Der World Report 2026 beschreibt eine deutliche Verschärfung der Menschenrechtslage auch in Deutschland. Die Analyse verweist auf Einschränkungen von Grundfreiheiten, wachsenden politischen Druck auf zivilgesellschaftliche Organisationen und eine Zunahme politisch motivierter Gewalt. Die Dokumentation zeigt Entwicklungen des Jahres 2024 und 2025 und betont mehrere Felder, in denen staatliche Entscheidungen in die Freiheitsrechte der Bürgerinnen und Bürger eingegriffen hätten.
Bei dem von HRW herausgegebenen Bericht handelt es sich um die 36. jährliche Bestandsaufnahme der weltweiten Menschenrechtslage. Er fasst auf über 500 Seiten Menschenrechtspraktiken und politische Entwicklungen in über 100 Ländern zusammen. Der Report hebt auch die Entwicklungen in den USA, China und Russland hervor, die wegen autoritärer Tendenzen, Drucks auf zivilgesellschaftliche Freiräume und einer systematischen Schwächung rechtsstaatlicher Strukturen im Fokus stehen.
Menschenrechte weltweit auf Niveau von 1985
Der World Report 2026 stellt fest, dass der politische Kurs der US‑Regierung unter Präsident Trump, die systematische Unterminierung internationaler Standards durch China und Russland sowie das bröckelnde Vertrauen in multilaterale Institutionen die regelbasierte internationale Ordnung geschwächt hätten. Der Bericht verweist zugleich auf die Notwendigkeit einer strategischen Allianz demokratischer Regierungen, sozialer Bewegungen und internationaler Institutionen, um diesen globalen Entwicklungen entgegenzuwirken.
Philippe Belopion, Executive Director von HRW, spricht in der Zusammenfassung des Reports von einer "demokratischen Rezession". Bestimmte Indikatoren zeigen demnach, dass die weltweite demokratische Entwicklung auf dem Niveau von 1985 liegt. 72% der Weltbevölkerung leben heute unter autokratischen Regimen. Die USA, Russland und China gelten als weniger frei als vor 20 Jahren. Aus Sicht der Organisation markiert das Jahr 2025 deswegen einen Kipppunkt.
Einschränkungen von Freiheitsrechten
Als entscheidende Entwicklung für die Menschenrechtslage in Deutschland nennt der Report die Bundestagswahl 2025 und die daraus hervorgehende Regierungskoalition aus CDU/SPD. Im Wahlkampf sei "rechtspopulistische Rhetorik zunehmend hoffähig" geworden und dieser sei "von Angriffen auf die Zivilgesellschaft geprägt" gewesen. Das gute Abschneiden der rechtsextremen AfD, die Verschärfung der Migrations- und Asylpolitik, die Einschränkungen der Meinungs- und Versammlungsfreiheit und die Zunahme von Hassverbrechen und Hassreden gäben "Anlass zu großer Sorge".
Der Bericht dokumentiert Einschränkungen der Meinungs‑, Versammlungs‑ und Vereinigungsfreiheit in Deutschland, insbesondere im Zusammenhang mit palästina-solidarischen Protesten. Der Menschenrechtskommissar des Europarats hatte sich besorgt über polizeiliche Maßnahmen geäußert, darunter übermäßige Gewalt bei Demonstrationen und Einschränkungen der akademischen Freiheit. Dabei bezieht sich der Bericht auf Situationen, in denen Kritik an Israel pauschal als antisemitisch eingestuft worden war und zieht auch Entscheidungen des VG Berlin heran. Die Berliner Verwaltungsrichterinnen und -richter hatten im Mai den Versuch gestoppt, mehrere ausländische Studierende auszuweisen, nachdem das Berliner Landesamt für Einwanderung ihnen vorgeworfen hatte, bei einer universitären Protestaktion antisemitischen Hass verbreitet zu haben.
Human Rights Watch kritisiert zudem die weitere Kriminalisierung des Klimaaktivismus in Deutschland. So erhob die Münchner Staatsanwaltschaft im März 2025 Anklagen gegen fünf Mitglieder der Letzten Generation, die hierbei als kriminelle Vereinigung bezeichnet wurde.
Zivilgesellschaft unter Druck
Weitere Probleme zeigen sich nach Ansicht des Reports beim staatlichen Umgang mit Nichtregierungsorganisationen. Die CDU/CSU reichte Anfang 2025 über 550 parlamentarische Anfragen ein, die sich auf die Finanzierung und politische Neutralität von 14 Organisationen bezogen. Die Gruppen hatten kurz zuvor gegen Rechtsextremismus protestiert und eine mögliche Zusammenarbeit der Union mit der AfD kritisiert ("Brandmauer"). Die betroffenen NGOs bezeichneten die parlamentarischen Anfragen als Versuch, sie zum Schweigen zu bringen.
Reporter ohne Grenzen dokumentierte darüber hinaus 89 Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten. 2024 gab es in Deutschland damit doppelt so viele Angriffe wie im Vorjahr.
Laut Report erreichte auch die politisch motivierte Hasskriminalität neue Höchststände. Offizielle Statistiken verzeichneten für 2024 insgesamt 84.172 Straftaten, davon 50% mit rechtsextremem Hintergrund. Die Zahlen für antisemitische und islamfeindliche Straftaten stiegen ebenfalls deutlich. Zivilgesellschaftliche Organisationen meldeten 2024 mehr als 3.000 antimuslimische Vorfälle.
Migrationspolitik verschärft
Der Bericht beschreibt eine deutliche Verschärfung der Migrationspolitik in Deutschland. So wurden u.a. die Grenzkontrollen ausgeweitet. Im Juni 2025 entschied das VG Berlin jedoch, dass Personen, die bei Grenzkontrollen auf deutschem Staatsgebiet ein Asylgesuch äußern, nicht einfach zurückgewiesen werden dürfen. Die Bundesregierung hielt dennoch an den Maßnahmen fest. Hinzu kam im gleichen Monat eine zweijährige Aussetzung der Familienzusammenführung für Personen mit subsidiärem Schutzstatus. Die Aussetzung eines humanitären Aufnahmeprogramms für afghanische Geflüchtete im Juli führte zu einer erfolgreichen Klage, nach der Betroffene wieder einreisen durften.
Zum Jahresende verabschiedete der Bundestag außerdem ein Gesetz, das es der Exekutive erlaubt, die Liste sicherer Herkunftsstaaten ohne parlamentarische Kontrolle zu ändern, um die Ablehnung von Asylanträgen zu erleichtern. Die Bundesregierung plant außerdem, Sozialleistungen für neu eingereiste ukrainische Geflüchtete einzuschränken.
Diskriminierung nimmt zu
HRW nennt die Entscheidung der CDU/CSU im Januar 2025, mit der AfD zusammenzuarbeiten, um weitere Einschränkungen bei der Einwanderung zu erreichen, einen "Tabubruch". Der Report dokumentiert Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz, in denen er Migration mit städtischer Unsicherheit verknüpft. Das Bundesamt für Verfassungsschutz stufte die AfD nach jahrelangen Ermittlungen im Mai 2025 als gesichert rechtsextrem ein.
Im Kontext der tödlichen Schüsse durch die Polizei auf den 21-jährigen Schwarzen Lorenz A. im April 2025 spricht HRW von systemischem Rassismus innerhalb der deutschen Polizei. Das Justizministerium hatte erklärt, es gebe keine Hinweise auf ein rassistisches Motiv für die Tötung.
Der World Report 2026 thematisiert auch den Anstieg der häuslichen Gewalt. Demnach gab es 2024 insgesamt 265.942 Personen, die von häuslicher Gewalt betroffen waren, was einem Anstieg von 18% über die letzten fünf Jahre entspricht. In 70% der Fälle handelt es sich bei den Opfern um Frauen; in 80% der Fälle geht die Gewalt von einem Intimpartner aus.
Zudem kritisiert der Bericht das vom Bundesinnenministerium geplante Registrierungssystem für trans-, inter- und nicht‑binäre Personen, das Geschlechtsangaben erfassen soll, bevor eine Änderung nach dem Selbstbestimmungsgesetz möglich ist. Menschenrechtsgruppen warnten vor zusätzlichen Diskriminierungsrisiken. Eine Entscheidung im Bundesrat wurde im Oktober 2025 verschoben, weil es an Zustimmung hierfür fehlte.
Soziale Ungleichheit steigt
Laut Bericht waren 2024 etwa 17,6 Millionen Menschen (ein Fünftel der deutschen Bevölkerung) von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. 29% der Alleinstehenden leben unterhalb der monetären Armutsgrenze. Frauen aller Altersgruppen sind von Armut besonders betroffen.
Gleichzeitig kündigte die Regierung an, das erst 2023 eingeführte "Bürgergeld" durch eine "neue Grundsicherung für Arbeitssuchende” zu ersetzen. Weitere Änderungen sollen den Zugang zu grundlegenden sozialen Leistungen einschränken.
Außenpolitische Neuausrichtung
Auf der Ebene der Außenpolitik konstatiert der Bericht eine deutliche Neuausrichtung Deutschlands. "Die Regierung legte ihren Schwerpunkt auf Sicherheitspolitik, Migrationseindämmung und wirtschaftliche Interessen, während Verweise auf Menschenrechte oder eine wertebasierte Außenpolitik in offiziellen Reden und strategischen Dokumenten deutlich abnahmen."
Im Hinblick auf die zunächst ausgesetzten, dann aber wieder aufgenommenen Waffenlieferungen an Israel schreibt HRW: "Die Bundesregierung versäumte es jedoch, alle verfügbaren Mittel einzusetzen, um Völkermord im Gazastreifen zu verhindern, und riskierte damit mögliche rechtliche Konsequenzen." Dass Bundeskanzler Merz sich im September 2025 dafür aussprach, eingefrorene russische Vermögen für die Aufrüstung der Ukraine zu verwenden, bezeichnet der Report als "bedeutende politische Wende".
Deutschland sei zudem ausschlaggebend daran beteiligt gewesen, die EU-Lieferketten-Richtlinie deutlich abzuschwächen. Diese war erst im Vorjahr verabschiedet worden, um negative Auswirkungen unternehmerischer Tätigkeiten auf Menschenrechte und Umwelt zu verhindern.


