CHB_RSW_Logo_mit_Welle_trans
jaheader_neu

    Editorial JA 11/2016

    Von Prof. Dr. Bettina Schöndorf-Haubold und Wiss. Mit. Felix Krämer, Koordinationsteam des UniRep-Programms der Justus-Liebig-Universität Gießen

    Nur Mut! – Anleitung zum selbstständigen juristischen Denken



    Nach Gustav Radbruch bleibt „keinem jungen Juristen … der innere Kampf mit seiner Wissenschaft erspart“. Nun sind wir sicher nicht alle dazu berufen, nach dem Vorbild Radbruchs eine Rechtsphilosophie zu schreiben. Aber dem Ringen um das Recht und mit dem Recht sollte sich kein – angehender – Jurist entziehen. Es ist zentral für das Verständnis unseres Rechtssystems und einer der wichtigsten Impulse eines immer wieder neuen Interesses für unser Fach.

    Dies darf auch in der entscheidenden Phase der Examensvorbereitung nicht vergessen werden, in der allzu häufig schlichte Reproduktion und Repetition das eigene Ringen und Denken zu ersetzen drohen. Nicht zuletzt aus diesem Grund machen es sich immer mehr Juristische Fakultäten zur Aufgabe, ihren Examenskandidatinnen und -kandidaten in spezifischen Examensvorbereitungsprogrammen nicht nur das Handwerkszeug für die Falllösung, sondern auch und gerade die Fähigkeit und den Mut zum selbstständigen juristischen Denken zu vermitteln.

    Auch der Fachbereich Rechtswissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen bietet seit 2010 ein solches eigenes UniRep-Programm an, das mit 75 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des aktuellen Jahreskurses einen neuen Anmelderekord verzeichnen kann. Das in Gießen praktizierte Modell der Examensvorbereitung beruht auf drei Säulen: systematischen Vorlesungen, fallbasierten Tutorien und dem Examensklausurenkurs. Das Programm wird aus sogenannten QSL-Mitteln finanziert, dh Mitteln zur Verbesserung der Qualität der Studienbedingungen und der Lehre. Mit diesen Mitteln wurden eigens zwei Juniorprofessuren sowie die Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters für die Koordination des Programms geschaffen, die große Teile des Programms tragen und die Studierenden bei ihrer Examensvorbereitung tatkräftig unterstützen.

    Roter Faden des Gießener Modells ist ein Lernplan, in dem der gesamte Pflichtfachstoff in übersichtlichen Wochen-Lerneinheiten auf ein Jahr verteilt wird. Er enthält verpflichtende und weiterführende Lesehinweise zu allen zentralen Inhalten und Problemschwerpunkten der unterschiedlichen Lerneinheiten, hebt einzelne klassische wie auch aktuelle Gerichtsentscheidungen heraus und verweist auf Falllösungen in den wichtigsten Ausbildungszeitschriften als Handreichung für die privaten Arbeitsgemeinschaften. Leitmotiv des Plans ist die strukturierte, selbstständige Erarbeitung des zu erlernenden Stoffs.

    Zeitlich und inhaltlich an diesem Lernplan orientiert ist das UniRep-Programm straff organisiert: Vorlesungen und Tutorien finden von Montag bis Donnerstag am Vormittag statt, sodass die Nachmittage für das eigene Lernen frei gehalten sind. Eine typische Lernwoche schließt Samstagvormittag mit dem Klausurenkurs ab. Als Jahreskurs mit stark verkürzten Ferienzeiten konzipiert finden die Veranstaltungen zum Teil auch in der eigentlich vorlesungsfreien Zeit statt. In den Vorlesungen vermitteln insbesondere die Professorinnen und Professoren des Fachbereichs als spätere Prüferinnen und Prüfer das erforderliche systematische Wissen, während in den Tutorien unter Anleitung exzellenter wissenschaftlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht selten auch selbst das Programm durchlaufen haben, das Handwerkszeug der Falllösung in Kleingruppen eingeübt wird. Auch der begleitende Klausurenkurs findet durchgängig statt; zudem wird im Herbst und im Frühjahr ein authentisches Probeexamen mit den Originalexamensklausuren des Vorjahres angeboten. Gerade die Wiederholung der Inhalte von der eigenständigen Erarbeitung nach dem Lernplan über die Vermittlung und Anwendung in den unterschiedlichen Veranstaltungsformen ermöglicht eine nachhaltige Wissensvermittlung. Wohldosierte zusätzliche Angebote wie eine Klausurenwerkstatt, Prüfungssimulationen oder der in einem Crashkurs kondensierte Überblick über die wichtigsten aktuellen höchstrichterlichen Entscheidungen runden das Programm ab.

    Der damit geschaffene Rahmen bietet den Studierenden eine – kostenfreie – Examensvorbereitung, die den Pflichtfachstoff abdeckt, aber auch genügend Raum für die individuelle Schwerpunktsetzung lässt; sie setzt die eigenverantwortliche Initiative voraus, nimmt aber den Einzelnen auch umfassend an die Hand. Hierzu gehört nicht zuletzt die individuelle Beratung und Unterstützung durch ein Koordinationsteam, die im Vorfeld wie auch während des Programms allen Examenskandidatinnen und -kandidaten zur Verfügung stehen.

    Die bisherige Bilanz fällt überaus positiv aus: Die Studierenden nehmen die Angebote an und schätzen und nutzen den engen Kontakt zu den Lehrenden sowohl in der Vorlesung als auch in den Tutorien. Vor allem dieser stetige Dialog schärft das Problembewusstsein und die eigenständige Problemlösungsfähigkeit der Studierenden. Hiervon profitieren wiederum auch die Lehrenden selbst, für die das UniRep angesichts gut vorbereiteter und diskussionsfreudiger Studierender eine anspruchsvolle Herausforderung darstellt. Hier hat sich insbesondere auch das Modell der Juniorprofessuren bewährt, das allerdings leider in der Zukunft nicht weitergeführt werden wird.

    Höchstes Ziel des Gießener wie auch anderer UniRep-Modelle bleibt aber die Unterstützung der eigenverantwortlichen, selbstständigen und auch selbstbewussten Examensvorbereitung unserer Examenskandidatinnen und -kandidaten und damit die Vorbereitung gerade auf den unbekannten Fall. Wir haben damit bisher sehr gute Erfahrungen gemacht. Unabhängig von dem Programm, für das Sie sich als Examenskandidatin oder -kandidat entscheiden, sollte daher auch für Sie als oberste Prämisse der Examensvorbereitung gelten: Trauen Sie sich: Denken Sie selbst!

    Editorial JA 10/2016

    Von Prof. Dr. Thomas Fischer, Karlsruhe

    Semesterstart


    Das neue Semester steht bevor: Wintersemester 2016 / 2017.
    Tausende junge Menschen werden an den Juristischen Fakultäten Deutschlands das Studium der Rechtswissenschaft aufnehmen – mit Hoffnungen auf das Unerkannte, auch mit Befürchtungen vor dem Unbekannten, manchen Fehlinformationen und zahllosen Bildern im Kopf: vom rot bemützten Verfassungsgerichtspräsidenten über »den Richter« aus der Tageszeitung, der angeblich die Mörder überführt und die Aktiengesellschaften zu Millionenzahlungen verurteilt hat, die Fernseh-Staatsanwältin bis zum Star-Anwalt, der, die Treppe des Justizpalastes herabschreitend, erste Interviews über den soeben errungenen Sieg der Gerechtigkeit gibt.

    Ich sage Ihnen: Glauben Sie alles davon! Und glauben Sie nichts! Jura ist kein Schaulaufen, und an dem Ort, an dem Sie später tätig sein werden, gibt es keine Freitreppe. Sie werden Ihre Kopien selbst machen müssen, einen Parkplatz suchen und bezahlen und über so manchen der zahllosen Akten verzweifeln. Sie werden schlecht behandelt werden und zu wenig Geld verdienen. Oft werden Sie es keinem Recht machen können, auch wenn Sie sich anstrengen.

    Das Studium wird, kurz gesagt, ganz anders sein, als Sie dachten, und auf jeden Fall total anders als Ihr Papa Ihnen erzählt hat: Kaum jemand fragt Sie nach Gerechtigkeit; niemand will wissen, was Sie immer schon einmal sagen wollten. Sondern alle tun so, als ob Ihr Schicksal und das des Rechts davon abhänge, dass Sie möglichst schnell lernen, was »herrschende Meinung« ist und was »andere Ansicht«. Sie werden umgeben sein von Kommilitonen, die ganz anders sind als die Freunde aus der Schule: ungemein strebsam, beeindruckend gebildet, einschüchternd kenntnisreich schon im zweiten Semester. Sie sind also ganz genauso wie Sie selbst und fürchten sich ganz genauso vor der neuen Welt wie Sie. Es gibt auch keine Professoren, die einherschreiten wie die Gockel, Arm in Arm mit Binding, Nipperdey und Medicus. Sie werden vielmehr ganz neue Gockel erleben, supercool bis zur Emeritierung, und zu Zeiten aufpassen müssen, nicht selbst einer zu werden.

    Denken Sie daran: »Jura«, das Recht, besteht nicht aus dem Schreiben von Klausuren in dunklen Kellern. Die Klausuren sind dazu da, bei Ihnen auf sehr schlichte Weise Wissen abzuprüfen. Später, im juristischen Beruf, werden Sie keine Klausuren schreiben müssen, ohne jemanden fragen zu können, ohne Datenbanken und Internet, ohne Team und Diskussion.

    Diskussion! Jura heißt: Recht. Und es gibt kein Recht an sich, keine ewigen Regeln, kein »Richtig« oder »Falsch« für alle Zeit. Einen Tag vielleicht, nachdem Sie Ihre Examensklausur geschrieben haben, wird eine Vorschrift im BGB oder im StGB geändert. Und alles ist anders. Wenn Sie eintreten in das juristische Studium, werden Sie ein Teil der Diskussion. Sie lernen die Regeln und Formen und (teilweise recht albernen) Förmlichkeiten. Sie werden schmerzhaft lernen müssen, dass in der Wissenschaft mitnichten alle gleich viel zählen, und dass immer wieder die besten Argumente zerschellen an Klippen, die da heißen: »Das haben wir immer schon so gemacht« und »Da könnte ja jeder kommen«.

    Lassen Sie sich keinesfalls entmutigen! Sie sind genauso klug oder so dumm wie alle anderen vor Ihnen, und was Sie daraus machen, liegt in Ihrer Hand. Um erfolgreich Jura zu studieren, braucht man einen festen Willen und einen langen Atem: Das ist kein Studium für Club-Geher, »Mal-schau'n-was-sich-soergibt«-Jünger und »Ich-geh'-in-eine-Großkanzlei«-Schwätzer. Was man am meisten braucht, ist: Freude an der Sache, Neugier auf das Neue, auch wenn es zunächst schwierig und merkwürdig erscheint, und Teamgeist.

    Über allem aber sollte ein Gefühl stehen, das Sie vielleicht bisher nur undeutlich wahrnehmen: Interesse an und Zuneigung für die Menschen, mit denen Sie es im juristischen Beruf zu tun haben, die von Ihnen abhängig sind und Ihnen vertrauen sollen. Zu behaupten, Jura sei ein »trockenes« Fach, ist ungefähr so schlau wie die Behauptung, Ozeanographie sei ein »feuchtes Fach«: Ganz nett für Käpt'n Blaubär, aber zu wenig für alles.

    Ob Sie in Repetitorien gehen oder nicht, ist dem Recht egal. Manche sind gut, manche nicht. Wer meint, der Sinn des Jurastudiums sei das erfolgreiche Durchlaufen eines Repetitoriums, mag am Ende möglicherweise sechs Komma zwei Punkte erringen im Kampf um den Sinn des Lebens. Aber er oder sie wird sehr weit weg sein von der Freude und Bemühung und dem Nachdenken über das Recht. Man kann das natürlich später noch nachholen. Aber es ist dann viel schwieriger, ähnlich dem Großen Latinum.

    Mein Fach ist das Strafrecht. Es kommt zunächst ganz leicht daher, und wird dann immer schwieriger. Bis heute lerne ich jeden Tag etwas Neues dazu, bis heute ärgert mich und interessiert mich, was ich nicht weiß oder bedacht habe. So ist das Recht: lebendig, streitig, bedeutsam. Wer glaubt, Jura sei Form ohne Leben, hat das wahre Geheimnis noch nicht entdeckt: Jura ist die Bemühung, dem Leben eine Form zu geben.
    Dazu wünsche ich Ihnen alles Gute!

    Editorial JA 9/2016

    Von Prof. Dr. Christian Wolf, Hannover

    Reform der Juristenausbildung 4.0

    Derzeit plant die Justizministerkonferenz (erneut) eine Reform der Juristenausbildung. Hierzu hat die JuMiKo, wie die Justizministerkonferenz im Juristensprech genannt wird, einen Koordinierungsausschuss eingesetzt, der im Herbst seine Vorschläge vorlegen soll. Drei Punkte stehen im Fokus der Überlegungen: 1. Eine Reduzierung des Prüfungsstoffs. 2. Eine Vereinheitlichung der Prüfungen in allen Bundesländern. 3. Eine Reduzierung der Gewichtung der Schwerpunkte.

    Die Reform soll sich sowohl auf die Erste Juristische Prüfung als auch auf das Zweite Staatsexamen beziehen. Dies ist vernünftig! Der Prüfungsstoff lässt sich für die Erste Juristische Prüfung kaum sinnvoll reduzieren, wenn im Zweiten Staatsexamen komplexe Details des  Wasserwirtschaftsrechts abgefragt werden. Wem im Studium nicht ein prozessuales Grundverständnis vermittelt wurde, wird sich kaum mit dem Zusammenspiel von erstem und zweitem Versäumnisurteil und der Begründungspflicht des zweiten Versäumnisurteils zurecht finden. Wer über die Juristenausbildung 4.0 diskutieren will, muss also Studium und Referendariat in den Blick nehmen.

    Genau an dieser Stelle wird es schwierig. Ein Referendararbeitsgemeinschaftsleiter, mit dem die JA im Gespräch über die Juristenausbildungsreform ist, schrieb uns:

    »Deshalb würde nur eine Juristenausbildungsreform etwas bringen, die zur Kenntnis nimmt, das Jura in erster Linie ein Handwerk ist (nämlich das, konkrete Fälle zu lösen) und erst in zweiter Linie (und nur zu einem geringen Teil) Wissenschaft.«

    An den Universitäten wird man dies vermutlich anders sehen. Dabei hört man – als Vorwurf formuliert –, Juristerei sei ein Handwerk und keine Wissenschaft, zumindest entspreche unsere Arbeitsweise nicht mehr dem modernen interdisziplinären, in (Exzellenz-)Clustern organisierten Wissenschaftsbetrieb, an den Universitäten häufig. Von Kollegen anderer Fakultäten, Hochschulleitungen und vor allem von dem stets wachsenden Heer an anakademisierten Mitarbeitern diverser Wissenschaftsverwaltungen.

    Was nun? Ja, in der Juristerei geht es um das Falllösen. Und ja, beim Fällelösen kann die ordnungsgemäße und saubere Erfassung des  Sachverhalts nicht unterschätzt werden. Erfahrene Anwälte sagen, mindestens 90% ist Sachverhaltsarbeit bei einem Fall und, wenn man Glück hat, 5% Beschäftigung mit Rechtsproblemen. Aber bei der Falllösung geht es auch darum, das Allgemeine im Besonderen zu sehen und gleichzeitig das Besondere im Allgemeinen. Es gilt nicht, irgendeine Lösung zu entwickeln, sondern die Falllösung wie Perlen auf eine Schnur aufzureihen, sie einzuhegen in die Dogmatik des Rechtssystems.

    RechtsWissenschaft bedeutet, im Dialog mit der Praxis zu stehen. Was reines Handwerk ohne wissenschaftliche Reflexion bedeutet, kann man sich in all den Rechtsgebieten anschauen, welche an der Universität nicht gepflegt werden: Pointilismus der Einzelfallgerechtigkeit, der kaum mehr verstehbar ist. Was (recht-)Wissenschaft ohne Handwerk bzw. Praxis ist, hat Richard Posner in seinem Buch Divergent Paths anschaulich für das amerikanische Recht beschrieben: reines intellektuelles Glasperlenspiel ohne jeglichen praktischen impact factor in den Gerichtsentscheidungen.

    Für die Reform der Juristenausbildung 4.0 folgt daraus:
    1. An den Universitäten muss über ein hinreichend breites Spektrum aller praktisch relevanten Rechtsgebiete geforscht und gelehrt werden.
    2. Aber nicht jeder Student muss alles wissen. Auch der Einheitsjurist lässt Schwerpunktbildungen zu.
    3. Davon zu trennen ist die Frage, wie man die Schwerpunkte organisiert. Hier ist viel Raum für Verbesserung bis zur Wiedereinführung der alten Wahlfächer als Teil des Ersten Juristischen Staatsexamens mit Klausur.
    4. Das Referendariat eignet sich wenig, um neue Rechtsgebiete dogmatisch zu vermitteln. Hier sollte die Vermittlung der praktischen Rechtsanwendung im Vordergrund stehen. Der Prüfungsstoff sollte zwischen Erster Juristischer Prüfung und Zweitem Staatsexamen allenfalls sehr moderat erweitert werden.

    Die JA wird als Ausbildungszeitschrift für die Erste Juristische Prüfung und das Zweite Staatsexamen die künftige Entwicklung der Ausbildungsreform kritisch begleiten.
...