CHB_RSW_Logo_mit_Welle_trans
JuS_Logobasis_Linsenreflex
Menü

20-Jahres-Rekord bei Insolvenzen in Europa

Dr. Hans-Jürgen Hillmer

Grenzüberschreitende Alarmsignale aufgrund neuer Creditreform-Zahlen

 

Die Insolvenzzahlen in Europa haben 2025 einen neuen Höhepunkt erreicht – und markieren in Westeuropa den höchsten Stand seit mehr als 20 Jahren. Ein schwacher Welthandel und geopolitische Risiken treffen auf strukturelle Standortprobleme. Die Kombination zehrt nach Creditreform-Einschätzungen vom 5.5.2026 an der Substanz vieler Betriebe und treibt neben den Insolvenzzahlen vor allem auch die Schließungszahlen (Betriebseinstellungen ohne Insolvenzverfahren) nach oben. Risiko- und Forderungsmanager sind zunehmend gefordert, zumal die Zahlen in Deutschland weit über dem europäischen Durchschnitt liegen.


 

Praxis-Info!

 

Die wesentlichen Fakten

Mit ihrer Statistik über die Insolvenzen in Europa im Jahr 2025 wird für die Creditreform-Experten mehr als deutlich, dass sich eine strukturelle Krise ausweitet. Die Mehrzahl der westeuropäischen Länder verzeichnete im Jahr 2025 einen Anstieg der Unternehmensinsolvenzen. Am stärksten fiel der Zuwachs in der Schweiz aus (35,3%), gefolgt von Griechenland (24,4%), Finnland (12,1%) und Deutschland (8,8%). Sechs Länder verzeichneten einen Rückgang der Insolvenzen, darunter die Niederlande, Irland und Norwegen. Dies kommentierte Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung, mit dem Hinweis, dass die Krise nicht nur konjunkturell, sondern strukturell ist: „Ein schwacher Welthandel und geopolitische Risiken setzen Europas Unternehmen zu. Gleichzeitig lähmen hohe Energiepreise und Bürokratie die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Diese doppelte Belastung frisst sich tief in die Substanz vieler Betriebe.“ Mit insgesamt 197.610 Insolvenzen liegen die Fallzahlen um 4,8% über dem Vorjahresniveau (188.623 Fälle).

 

 

Problemdimensionen

 

1. Regionale Unterschiede

In Westeuropa ist das Insolvenzniveau mittlerweile höher als nach der schweren Finanzkrise 2008/2009. Nach deutlichen Anstiegen der Insolvenzzahlen in den Jahren 2023 (+20,0%) und 2024 (+11,9%) habe sich die Dynamik zuletzt zwar etwas abgeschwächt. Für 2026 sei aber ein weiterer Anstieg wahrscheinlich, so Gerhard Weinhofer, Geschäftsführer von Creditreform Österreich. Große Industrieländer wie Deutschland, Frankreich und Italien litten 2025 unter einer Konjunkturschwäche. Hier lag das Wirtschaftswachstum unter dem europäischen Durchschnitt. Die Krise in diesen „Ankerländern“ treibt nach Einschätzung von Hantzsch die Insolvenzzahlen in ganz Westeuropa (definiert als EU-14-Staaten plus Norwegen, Schweiz und Großbritannien).

Anders als in Westeuropa war in den osteuropäischen Ländern ein Rückgang der Unternehmensinsolvenzen zu verzeichnen. Die Gesamtzahl verringerte sich um 7,1% auf 36.939 Fälle (2024: 39.746). Damit liegen die Zahlen etwa auf dem Niveau von 2020. In acht der zwölf untersuchten Länder wurden 2025 weniger Insolvenzverfahren registriert. Die Spannweite des Rückgangs reichte von minus 19,4% in Kroatien bis minus 0,6% in Polen. In vier Ländern – Bulgarien, Rumänien, Slowenien und Tschechien – wurde hingegen ein Anstieg der Fallzahlen beobachtet.

Weinhofer warnt aber, dass der rückläufige Trend in vielen osteuropäischen Ländern nicht darüber hinwegtäuschen dürfe, dass die Insolvenzzahlen in den meisten Wirtschaftsbereichen weiterhin auf einem hohen Niveau liegen. Nach dem Auslaufen der Corona-Hilfsmaßnahmen sei es zu Nachholeffekten gekommen, weshalb viele bereits angeschlagene Unternehmen innerhalb kurzer Zeit aufgeben mussten.

Außerhalb Europas sind insbesondere die USA und die Türkei in den Blick genommen worden. In den USA erreichten die Unternehmensinsolvenzen mit 31.810 Fällen den höchsten Stand seit 2020, angetrieben von Inflation, steigenden Zöllen und schwacher Verbraucherstimmung. Finanzierungsprobleme und schwächere Konjunkturaussichten erschweren in den USA offenbar die Nutzung von Sanierungen im Rahmen eines Insolvenzverfahrens, so die Creditreform-Vermutungen. In der Türkei stiegen die Liquidationen um 6% auf 34.546 Fälle – überdurchschnittlich stark dabei im Dienstleistungssektor.

 

 

2. Starker Anstieg im Dienstleistungssektor

Bei den europäischen Dienstleistern wurde ein Plus von 8,7% registriert (Vorjahr: 14,3%). Im Verarbeitenden Gewerbe nahmen die Insolvenzzahlen europaweit um 3,6% zu. Allerdings fiel der Anstieg weniger stark aus als im Vorjahr (+9,4%). Im Handel (einschließlich Gastgewerbe) erhöhten sich die Fallzahlen um 3,0% (8,0% im Vorjahr). Im Baugewerbe blieben die Fallzahlen nahezu unverändert (plus 0,1%), nachdem es im Vorjahr noch zu einem deutlichen Anstieg um 15,3% gekommen war.

 

 

3. 2026: Deutschland als Krisenzentrum

Im Ausblick auf 2026 werden die Besorgnisse im Forderungsmanagement eher noch zunehmen. Nach den aktuellen Zahlen des IWH (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle) vom 5.5.2026 liegt die Zahl der Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften in Deutschland im April bei 1.776 (10% mehr als im April 2025). Im Vergleich zu einem durchschnittlichen April der Jahre 2016 bis 2019 – also vor der Corona-Pandemie – liegt die aktuelle Zahl um 82% (!) höher.

Eine branchenspezifische Aufschlüsselung für insolvente Personen- und Kapitalgesellschaften wird vom IWH seit Januar 2020 erhoben. Neue Höchstwerte waren im April 2026 in den Bereichen Hotel und Gastronomie sowie Grundstücks- und Wohnungswesen zu verzeichnen. Beim Handel und den Dienstleistungen wurden neue Höchstwerte nur knapp verfehlt. Eine regionale Aufschlüsselung zeigt Rekordwerte in Berlin und Bayern, wobei sich der Anstieg der Zahl in Berlin durch ungewöhnlich viele Hotelinsolvenzen erklären lässt.

Laut IWH-Insolvenztrend waren im April 2026 in den größten insolventen Unternehmen (10%) knapp 20.000 Arbeitsplätze betroffen (davon zwei Großinsolvenzen im Handel mit insgesamt knapp 6.000 Jobs). Damit liegt die Zahl der betroffenen Beschäftigten deutlich über der im März 2026 (+43%) sowie im Februar 2026 (+39%) und sogar bei mehr als dem Doppelten (+112%) des April-Durchschnitts der Vor-Corona-Jahre 2016 bis 2019.

 

 

Praxishinweise:

  • Für im Rahmen des Forderungs-, Vertriebs- und Risikomanagements verantwortliche Bilanzbuchhalter und Controller lässt der Handlungsdruck also nicht nach. Die Spannweite der Maßnahmen reicht von Wertberichtigungen über eine intensive Marktbeobachtung bis hin zur Neuaufstellung im Vertrieb, um Ausfälle kompensieren zu können. Das Management insgesamt ist mit der Auswertung von Frühwarnsignalen gefordert, die Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle voranzutreiben, um das eigene Unternehmen nicht eines (möglicherweise nicht so fernen) Tages in die Vielzahl der Schließungen oder Insolvenzen einreihen zu müssen.
  • Signalkraft haben Meldungen wie die der HSBC, die nach F.A.Z.-Angaben vom 6.5.2026 als Europas größte Bank in 2026 eine deutliche Zunahme der Kreditausfälle erwartet und ihre dafür angesetzten Rückstellungen um 44% (!) erhöht hat. Inwieweit dabei die Anfang Mai 2026 von Anthropic vorgestellten KI-Agenten mit Aufgabenstellungen wie Prüfung von Bilanzen und Verfassen von Kreditberichten helfen, bleibt – nicht nur aufseiten der Banken – noch abzuwarten. Von einem Jobwechsel in die Finanzbranche ist aber schon jetzt abzuraten, wobei wie immer Ausnahmen die Regel bestätigen.

 

Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld

 

 

BC 6/2026 

BC20260609

 

 

Rubriken

Anzeigen

BC Newsletter

beck-online Bilanzrecht PLUS

Teilen

Menü