmen

Die Studienverfasser leiten daraus vier Handlungsstrategien für Unternehmen ab:

  • „Turnaround“ für sensitive Branchen mit akutem Handlungsbedarf,
  • „Proof“ für Unternehmen, die ihren hohen ESG-Reifegrad mit belastbaren Nachweisen untermauern müssen (ESG steht für Environmental, Social and Governance, also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung),
  • „Lean“ als schlanker Evidenzstandard für weniger betroffene Unternehmen und
  • „Leadership“ für Vorreiter, die ESG aktiv als Hebel für bessere Konditionen, zusätzliche Kapazitäten oder innovative Deckungskonzepte nutzen wollen.

Für Versicherer eröffnet sich damit ebenfalls ein strategischer Gestaltungsraum. Wenn Erwartungen, Bewertungsmaßstäbe und Datenanforderungen klarer kommuniziert werden, können Transaktionskosten gesenkt und differenzierte Zeichnungsentscheidungen skalierbar umgesetzt werden. Beispiele aus der Studie, wie etwa Präventionsgutschriften für Resilienzmaßnahmen oder sustainability-linked Insurance-Produktansätze, zeigen, wie Risikoträger Transformation nicht nur prüfen, sondern als Partner die grüne Transformation ihrer Kunden mitfinanzieren und incentivieren können.

 

 

Praxishinweise:

  • Insgesamt gesehen wird Versicherungsfähigkeit im ESG-Kontext nicht automatisch eingeschränkt; sie wird anspruchsvoller in der Herleitung und Nachweisführung. Unternehmen, die Risiken transparent machen, Prävention nachweisbar belegen und ihre Transformation underwriting-fähig erklären, können Restriktionen abfedern und ihre Position im Wettbewerb um Kapazitäten, Konditionen und passende Versicherungslösungen stärken.
  • „Die Studie bietet Unternehmen einen hervorragenden Werkzeugkoffer, um eine Einschätzung hinsichtlich ihres ESG-Reifegrades zu treffen und effektive Hebel zu identifizieren, um Nachhaltigkeit strategisch zur Stärkung von Resilienz und Versicherungsfähigkeit einzusetzen“, ergänzt Dr. Kristina Klinkforth, Projektinitiatorin der Funk Stiftung. Detaillierte Auswertungen und Erkenntnisse finden sich im umfassenden Studienbericht. Dieser ist zum kostenlosen Download verfügbar unter: https://www.funk-stiftung.org/de/mediathek/studien.
  • Die neue Studie, deren Inhalte anlässlich des RMA-Kongresses am 18./19.5.2026 in München erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurden, ist eine sehr wertvolle Grundlage für die Verknüpfung von Reporting und Risikomanagement. Sie erlaubt es, fundiert auf den bislang in der Diskussion um den Nutzen von Nachhaltigkeitsberichten unterbelichteten Aspekt der Versicherbarkeit im Mittelstand zu schauen. Der Einblick ist ein Muss für verantwortungsvolle Risikomanager und ihnen zuarbeitende Bilanzbuchhalter und Controller – insbesondere auch deswegen, weil nicht nur theoretische Einsichten, sondern ein praxisnah anwendbarer Werkzeugkoffer die praktische Umsetzung unterstützt.
  • Im Nachgang zu der vorgenannten Präsentation deutete Dr. Alexander Skorna, Projektverantwortlicher bei der Funk Stiftung, im persönlichen Gespräch seine Bereitschaft an, auch in einer der nächsten Sitzungen des BVBC-AK Nachhaltigkeitsberichterstattung sein Fachwissen einbringen zu wollen (zum AK unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Stefan Müller siehe unter https://www.bvbc.de/arbeitskreise/ak-nachhaltigkeitsberichterstattung-csr).
  • Wer in den AK noch einsteigen will, sollte nicht zögern. Dort wird in der nächsten Sitzung am 5.6.2026 in Köln (in Präsenz und parallel online) insbesondere auch auf die Diskussion um das VSME-Reporting (VSME als Standard für die freiwillige Nachhaltigkeitsberichterstattung), das zu einem VS-Reporting verschlankt werden soll, eingegangen (vgl. zum VSME bzw. VS auch parallel im BC-Newsletter vom 21.5.2026 den Beitrag von Scheffbuch/Drvoshanova und vertiefend den Beitrag von Müller/Warnke/Baus in der Printausgabe BC 2026, Heft 6).

 

Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld

 

 

BC 6/2026

BC20260625 

 

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