Dr. Hans-Jürgen Hillmer
Lücken setzen Mittelstand unter Druck

Im Mittelstand sorgt der Generationenwechsel regelmäßig für Druck. Besonders kleine Betriebe haben Schwierigkeiten, einen geeigneten Übernehmer zu finden. Oft ist es auch ein aufgestauter Modernisierungsbedarf, der Interessenten abschreckt. Gezielte Nachfolgeplanung bzw. -beratung kann helfen.
Praxis-Info!
Problemstellung
Im Mittelstand sorgt der Generationenwechsel beinahe schon regelmäßig für Druck. Den geburtenstarken Jahrgängen der Altinhaber stehen deutlich kleinere Jahrgänge potenzieller Nachfolger gegenüber. Deshalb und wegen der erforderlichen Finanzmittel haben insbesondere kleine Betriebe Schwierigkeiten, einen geeigneten Übernehmer zu finden. Darauf weist der Nachfolgemonitor 2026 hin, den der Verband Deutscher Bürgschaftsbanken, die Creditreform Wirtschaftsforschung und das KCE KompetenzCentrum für Entrepreneurship & Mittelstand an der FOM Hochschule nach Creditreform-Angaben vom 13.10.2026 aktuell vorgestellt haben.
Lösung
1. Nachfolgehürden bei Kleinstbetrieben
Der Monitor beschreibt insbesondere für Kleinstbetriebe erhebliche Nachfolgehürden. Hängt das Geschäft stark vom Inhaber ab und sind die Ertragsmargen knapp, wird es schwierig, einen Käufer zu finden und einen aus Verkäufersicht angemessenen Preis zu erzielen. Im Einzelhandel gingen die erfassten Übergabezahlen im Zeitraum 2016 bis 2025 zurück, während sich das Handwerk vergleichsweise robust entwickelte.
„Wenn Erträge schwinden und Investitionen ausbleiben, verschlechtert sich auch die Verhandlungsposition der Inhaber. Das trifft viele zu einem Zeitpunkt, wo ihnen ohnehin die Zeit davonläuft“, sagt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung in Neuss. Nach den weiteren Creditreform-Warnungen gehen Arbeitsplätze, unternehmerisches Know-how und Innovationskraft verloren, wenn die Suche scheitert und dann oft geschlossen werden muss (zum Problem der sehr hohen Zahl von Unternehmensschließungen siehe BC-Newsletter vom 21.8.2026).
Insbesondere steht unter Druck, wer seinen Ruhestand auch mit dem Verkaufserlös finanzieren will. Ein wesentlicher Engpass liege auf der Nachfolgeseite: Aus den jüngeren Generationen rücken zahlenmäßig weniger potenzielle Übernehmer nach.
2. Empfehlung: Nachfolge rechtzeitig vorbereiten
Der Nachfolgemonitor 2026 zeigt, wie angespannt die Lage ist: 2024 erreichten die im Datensatz erfassten Unternehmensübergaben einen historischen Tiefstand. Das Medianalter der Übergeber geben die Creditreform-Experten für 2025 mit 64 Jahren an (ähnlich in den Jahren seit 2016). „Wer die Nachfolge aufschiebt und notwendige Investitionen unterlässt, erschwert die Fortführung seines Unternehmens. Der Nachfolger muss dann zusätzlich zum Kaufpreis auch die Modernisierung finanzieren. Das kann den wirtschaftlichen Spielraum nach der Übernahme erheblich einengen“, erklärt Hantzsch.
3. Frauenanteil auf Rekordtief
Besonders auffällig ist neben steigenden finanziellen Anforderungen der niedrige Frauenanteil unter den Übernehmenden: Er ist in 2025 auf den historischen Tiefstand von 18,9% gesunken und beträgt damit erstmals weniger als ein Fünftel. 2017 waren es noch 22,9%. Dabei fällt die typische Übernahmephase genau in die „Rushhour des Lebens“: Die größte Gruppe der Nachfolgenden ist zwischen 30 und 39 Jahre alt. Unternehmensübernahme, berufliche Entwicklung und Familiengründung konkurrieren um dieselben Jahre. „Wenn weniger als jede fünfte Übernahme von einer Frau erfolgt, können wir das nicht als Randthema behandeln. Wer mehr Nachfolgerinnen gewinnen will, muss die Bedingungen für die Finanzierung und die Vereinbarkeit von Unternehmertum und Familie verbessern“, sagt Prof. Dr. Holger Wassermann, wissenschaftlicher Leiter des KCE KompetenzCentrum für Entrepreneurship & Mittelstand der FOM Hochschule.
Hinzu kommt, dass Nachfolge immer häufiger zur Solo-Aufgabe wird. 81,2% der Übernahmen wurden 2025 von Einzelpersonen gestemmt; Team-Nachfolgen bleiben also die Ausnahme.
4. Finanzierungsaspekte
Wer einen Betrieb übernimmt, übernimmt häufig auch einen über Jahre aufgelaufenen Investitions- und Modernisierungsbedarf. Das zeigt sich in der Ertragsentwicklung nach der Übergabe: Zwar steigt bei 52,9% der untersuchten Unternehmen das EBITDA (operatives Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen). Gleichzeitig verzeichnen aber 54,1% einen Rückgang des „Betriebsergebnisses“ (EBIT – Earnings Before Interests and Taxes = Ergebnis vor Zinsen und Steuern), das die Abschreibungen bereits berücksichtigt. Diese gegenläufige Entwicklung deutet darauf hin, dass das operative Geschäft in vielen Betrieben weiterhin tragfähig ist, die Ertragslage jedoch durch nachgeholte Investitionen belastet wird. Denn neue Maschinen, IT-Systeme oder Digitalisierungsmaßnahmen verursachen zusätzliche Abschreibungen, die das EBIT zunächst schmälern. Unternehmensnachfolger müssen damit häufig nicht nur den Kaufpreis finanzieren, sondern zugleich in die Zukunftsfähigkeit des übernommenen Betriebs investieren.
Das verschärft die Finanzierungsprobleme: Zunächst einmal entfallen ca. 77% des erfassten Finanzierungsbedarfs einer Nachfolge auf den Kaufpreis. Dann muss für Modernisierung, Betriebsmittel und Wachstum zusätzlich Kapital vorhanden sein. „Wenn ein hoher Kaufpreis auf Modernisierungsbedarf und knappe Finanzierungsspielräume trifft, wird Liquidität schnell zum Engpass. Umso wichtiger ist, den Kapitalbedarf nicht nur bis zum Kauf, sondern für die ersten Jahre danach realistisch zu planen“, sagt Stephan Schütrumpf, Sales Director der Creditreform Gruppe.
- Dabei zeigt der Nachfolgemonitor nach Angaben des Verbands Deutscher Bürgschaftsbanken e.V. (VDB) vom 13.10.2026 auch die andere Seite: Mehr als die Hälfte der Betriebe mit zuvor schwacher Bonität verbessert sich nach dem Eigentümerwechsel. Nachfolge kann damit wirtschaftliche Substanz nicht nur erhalten, sondern auch über die Stabilisierung hinaus neue Entfaltungen ermöglichen. Bei den untersuchten Betrieben des Übergabejahrgangs 2024 lag der Umsatz im Median nominal 17% über dem Niveau drei Jahre zuvor. Die Übergabe lohnt sich also.
- Der Nachfolgemonitor basiert auf den realen Unternehmensdaten aus den Datenbanken der deutschen Bürgschaftsbanken und von Creditreform. Die in allen Bundesländern bestehenden Bürgschaftsbanken dienen der Förderung der mittelständischen Wirtschaft und werden i.d.R. von regionalen Akteuren wie den Handwerkskammern, den Industrie- und Handelskammern, mittelständisch orientierten Kreditinstituten und Verbänden getragen. Mit dem Nachfolgemonitor wollen der Verband Deutscher Bürgschaftsbanken (VDB), die Creditreform Rating AG und das KompetenzCentrum für Entrepreneurship & Mittelstand der FOM Hochschule (KCE) sowie die FH Salzburg dazu beitragen, den Mittelstand bei der Gestaltung erfolgreicher Nachfolgeregelungen effektiv zu unterstützen.
- Interessierte Bilanzbuchhalter und Controller finden dort Kontakte, wenn sie aus einem Angestelltenverhältnis in die Selbstständigkeit wechseln wollen oder als bereits Selbstständige mit der Nachfolgeplanung ein attraktives Beratungsfeld auf- bzw. ausbauen wollen. So manche Unternehmensschließung ließe sich dann vielleicht vermeiden, wenn sie ihre Finanzexpertise in die Lösung der oben genannten Finanzierungsprobleme einbringen können.
- Dabei darf heute der Einbezug von KI-Potenzialen nicht fehlen. Im vom VDI angebotenen Whitepaper AI Leadership: Führung und Management im Zeitalter von Mensch & KI wird dargestellt, wie bewährte Führungsprinzipien gezielt mit KI-Methoden kombiniert und so Effizienz, Qualität und Klarheit in der Führungsarbeit gesteigert werden können. Das im Whitepaper vorgestellte AI Leadership System zeigt praxisnah, zu welchen Aufgaben KI heute echten Mehrwert bieten kann – von Kommunikation und Entscheidungsfindung bis zu Selbstführung und Teamentwicklung (mehr dazu unter https://www.vdi-wissensforum.de/white-paper/ai-leadership/).
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Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld
BC 11/2026
BC20261119