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Zahlungsverzug, Forderungsausfälle und Insolvenzrekorde

Dr. Hans-Jürgen Hillmer

Weiter steigende Insolvenzzahlen erfordern Maßnahmenprogramme 

 

Späte Zahlungen und steigende Forderungsausfälle setzen deutsche Unternehmen zunehmend unter Druck. Die schwache Konjunktur verschärft die Situation – mit direkten Folgen für Liquidität und Lieferketten. Hinzukommt auch noch die Problematik der weiter ansteigenden Insolvenzzahlen.


 

Praxis-Info!

 

Problemstellung

Das aktuelle Atradius Zahlungsbarometer für Deutschland zeichnet gemäß Angaben vom 27.5.2026 ein besorgniserregendes Bild der wirtschaftlichen Lage. Aufgrund der hohen Kosten für Bankkredite rücken Lieferantenkredite in Deutschland weiter in den Mittelpunkt der Unternehmensfinanzierung. Gleichzeitig bleibt der deutsche Markt im europäischen Vergleich zurückhaltend: Nur 35% der B2B-Verkäufe werden auf Kredit abgewickelt – gegenüber 52% im westeuropäischen Durchschnitt (B2B = Business-to-Business – Leistungsaustausch findet ausschließlich zwischen Unternehmen statt). Um die eigene Liquidität zu sichern, begrenzt die Mehrheit der Anbieter Zahlungsfristen auf maximal 30 Tage. Das Vertrauen in eine kurzfristige Besserung ist gering – insbesondere in der Industrie und im Handel. Weil Zahlungsverzögerungen in Deutschland inzwischen weiter verbreitet sind als in Westeuropa, rechnen viele Unternehmen nicht mit einer raschen Normalisierung des Zahlungsverhaltens im B2B-Geschäft. Stattdessen erwarten sie, dass sich Liquiditätsengpässe in den kommenden Monaten weiter verschärfen.

 

 

 

Abb.: Zahlungsverzug nach Wirtschaftssektoren (Angaben in Tagen)

 

 

Lösung

Vor diesem Hintergrund dürfte das Zahlungsausfallrisiko bei Kunden in Deutschland weiterhin hoch bleiben – ohne klare Anzeichen dafür, dass sich die Verschlechterung verlangsamt. „Deutschland steht unter erheblichem Druck, da die anhaltend hohe Insolvenzquote das Geschäftsumfeld weiterhin belastet“, betont Frank Liebold. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Insolvenzerwartungen wider: 34% der befragten Unternehmen rechnen mit einem weiteren Anstieg der Insolvenzen, während 52% davon ausgehen, dass das Risiko auf dem bereits erhöhten Niveau verbleibt.

Immerhin konnte dem wenige Tage später am 9.6.2026 erschienenen Creditreform Zahlungsindikator Deutschland keine Verschlechterung der Zahlungsmoral entnommen werden. Trotz schwacher Konjunktur, hoher Kosten und anhaltender Investitionszurückhaltung spiegeln sich Liquiditätsengpässe weiterhin nicht in einem breiten Einbruch der Zahlungsmoral.

Besorgniserregend ist hingegen das am 10.6.2026 gemeldete 20-Jahres-Hoch bei Insolvenzen in Europa. Einer aktuellen Analyse der Creditreform Wirtschaftsforschung zufolge verzeichnete Westeuropa 2025 die höchste Zahl an Unternehmensinsolvenzen seit mehr als 20 Jahren. Zudem zeigt die Analyse von Creditreform: Die Krise beschränkt sich längst nicht mehr auf klassische Industrieprobleme, sondern hat die breite Binnenwirtschaft erreicht. Eine schwache Konsumneigung und anhaltender Preisdruck treffen insbesondere konsumnahe Branchen und verschärfen dort die wirtschaftliche Lage.

Deutschland ist nicht allein mit seinen wirtschaftlichen Problemen. 2025 gerieten in Europa so viele Unternehmen ins Straucheln wie lange nicht mehr: Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Westeuropa stieg im Jahr 2025 auf ein 20-Jahres-Hoch. Mit insgesamt 197.610 Insolvenzen lagen die Fallzahlen laut einer aktuellen Analyse der Creditreform Wirtschaftsforschung vergangenes Jahr um 4,8 Prozent über dem Niveau des Vorjahres. Zugleich handelt es sich um den vierten Anstieg in Folge. Das Niveau ist inzwischen höher als nach der Finanzkrise 2008/2009.

Am stärksten fiel der Zuwachs in der Schweiz aus – plus 35,3% gegenüber dem Vorjahr. Es folgen Griechenland, Finnland und Deutschland. Immerhin sechs Länder verzeichneten hingegen einen Rückgang der Insolvenzzahlen, insbesondere die Niederlande, Irland und Norwegen.

Dominiert wird das Insolvenzgeschehen von Frankreich. Auf die Grande Nation entfallen gut ein Drittel aller Unternehmensinsolvenzen. Der Anteil Deutschlands erhöhte sich von 11,7% auf 12,1%. Großbritannien liegt bei 12,7%.

 

 

Praxishinweise:

  • Das Atradius Zahlungsmoralbarometer ist eine jährliche Umfrage zum Zahlungsverhalten im weltweiten Geschäftskundenbereich (B2B). Die aktuelle Ausgabe basiert auf einer Befragung von 210 Unternehmen in Deutschland, die im ersten und zweiten Quartal 2026 durchgeführt wurde.
  • Zu den Angaben vom 9.6.2026 über die relativ stabile Zahlungsmoral und zu dem 20-Jahres-Hoch der Insolvenzzahlen vom 10.6.2026 stehen detailliertere Informationen unter www.creditreform.de zur Verfügung.
  • Forderungsmanager und andere kaufmännisch Verantwortliche müssen sich auf weiter steigende Insolvenzzahlen einstellen. Die bereits im BC-Newsletter vom 6.6.2024 sowie im BC-Newsletter vom 17.10.2024 beschriebenen Maßnahmenbereiche sind deshalb noch dringlicher als zuvor:
    – Konzentrieren Sie Ihr Monitoring auf besonders bedrohte Branchen!
    – Verstärken Sie die Nutzung von Szenario-Planungen!
    –  Kümmern Sie sich um den Aufbau von Finanzreserven (insbesondere, um Umsatz- und/oder Forderungsausfälle auffangen zu können)!
    – Nutzen Sie neue Erkenntnisquellen, die über den Einsatz von KI erschlossen werden können.

 

 

Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld

 

BC 7/2026

BC20260709

 

 

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