Dr. Hans-Jürgen Hillmer
Neue Creditreform-Zahlen mahnen zur Vorsicht: Substanzverluste

Nach Creditreform-Angaben vom 18.8.2026 verlor die deutsche Wirtschaft im Jahr 2025 ca. 188.000 Unternehmen; damit ist die Zahl der Schließungen so hoch wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Auch Betriebe mit an sich guter Bonität geben auf.
Praxis-Info!
Problemstellung
In Deutschland haben im vergangenen Jahr so viele Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit eingestellt wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Unter Berücksichtigung einer neuen Berechnungsmethodik (siehe unten) beträgt der Anstieg gegenüber dem Jahr 2024 ca. 10%. Das geht aus einer gemeinsamen Untersuchung von Creditreform und dem Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim hervor. Demnach wurden im Jahr 2025 bundesweit rund 188.000 Unternehmen geschlossen (zum Vorjahresbericht siehe BC-Newsletter vom 22.5.2026).
Patrik-Ludwig Hantzsch kommentiert in seiner Funktion als Pressesprecher von Creditreform in Neuss: „Die Krisendynamik frisst sich mittlerweile durch die gesamte Breite der Wirtschaft. Die Zahl der Marktaustritte steigt deutlich an. Große Unternehmen und Konzerne beherrschen derzeit die Nachrichten. Die Zahl an kleinen und mittleren Unternehmen, die leise verschwinden, ist aber um ein Vielfaches größer.“ Mittlerweile mussten sogar Unternehmen mit guter oder zumindest mittlerer Bonität schließen. Damit beenden anders als in früheren Jahren nun auch eigentlich gesunde Firmen ihre Geschäftstätigkeit. „Das geht zunehmend an die Substanz des Landes“, so Hantzsch. Der Trend zum Substanzverlust sei nicht allein auf Finanzierungsschwierigkeiten zurückzuführen, sondern sei ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren: technologischer Wandel, zunehmender Wettbewerbsdruck und Arbeitskräftemangel.
Ursachen-, Branchen- und Größenanalyse
1. Nachfolgeprobleme als zentrale Ursache
Als weiteren Grund für die steigende Zahl der Firmenschließungen nennt die Untersuchung die demografische Entwicklung. „Immer mehr Betriebe schließen, weil Firmeninhaber in den Ruhestand gehen und keinen Nachfolger finden. Fast ein Drittel aller freiwilligen Schließungen erfolgt mittlerweile aus Altersgründen – deutlich mehr als noch vor 10 oder 15 Jahren“, sagt Dr. Sandra Gottschalk, Senior Researcher beim ZEW Mannheim. Sie weist darauf hin, dass die ganz überwiegende Mehrzahl der Geschäftsaufgaben (etwa 87%) dabei ohne Insolvenzverfahren und nahezu geräuschlos erfolgt. Lediglich rund 13% der im Jahr 2025 erfassten Unternehmensschließungen gehen auf ein Insolvenzverfahren zurück.
2. Branchentrends
Das Baugewerbe verzeichnete erneut eine hohe Zahl an Firmenschließungen: Rund 24.000 Bauunternehmen wurden geschlossen – 12% mehr als im Vorjahr. Auch im Verarbeitenden Gewerbe hat sich der Anstieg der Schließungszahlen fortgesetzt. Gut 11.000 Industrieunternehmen haben 2025 ihren Betrieb eingestellt, was einem Plus von 10% entspricht.
Viele Betriebsschließungen gab es zudem im Gastgewerbe. Im Jahr 2025 stellten gut 15.000 Gaststätten und Beherbergungsunternehmen ihren Betrieb ein (plus 15%). Die schwierige Lage der Branche wird zusätzlich durch die Zurückhaltung der Verbraucher, die starke Konkurrenz von Lieferdiensten und den Mangel an Arbeitskräften verschärft. Im Handel nahmen die Schließungen zuletzt jedoch ebenfalls wieder zu (plus 8%).
Einen erneut starken Anstieg der Schließungen gab es im Gesundheitswesen. Die seit etwa zehn Jahren anhaltende Negativentwicklung setzte sich fort. Die Zahl der Schließungen in diesem Bereich ist mittlerweile etwa doppelt so hoch wie im Jahr 2008. Mit insgesamt rund 11.000 Marktaustritten im Jahr 2025 wurde der Vorjahreswert um 12% übertroffen.
Besonders betroffen waren hierbei Arztpraxen: Bundesweit wurden knapp 5.500 Praxen geschlossen – ein Plus von 23% gegenüber 2024. Überdurchschnittlich hoch war die Schließungsrate auch bei Gesundheitsdiensten in ländlichen Regionen. „Die steigenden Schließungszahlen im Gesundheitswesen zeigen die äußerst schwierige Lage der Branche. Trotz vieler Menschen, die ein höheres Alter erreichen, sinkt so die flächendeckende medizinische Versorgung, beispielsweise durch Apotheken und Fachärzte“, mahnt Hantzsch.
3. Regionale Unterschiede
Regional betrachtet weist das Land Bremen die höchste Schließungsrate auf. Dort sind 7,8% aller Unternehmen, die 2024 noch bestanden, inzwischen vom Markt verschwunden. Hohe Schließungsraten sind zudem in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen zu verzeichnen. Vergleichsweise gering fielen die Schließungsraten dagegen u.a. in Baden-Württemberg und Hamburg aus (jeweils 5,3%). Neben Bremen und Schleswig-Holstein (jeweils plus 21%) verzeichnete auch Rheinland-Pfalz (plus 16%) 2025 einen überdurchschnittlich starken Anstieg der Unternehmensschließungen.
(Grafik siehe unter https://www.creditreform.de/aktuelles-wissen/pressemeldungen-fachbeitraege/news-details/show/schliessungszahlen-deutschland-verliert-zu-viele-gesunde-betriebe)
- Hinweis zur Methodik: Die Berechnung der Schließungszahlen wurde angepasst. Bei im Handelsregister eingetragenen Unternehmen gilt nun – sofern durch Creditreform bereits früher festgestellt – das Datum der Geschäftseinstellung statt das der späteren Handelsregisterlöschung als Schließungsdatum. Dadurch wurde die Zeitreihe rückwirkend revidiert. Inhaltliche Rückfragen können an das ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH in Mannheim an Frau Dr. Sandra Gottschalk unter der E-Mail: sandra.gottschalk@zew.de gerichtet werden (Internet: www.zew.de).
- Für im Rahmen des Forderungs- und Vertriebsmanagements verantwortliche Bilanzbuchhalter und Controller steigt der Handlungsdruck weiter, die mit den hohen Schließungszahlen, die die Insolvenzzahlen um ein Vielfaches übertreffen, verbundenen Herausforderungen anzunehmen. Die Spannweite der Maßnahmen reicht von Wertberichtigungen über eine intensive Marktbeobachtung bis hin zur Neuaufstellung im Vertrieb, um Ausfälle kompensieren zu können. Das Management insgesamt ist mit der Auswertung von Frühwarnsignalen gefordert, die Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle voranzutreiben.
- Dass dabei die KI unterstützen kann, steht außer Frage. Allerdings ist sie bekanntlich selbst auch ein Bedrohungsfaktor, so ein ernstzunehmendes Ergebnis im neuen Hiring Trends Update von Stepstone. Berufseinsteigende erleben den KI-Wandel besonders unmittelbar: 49% der Menschen in Ausbildung, Praktikum oder Werkstudium befürchten, mittelfristig ersetzt zu werden – und das wohl nicht ohne Grund. Dr. Christina Langer, Senior Economist bei The Stepstone Group, kann den Studiendaten aber auch etwas sehr Positives abgewinnen: Beschäftigte warten nicht ab, sondern setzen sich aktiv mit neuen Anforderungen auseinander. Dieser Wille zur Veränderung sei eine große Chance für den Arbeitsmarkt und in Zeiten der Transformation maßgeblich für den beruflichen Erfolg. Da hat sie wohl recht.
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Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld
BC 9/2026
BC20260921