CHB_RSW_Logo_mit_Welle_trans
jaheader_neu

    Erfahrungsbericht JA 12/2017

    Von Sabine Kramer, Universität Passau, und Anna Marie Chlantová, Universität Prag

    Erfahrungsbericht zum 5. Deutsch-Tschechischen Rechtsfestival

     
    Bereits zum fünften Mal fand das Deutsch-Tschechische Rechtsfestival vom 18. bis zum 24. September zwischen den beiden Städten Passau und Prag statt. Dabei diente es insbesondere als Plattform der Kommunikation und des Austauschs für Studierende, Referendare und wissenschaftlicher Mitarbeiter beider Länder. Ermöglicht durch zahlreiche Sponsoren wie beispielsweise die Bayerisch-tschechische Hochschulagentur, den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, bpv Braun Partners, das BOHEMICUM Regensburg-Passau und Giese & Partner fand der erste Teil der einwöchigen Tagung an der Universität in Passau, der zweite Teil an der Karls-Universität in Prag statt.

    Die Universität Passau ist mit ihren gerade einmal 40 Jahren eine der jüngsten und modernsten Universitäten Deutschlands, wohingegen die Karls-Universität mit ihren über 600 Jahren als älteste Universität Mitteleuropas gilt. Bereits dieser Altersunterschied verdeutlicht die breitgefächerte Vielzahl an Möglichkeiten, Unterschiedliches voneinander lernen zu können.

    Den thematischen Einstieg übernahm Prof. JUDr. Milan Damohorský, DrSc., mit einem Vortrag über den Klimaschutz und dessen Entwicklungen. Vergleiche zwischen den Ansichten und Problemen beider Länder kamen bei dieser Thematik nicht zu kurz. Die Tendenz in Deutschland zur Photovoltaikanlage auf jedem Eigenheim stand der Problematik in Tschechien, welches viel Braunkohle, aber wenige geeignete Flüsse für Wasserkraftwerke besitzt, gegenüber. Zentrales Element des Klimaschutzes sei eine gemeinsame aber unterschiedliche Verantwortung der Staaten. Anschließend stellte Prof. Dr. Hans-Georg Dederer das Pariser Abkommen aufgrund dessen Prinzips zur Selbstverpflichtung quasi als »Klimaschutz à la carte« dar, welches sich seiner Meinung nach als zwar voraussichtlich nicht effektiv genug, aber alternativlos herausstellen wird. Optimismus sei dabei unverzichtbar. Passend zur Bundestagswahl in Deutschland wurden von Prof. Dr. Urs Kramer auch die aktuellen Entwicklungen in der deutschen und von Doc. JUDr. PhDr. Jan Wintr, Ph.D., die der tschechischen Politik angesprochen. Beendet wurde der erste Tag durch ein gemeinsames Abendessen und einen geselligen Besuch im Stammlokal der Passauer Studierenden.

    Der zweite Vormittag befasste sich zuerst mit der Frage, wie verfestigte Strukturen am besten aufzureißen seien und die Frauenquote in der Gesellschaftsleitung erhöht werden könnte. Denn obwohl in Tschechien mehr als die Hälfte aller Uniabsolventen Frauen sind, beträgt die Frauenquote in Vorständen gerade einmal 9 %. Nach Ansicht der Referentin JUDr. Lucie Josková, Ph.D., LL.M., ist eine feste Minderheitenquote für einen Erfolg in naher Zukunft unumgänglich. Während Prof. Dr. Dennis Solomon, LL.M., und JUDr. BC. Jan Brodec, LL.M., eine sehr anschauliche und unterhaltsame Einführung in das internationale Vertrags- und Insolvenzrecht gaben, wurde der Nachmittag von dem schwerverdaulichen Thema der Nürnberger Prozesse geprägt. Die beiden Vortragenden JUDr. Jiří Šouša, Ph.D., und Prof. Dr. Sebastian Martens zeigten aus der Sicht beider Länder erneut, dass die größten Katastrophen anthropogener Natur sind. Nach dem akademischen Programm wurden die Teilnehmer von Eva-Maria Kaiser-Leucht, Präsidentin des Landgerichts in Passau, durch das Gerichtsgebäude und ihr beeindruckendes Arbeitszimmer geführt. Im Anschluss an das gemeinsame Abendessen folgte eine Stadtführung durch die historische Innenstadt von Passau.

    Die letzten Vorträge in Passau befassten sich zum einen mit dem kurzweiligen Vortrag von Doc. JUDr. Vojtěch Stejskal, Ph.D., zum strafrechtlichen Umweltschutz bzw. mit der Aufklärung der Frage, was der Schmuggel des Papageien Ara mit der Rache der Pharaonen gemeinsam hat. Zum anderen mit den von Prof. Dr. Kai von Lewinski vorgestellten Kodifikationsstrategien im Zivilrecht. Dabei wurde unter anderem anhand des Beispiels des Lebens- und Futtermittelgesetzbuches im Vergleich zur Zivilprozessordnung deutlich, dass die Bezeichnung als Gesetz nur als Indiz fungieren kann.

    Als krönender Abschluss des ersten Teils und für einen ersten Eindruck von Prag erwartete die Teilnehmer nach der gemeinsamen Busreise ins Nachbarland eine Bootsfahrt auf der Moldau.

    Der erste Tag in der goldenen Stadt begann mit zwei Doppelvorträgen über die Themen Sterbehilfe und Schiedsgerichtsbarkeit im Sportbereich. Dr. Oliver Gerson und JUDr. Lucie Široká stellten das moralisch diffizile Thema Sterbehilfe im Kontext der Gesetzeslage des jeweiligen Landes vor. Die folgende kontroverse Diskussion betonte die Komplexität dieser Problematik. Die folgenden Beiträge von JUDr. David Kohout Ph.D. und Prof. Dr. Thomas Riehm brachten die Frage der Schiedsgerichtbarkeit im Sportsrecht auf. Am Fall Claudia Pechstein wurde gezeigt, dass diese Verfahren aufgrund ihrer Schnelligkeit für Sportler notwendig sind und wie sie die deren Karriere beeinflussen können.

    Am Nachmittag folgten zwei Vorträge deutscher Rechtsanwälte, die in Tschechien ihre Tätigkeit ausüben. RA Arthur Braun, M. A., berichtete den Teilnehmern von aktuellen Fragen des Energierechts und RA Dr. Ernst Giese stellte in seinem Vortrag »Ein deutscher Rechtsanwalt in der Tschechischen Republik« Leben und Beruf in Prag aus der Sicht eines Deutschen vor. Aufgrund von gesundheitlichen Problem des Vortragenden musste der nächste Vortrag von Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Hromadka, Gründer des Deutsch-Tschechischen Rechtsfestivals, zum Thema Arbeitsrecht leider frühzeitig abgebrochen werden. Nach einer kurzen Unterbrechung wurde das akademische Programm am Donnerstag mit einem Beitrag zu den aktuellen Entwicklungen im europäischen Zivilverfahrensrecht von Prof. Dr. Wolfgang Hau abgeschlossen. Auch das Rahmenprogramm kam an diesem Abend nicht zu kurz, so wurden den Teilnehmern Einblicke in den tschechischen Senat des Parlaments gewährt.

    Der letzte Tag begann mit einer Liveschaltung zu Dr. Michal Bobek und dessen Rolle und Einfluss als Generalanwalt am EuGH. Anschließend erzählte Dr. Petra Škvařilová-Pelzl von der Arbeit in der Verwaltung des EuGH. Mit persönlichen Erzählungen gab sie eine Übersicht über die Besonderheiten des EuGH und die daraus entstehenden einzelnen Herausforderungen. Der folgende Block widmete sich dem Thema der Verfassungsgerichtsbarkeit. Auf den Vortrag EU Law Agenda in the Case Law of the Constitutional Courts vom Kanzler des Verfassungsgerichts der Tschechischen Republik, JUDr. Mgr. Ivo Pospíšil, Ph.D., folgte Prof. Dr. Rainer Wernsmann mit der Europäischen Agenda der Verfassungsgerichtbarkeit. Am Nachmittag berichtete Prof. Dr. Frank Maschmann über die zunehmenden Mitarbeiterkontrollen in der digitalen Arbeitswelt und wie die neue Datenschutzgrundverordnung das BDSG grundlegend verändern wird. Schließlich rundete Doc. Dr. iur. Mag. phil. Harald Christian Scheu, Ph.D., mit einem sehr aktuellen Beitrag zu den Maßnahmen zur Bewältigung der Flüchtlingskrise im Lichte des Menschenrechtsschutzes die Vortragsreihe des Rechtsfestivals ab.

    Zum Abschluss organisierten die tschechischen Studenten noch eine interessante Stadtführung mit einigen der wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Prag wie die Karlsbrücke, die Prager Burg und die älteste noch funktionierende astronomische Uhr am Prager Rathaus. Mit Deutsch als Tagungssprache waren die deutschen Studierenden und Vortragenden als Muttersprachler zwar bevorteilt, dennoch tat dies der Kommunikation aufgrund der herausragenden Fremdsprachenkenntnisse der tschechischen Kollegen keinen Abbruch.

    So trug das Rechtsfestival mit seinem abwechslungsreichen Themenquerschnitt und einem gelungenen Rahmenprogramm erneut zu einer Vertiefung der Deutsch-Tschechischen Zusammenarbeit und Freundschaft bei.

    Erfahrungsbericht JA 10/2017

    Von Ass. jur. Julia Martini, Speyer
        

    Wahlstation London – Leben wie ein London City Lawyer


    Die letzten drei Monate meines Referendariats verbrachte ich in London bei Fried, Frank, Harris, Shriver & Jacobson LLP (kurz Fried Frank) in der Kartellrechtspraxis. Dort erlebte ich die beste Wahlstation, die ich mir hätte wünschen können. Ich wurde schnell Teil des Teams und verbrachte während drei ereignisreicher Monate meinen Arbeitsalltag in einem altehrwürdigen Bürogebäude mit Blick auf die Bank of England und den Royal Exchange, nur einen Steinwurf entfernt von Themse und St Paul’s Cathedral.

    Wie es dazu kam?
    Drei Monate Ausland waren für mein Referendariat schon eingeplant, als ich noch nicht einmal die erste Staatsprüfung bestanden hatte. Zu Beginn des Jurastudiums hatte ich im Rahmen der fachspezifischen Fremdsprachenausbildung vier Semester anglo-amerikanisches Recht studiert, mein Schwerpunkt war das internationale Privatrecht. Dennoch hatte es mich nie gereizt, im Ausland zu studieren. Lieber wollte ich dort im Referendariat erste Arbeitserfahrung sammeln.
        
    Es zog mich nach London, in das Finanz- und Geschäftszentrum Europas. Die Stadt mit ihrem britischen Charme, dem stets wechselnden Kulturangebot und der großen Geschäftigkeit hatte bereits bei meinen früheren Besuchen eine unfassbare Faszination auf mich ausgeübt. So entstand der Wunsch dort mein Wahlfach zu absolvieren, ich hatte mich für das deutsche und europäische Kartell- und Wettbewerbsrecht entschieden.

    Stellensuche in London – Vorteile eines Telefoninterviews
    Doch welche war für mich die Richtige unter den zahlreichen in London angesiedelten Großkanzleien? Ich besann mich auf meine bisherigen
    Erfahrungen. Es sollte eine Großkanzlei mit kleinen aber feinen Teams sein, denn ich war nicht der Typ für einen anonymen »Großbetrieb«. Dieses Kriterium erleichterte meine Suche, Fried Frank war meine erste Wahl. Die amerikanische Großkanzlei hat eine Dependance mit rund 60 Anwälten in der City of London. Die dortige Kartellrechtspraxis wird von einem deutschen Partner geführt und ist klein und hochkarätig besetzt. Indem ich die Bewerbung direkt an den Partner sendete, sprach ich jemanden an, der selbst das Referendariat absolviert hatte und dem die deutsche Juristenausbildung aus eigener Erfahrung sehr gut bekannt war.
       
    Das Bewerbungsverfahren konfrontierte mich zunächst mit einem Fragebogen: Hatte ich Stipendien? Welche Preise hatte ich während meiner Ausbildung gewonnen? Was waren meine Erfolge außerhalb des Studiums? Zu guter Letzt hatte ich mein wirtschaftliches sowie politisches Verständnis unter Beweis zu stellen. Auch ohne Stipendien aufweisen zu können und mithilfe von Kreativität und eines kurzen Blickes in den »Economist« bewältigte ich diese erste Hürde. Das folgende Telefoninterview absolvierte ich mit meinem zukünftigen Chef, also dem deutschen Partner, und einer Dame aus der Human-Resources-Abteilung. Am Ende war mir die Wahlstation in London sicher.
       
    Aus eigener Erfahrung sei kurz auf die Vorteile eines Telefoninterviews hingewiesen: Nachdem ich den Kanzleinamen unwissentlich mehrfach englisch ausgesprochen hatte, klärte mein zukünftiger Chef mich auf: »Julia, you are doing a great job pronouncing Fried Frank in English, but it is not like ›Fried Chicken‹. Fried is a Jewish name.« Geplättet stellte ich fest, dass mich meine »Gegenüber« nun wenigstens nicht rot anlaufen sahen. Wunderbar!

    Wohnungssuche und Organisatorisches – Referenzen und andere Hürden
    Bevor es losgehen konnte, war die wichtigste Frage, wo ich wohnen sollte. Ich wollte auch neben der Arbeit Anschluss an »locals« finden. Deshalb suchte ich eine Zwischenmiete in einer Londoner WG. Zum Glück bekam ich einen unschlagbaren Tipp: Spareroom.uk ist das britische Pendant zu den einschlägigen deutschen Websites. Mit der übersichtlichen App fiel mir die Suche leicht, es gab sogar eine Filterfunktion, die ausschließlich Wohnungen nahe ausgewählter U-Bahn-Linien und weiterer öffentlicher Verkehrsmittel anzeigte. Meine anfängliche Panik, ich könnte in London obdachlos werden, wurde durch die zahlreichen Horrorgeschichten über die Wohnsituation in der englischen Hauptstadt auf Social-Media-Plattformen geradezu beflügelt. Ich schrieb zunächst alle Anbieter an, die seriös wirkten und deren Angebote ansatzweise bezahlbar waren. Als ich erstaunlich viele Rückmeldungen bekam, wurde ich wählerischer. Ich wollte neben dem Full-Time-Job in der Kanzlei schließlich weder Gesellschafterin älterer Herrschaften noch Kindermädchen für junge Familien werden. Am Ende fand ich, was ich gesucht hatte: eine WG im verrückten und aufstrebenden Stadtteil Hackney mit entspannten und liebenswerten berufstätigen Londonern meines Alters, die einem gelegentlichen Glas Wein am Abend nicht abgeneigt waren. Zudem betrug mein Arbeitsweg Tür zu Tür dank Overground (eine oberirdische Londoner S-Bahn) insgesamt nur 35 Minuten. Für mich absolut wichtig, da ich die wenige Zeit, die mir in London blieb, auf keinen Fall an lange Wege verschwenden wollte. So war ich zusätzlich auch an den Wochenenden gut angebunden.
       
    Noch etwas habe ich bei der Suche gelernt: Sobald die Zwischenmiete offiziell bei der zuständigen Immobilienagentur eingetragen wird, fallen hierfür Gebühren an, die gut und gerne 400 GBP betragen. Außerdem werden über Gehaltsabrechnungen und Bankbelege der letzten drei Jahre bis hin zu Vermieter- und Arbeitgeberreferenzen alle erdenklichen Nachweise gefordert. Da ich fürchtete, die Agentur würde mein mageres Referendargehalt wohl kaum als ausreichende Sicherheit ansehen, versuchte ich verständlich zu machen, dass ich in London natürlich auch ein Gehalt bekommen würde. Auch suchte ich einen Ausweg dafür, meine etwas betagte deutsche Vermieterin um eine englischsprachige Referenz bitten zu müssen. Zum Glück blieb mir dies alles erspart, und es ergab sich in letzter Sekunde eine Lösung außerhalb des Kompetenzbereichs der Agentur. Hier hilft vor allem Kreativität.
       
    Der übrige organisatorische Aufwand war sehr überschaubar. Die zusätzliche Auslandskrankenversicherung schloss ich unkompliziert online ab. Vor Ort musste ich schließlich nur noch eine National Insurance Number beantragen – dies umfasste einen persönlichen Termin bei dem für mich zuständigen Londoner Job Center – und ein Konto eröffnen. Auch finanziell war der Aufenthalt gut zu bewältigen. Zu dem deutschen Referendargehalt kam ein kleines englisches Gehalt dazu, zudem gewährte mir das Land Rheinland-Pfalz, wie andere Bundesländer es ebenfalls handhaben, Trennungsgeld und eine Reisekostenerstattung.

    Arbeitsalltag Großkanzlei – »Maybe Julia can help«
    Von der ersten Sekunde an – ich hatte gerade erst die beiden Associates kennengelernt – war ich mitten drin. Zu meinem Einstand wurde die meist mehrmals wöchentlich stattfindende Besprechung des Kartellrechtsteams ausführlicher gestaltet und ich bekam anhand der Projektliste einen Überblick über die laufenden Projekte.
       
    Es war ein bunter Strauß aus Fusionen in den verschiedensten Phasen von Due Diligence über die weltweite Fusionskontrollprüfung bis hin zur Anmeldung bei nationalen Kartellbehörden, der Gründung eines Joint Ventures sowie verschiedenen allgemein kartellrechtlichen Fragestellungen. Dabei fungiert das Londoner Team stets als Schnittstelle und Koordinator. Es ist verantwortlich für die weltweite Fusionskontrolle und mögliche Anmeldungen und Verfahren. Zumeist – besonders in südamerikanischen und asiatischen Ländern – arbeitet es dabei mit lokalen Kanzleien zusammen. Nordamerika wird von den dortigen Fried-Frank-Teams in Washington und New York abgedeckt, mit denen ein täglicher Austausch besteht. Hinzu kamen Aufgaben aus dem Bereich »Business Development«. Hierunter fallen beispielsweise die Aktualisierung interner Datenbanken sowie das Verfassen von Artikeln, die als »News Alert« die Mandanten zu aktuellen Rechtsentwicklungen informieren.
       
    Bereits während der Besprechung stand fest, dass mir nicht langweilig werden würde. Bei vielen der für mich völlig neuen Projekte vermerkte mein Chef gegenüber den beiden Associates »Maybe Julia can help«. Damit war das Motto meiner Wahlstation geschaffen. Vom ersten bis zum letzten Tag sorgte dieser neue Lieblingssatz meines Chefs dafür, dass ich bei den meisten Projekten involviert war. Und das war das Beste, was mir passieren konnte. So bekam ich einen umfassenden Einblick in die verschiedenen Projekte und Aufgaben und erlebte die Vielfältigkeit des Arbeitsalltags der Kartellpraxis.
       
    Getreu dem Motto arbeitete ich abwechselnd für die beiden Associates und meinen Chef. Mein Arbeitsalltag gestaltete sich abwechslungsreich. Neben den mir übertragenen Aufgaben war ich bei Telefonkonferenzen dabei, bei wichtigen Gesprächen fertigte ich Protokolle an. Das wurde besonders spannend und manchmal sogar nervenaufreibend, wenn die Teilnehmer der Telefonkonferenz mit mehr oder minder ausgeprägtem Akzent bei schlechter Tonqualität englische Fachtermini verwendeten. Auch an Gesprächen mit möglichen Geschäftspartnern oder einem informellen Mittagessen mit einem Mandanten nahm ich teil. Schließlich gehörte zum Arbeitsalltag die regelmäßige Teilnahme an sogenannten Lecture Series. Auch dies ermöglichte mir die Kanzlei. So hörte ich beispielsweise einen Vortrag von Prof. Dr. Dr. Baudenbacher, dem Präsidenten des EFTA-Gerichtshofs, zu »Shortcuts in Competition Law« vor der eindrucksvollen Kulisse der Gebäude der Gray’s Inn, einer der vier englischen Anwaltskammern.
       
    Eine meiner ersten Aufgaben war die Erstellung einer Produktmarktdefinition für Aluminium anhand von Entscheidungen der Europäischen Kommission sowie nationaler Kartellbehörden, insbesondere der britischen Competition and Market Authority (CMA). So erhielt ich einen ausführlichen Einblick in den Aluminiummarkt; ein Bereich der mir – wer hätte es gedacht – mangels Vorkenntnissen absolut fremd war. Entsprechend erschloss ich mir die Fachtermini, die die jeweiligen Produkte bezeichneten, anschaulich anhand von Bilddarstellungen. Für meine Kollegen war dies nicht das erste Projekt auf diesem Gebiet, sodass mein Chef sich nicht nur an einzelne Entscheidungen erinnerte, ihm waren sogar die einzelnen Produktgruppen und Kriterien geläufig. Dies half mir enorm weiter und ich überstand diese erste Aufgabe unbeschadet.

    Einige Wochen später konnte ich bei der Erstellung einer Produktmarktdefinition für einen bestimmten Bereich der Modebranche zur Hochform auflaufen. Einerseits war ich mittlerweile vertraut mit der Durchsicht der Entscheidungen und den hierfür verwendeten Portalen. Andererseits verstand ich bereits die Grundbegriffe. Im Zeitraffer schwirrten zahlreiche Bilder bunter Handtaschen, hübscher Kleidung, schicker Schuhe und funkelnden Schmucks durch meinen Kopf. So war es mir ein leichtes, anhand zahlreicher Entscheidungen der Kommission ein anschauliches Cluster der Produktgruppen zu erstellen. Mein Chef quittierte den Arbeitseinsatz scherzhaft mit »Now that it is about fashion, we can’t stop Julia.« Am Ende begeisterte dieses Projekt jedoch auch die in meiner Nähe sitzenden Kolleginnen, die nicht zum unmittelbaren Team gehörten. Für kurze Zeit waren wir einer Meinung mit Karl Lagerfeld: »Stress kennen wir nicht. Wir kennen nur Strass.«
       
    Darüber hinaus recherchierte ich zu verschiedenen kartellrechtlichen Fragestellungen und lernte einige Bereiche kennen, die äußerst praxisrelevant sind, jedoch in den universitären Unterlagen zum Kartellrecht ausgeklammert werden. Ich beschäftigte mich zum Beispiel mit Veräußerungszusagen und deren Ausgestaltungsmöglichkeiten und der Auswirkung von Veränderungen des Zusammenschlussvorhabens zwischen Unterzeichnung und Abschluss des Projektes auf eine bereits durchgeführte Anmeldung beim Bundeskartellamt. Im Rahmen der  Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens in Asien wurde ich mangels adäquater Hilfestellung von lokalen Anwälten zum »Korean Expert« ernannt.
       
    Meine erste Client Note schrieb ich zu wettbewerblich sensiblen Daten. Ein Mandant wollte wissen, welche Daten zu Verkäufen auf Onlineplattformen zur verkäuferspezifischen Marktanalyse verwendet werden und vor allem an Händler auf diesen Plattformen veräußert werden dürfen. Mein Rechercheergebnis stellte ich zugleich in einem an den Mandanten gerichteten E-Mail-Entwurf dar. Dabei lernte ich folgenden Grundsatz: »Just give the f … answer.« Ich hatte die Ergebnisse aus meinem Memo wie in einem wissenschaftlichen Aufsatz fein säuberlich strukturiert in mehreren Absätzen in eine E-Mail verpackt. Nach dem nicht böse gemeinten Hinweis meines Chefs fiel auch mir wie Schuppen von den Augen: Der Mandant zahlt, damit er schnell und kurz eine Antwort auf seine Frage bekommt. Detailliertere Ausführungen zu dieser Antwort folgen anbei lediglich für den Fall, dass der Mandant mehr erfahren möchte.
       
    Zugleich war ich auch an anderer Front gefordert. Bei der monatlichen Telefonkonferenz der Fried-Frank-Kartellpraxis kommen dieTeams aus London, New York und Washington zusammen, um das Tagesgeschäft sowie wichtige rechtliche Neuerungen zu besprechen. Letztere werden im Rahmen von Kurzvorträgen präsentiert. Gleich in meiner ersten Konferenz war ich auserkoren, die umstrittene Altice-Entscheidung der französischen Kartellbehörde darzustellen. Diese hatte wegen gun-jumpings eine Rekordgeldbuße von 80 Millionen EUR verhängt. Nun gab es hierzu zwar eine kurze englische Pressemitteilung der Kartellbehörde sowie einen etwas ausführlichen Artikel auf einer der einschlägigen Datenbanken, jedoch kam ich nicht umhin, mein sehr eingerostetes Schulfranzösisch auszupacken und mangels Übersetzung die etwa 30 Seiten umfassende Entscheidung im Original zu lesen. Allein deshalb ging mein Vortrag wohl als derjenige mit der längsten Vorbereitungszeit in die Fried-Frank-Geschichte ein.
       
    Über die gleiche Entscheidung berichtete ich auch im Rahmen eines Vortrages, den unser Team als Kartell-Update für die anderen Londoner Teams vorbereitet hatte. Es galt, die Kollegen für die Bedeutung des Kartellrechts zu sensibilisieren und zu zeigen, dass es wichtig ist das Kartell-Team von Beginn an in ein Projekt einzubeziehen. So hatte ich die Rechtsprechung der Altice-Entscheidung mit unseren Standardverträgen abgeglichen, um sicherzustellen, dass nicht bereits einzelne Vertragsklauseln als gun-jumping zu werten waren.
       
    Schließlich arbeiteten wir – quasi als Höhepunkt meiner Wahlstation – in meinen letzten Arbeitstagen unter Hochdruck an der Anmeldung einer Fusion beim Bundeskartellamt, die wir an meinem letzten Arbeitstag einreichten. Damit kam inklusive einiger Recherchearbeiten das deutsche Kartellrecht auch in London nicht zu kurz.
       
    Herausragend war für mich die Ausarbeitung eines Artikels, der als News Alert publiziert wurde. Die CMA hatte mit der ersten  Werbekampagne ihrer Geschichte auf ihr Bonusprogramm für Whistleblower aufmerksam gemacht. Mich führte dieses unkonventionelle Handeln der CMA gemeinsam mit meinem Chef und einem der Associates zu meiner ersten Publikation.

    Arbeitszeiten und Arbeitsatmosphäre – »Julia, what are you still doing here? Bedtime!«
    Damit zum vielleicht wichtigsten Teil, Arbeitszeiten und Atmosphäre. Die offiziellen Bürozeiten von Fried Frank London sind 9.30 – 17.30 Uhr. Morgens bedeutete das für mich als Langschläferin wahnsinnigen Luxus. Bezüglich des Feierabends hatte mein Chef von vorneherein klargestellt, dass er von mir keine Überstunden erwartete, schließlich gebe es in London vieles zu erleben. Letzteres stand außer Frage, aber ich war in London, um den Arbeitsalltag zu erleben. Das funktionierte in meiner Welt nur, wenn ich keine Zuschauerrolle einnahm und keine Sonderkonditionen beanspruchte. Ich wollte so gut es ging ein möglichst gleichwertiger Teil des Teams sein und so blieb ich auch nach 17.30 Uhr. Die gut gemeinten Versuche meines Chefs, mich nach Hause zu schicken schlug ich aus, denn das Arbeitspensum unseres Teams – ohne mich wie gesagt nur dreiköpfig – war wahnsinnig hoch. Da wollte ich keine Ausnahme sein.
       
    Die Projekte waren teilweise sehr umfangreich, an einem arbeiteten wir während der gesamten drei Monate, in denen ich Teil des Teams war, fast täglich. Hinzu kamen kleinere Projekte und kurzfristige Angelegenheiten. Dies war nicht planbar, vielmehr musste das Allermeiste direkt erledigt werden. Galt es innerhalb weniger Tage eine Stellungnahme für eine kartellbehördliche Prüfung zu fertigen und diese abzuwenden, wurden Nachtschichten eingelegt. Dabei kommt dem Begriff der Nachtschicht bei der allgemein schon hohen Zahl an Arbeitsstunden eine neue Bedeutung zu. Aber auch die entspannteren und ruhigeren Tage wusste unser Chef mit Arbeit zu füllen. Schließlich gab es interne Datenbanken, die aktualisiert werden mussten, Vorträge, die es vorzubereiten galt und rechtliche Neuerungen, über die unsere Mandanten in einem Artikel per News Alert informiert werden sollten.
       
    Ich arbeitete zwar bedeutend weniger als unsere Associates, kam aber dennoch des Öfteren in die Gelegenheit, die Annehmlichkeiten der abendlichen Überstunden in Großkanzleien zu genießen. Ab einer bestimmten Uhrzeit ging das Abendessen per Onlinebestellung und Lieferdienst auf Mandantenkosten, ebenso wie die Heimfahrt im Taxi. Eines Abends kam einer unserer Associates – nur unwesentlich älter als ich – an meinem Schreibtisch vorbei und forderte mich auf »Julia, what are you still doing here? It’s bedtime!«
       
    So kam der Humor im Team nie zu kurz. Die bereits erwähnte Präsentation unseres Teams für die Londoner Kollegen enthielt eine Folie, auf der die Köpfe der beiden Associates sowie der meinige in das Filmposter von Charlie’s Angels eingefügt waren. Die Überschrift war nach unserem Chef in »Toby’s Angels« umbenannt. Manchmal überwog aber auch Galgenhumor. Zum Beispiel rief eine von uns vorbereitete farblich abgesetzte Excel-Tabelle, die unsere Mandanten perfekt ausgefüllt zurücksendeten, bei unserer Associate wahre Begeisterungsstürme hervor: »I have never seen something more beautiful than this excel sheet.« Leider war das keine Ironie, meine Kollegen waren gewohnt, das solche Hilfestellungen unsererseits ignoriert wurden und uns alle Informationen nur scheibchenweise und teilweise in letzter Minute mitgeteilt wurden.
       
    Einen schönen Ausgleich boten zudem die von der Kanzlei organisierten Events, beispielsweise »Office Drinks« oder ein »Cheese and Wine Tasting« mit Quiz. Keine Frage, dass der erste Preis hierfür an unser Kartellrecht-Team ging. Die Vier-Liter-Rotweinflasche zierte einige Wochen den Schreibtisch unserer Associate. Aber auch über solche Veranstaltungen hinaus war die Stimmung in der Kanzlei teamübergreifend kollegial. Soweit die Zeit es zuließ, fanden sich gelegentlich einige Kollegen für ein gemeinsames Mittagessen in einem der zahlreichen nahegelegenen Restaurants oder auf einem der nahen Märkte. Auch abends ergaben sich einige Gelegenheiten, über die freitags obligatorischen After-Work-Drinks hinaus gemeinsam etwas zu unternehmen. Zum Beispiel nahm ich trotz mangelnder Kenntnisse zu »Coronation Street« und anderen britischen TV-Highlights mit einigen Kollegen an einem Pub Quiz teil.

    Fazit: die beste Wahlstation, die ich mir hätte wünschen können
    Ich bin froh, meinen lange gehegten Plan der Wahlstation in London in die Tat umgesetzt zu haben. Dank hilfsbereiter Kollegen und einem tollen Team habe ich mich schnell einarbeiten können, und auch mein Wunsch, ein Teil des Teams zu werden, hat sich erfüllt. Auch wenn die Arbeitstage stets gut gefüllt waren, war die Arbeit mit den erfahrenen Kollegen für mich inspirierend. Besonders deren Arbeitstempo beeindruckte mich und ich konnte mir einige Kniffe abschauen. So lernte ich nicht nur fachlich, sondern auch praktisch sehr viel.
       
    Zudem habe ich es genossen, London einmal nicht als Besucherin, sondern – zumindest für kurze Zeit – als Einwohnerin kennenzulernen. Zurück in meiner deutschen Heimatstadt vermisse ich nicht nurdie unglaubliche kulturelle und kulinarische Vielfalt. Ich vermisse auch Banalitäten wie den schellen Schritt, mit dem ich mich in London morgens den Fußgängern anschließen konnte. Hier bremst mich jeder zweite mit seinem gemütlichen Trott aus. Für mich war der Schritt ins Ausland jede Mühe wert und ein großer Gewinn.

    Erfahrungsbericht JA 8/2017 Deutsche und englische Fassung

    Von Maximilian Pika und Pierre Trippel, Universität Heidelberg

    Vis Moot Afrika an der Bahir Dar University in Äthiopien


    Alljährlich versammeln sich mehr als 300 Universitätsteams in Wien, um am internationalen Willem C. Vis Moot Court für Schiedsverfahrensrecht und UN-Kaufrecht teilzunehmen. Damit ist der Vis Moot der weltweit größte studentische Moot-Wettbewerb und ermöglicht den Teilnehmern eine einzigartige Möglichkeit, ihre schriftlichen und mündlichen juristischen Fähigkeiten in praktischer Anwendung zu verbessern und sich dabei mit Studenten aus verschiedensten Rechtskreisen auszutauschen. Mit der Gründung des Schwesterwettbewerbs Vis East in Hong Kong vor nunmehr 15 Jahren wurde vielen asiatischen und australischen Teams eine einfache Teilnahmemöglichkeit eröffnet. Gleichzeitig erfuhr der Wettbewerb stetig wachsende Teilnehmerzahlen von Teams aus Nord- und Südamerika sowie Europa, da viele Universitäten das Ausbildungspotential des Wettbewerbs im Lichte der besonderen Anforderungen eines globalisierten Rechtsmarkts erkannten. Obgleich diese steigenden Teilnehmerzahlen bemerkenswert sind, gibt es nach wie vor einen Kontinent, der bislang von den jüngsten Entwicklungen nicht profitieren konnte und weiterhin signifikant unterrepräsentiert ist: Afrika.

    So kam es, dass Maximilian Pika und Pierre Trippel im Jahr 2015 beschlossen, ihr eigenes Bildungsprojekt zur Förderung der Teilnahme afrikanischer Teams am Wettbewerb ins Leben zu rufen. Nachdem die beiden in den Jahren zuvor bereits Teams der Bucerius Law School in Hamburg und der Universität Heidelberg erfolgreich auf die Teilnahme am Vis Moot vorbereitet hatten, erkannten sie die Notwendigkeit, förderbedürftigen Universitäten vermehrt Unterstützung zukommen zu lassen und diese Vision im Rahmen eines gemeinnützigen Projekts in einem Entwicklungsland selbst zu realisieren. Zur Umsetzung des Projekts wurde kurz darauf Jackson S. Kern Teil des Teams, ein amerikanischer Absolvent der Seattle Universität und der Bucerius Law School, der für die Addis Law Group in Äthiopien und Washington D.C. tätig ist.

    Anfang 2016 nahm das Projekt konkrete Gestalt an, als dank Jackson Kerns fortführender Tätigkeit in Äthiopien eine Kooperation mit der Bahir Dar Universität im Nordwesten Äthiopiens geschlossen werden konnte. Ziel dieser Kooperation war es, eine Teilnahme der Universität am 24. Vis Moot 2016/2017 in Wien zu ermöglichen, eine Vollfinanzierung mittels Spendengeldern zu ermöglichen und die Studenten für die schriftlichen und mündlichen Teile des Wettbewerbs optimal vorzubereiten.

    Im September 2016 begannen sodann zehn äthiopische Studenten aus dem LL.M.-Programm der Bahir Dar Universität ihre Teilnahme am Wettbewerb und wurden zunächst per E-Mail und Skype erstmals in internationalem Schiedsverfahrensrecht, UN-Kaufrecht und juristischen Schriftsatzkompetenzen unterrichtet. Von Beginn an war das Arbeitsverhältnis mit den Studenten von deren stetiger und starker Motivation geprägt, die eigenen juristischen Fähigkeiten zu verbessern und alle neuen Lerninhalte wissbegierig aufzunehmen. Ihren ersten großen Erfolg erfuhren die Studenten, als sie Ende Januar 2017 die Schriftsätze für den Kläger und den Beklagten in Wien einreichten. Dabei schafften sie es auf über 70 Seiten umfassende juristische Argumente zu entwickeln und erstmals in ihrer juristischen Laufbahn auf der internationalen Bühne aufzutreten.

    Ende Januar 2017 reisten Herr Pika, Trippel und Kern dann nach Äthiopien, um die Studenten der Bahir Dar Universität persönlich zu treffen und im Rahmen eines einwöchigen Intensivworkshops auf die mündliche Teilnahme am Vis Moot vorzubereiten. Dabei lernten es die Studenten schnell, ihre mündlichen Argumente anhand des Sachverhalts des Vis-Moot-Falls zu entwickeln, das anwendbare Recht herauszuarbeiten und relevante Entscheidungen in ihre Argumentationsstruktur einzubeziehen. Während des Workshops machten die Studenten große Fortschritte in ihrem juristischen Wissen, ihrer Argumentationsfähigkeit und den Präsentationsfähigkeiten. Die Studenten teilten ihre Sicht auf das juristische System und die Traditionen in Äthiopien und schafften es schnell, einen individuellen Stil zu entwickeln, um ihrer Fallpräsentation einen eigenen äthiopischen Charakter zu verleihen. Leider konnten aufgrund von finanziellen Beschränkungen nicht alle Studenten am Wettbewerb in Wien vor Ort teilnehmen, weshalb zum Ende des Workshops hin eine Auswahl getroffen werden musste. Diese Entscheidung gestaltete sich ungemein schwierig, da alle Studenten ein Maß an Hingabe und Motivation zeigten, das seinesgleichen sucht. Schlussendlich wurden Herr Sisay und Herr Tesema ausgewählt, um nach Europa zu reisen. Obgleich diese Entscheidung für manche Studenten niederschlagend war, zeigten sie dennoch in der darauffolgenden Zeit ihre uneingeschränkte Unterstützung für ihre beiden Repräsentanten in den mündlichen Verhandlungen und waren sehr stolz darauf, was sie als Gruppe und Vertreter ihres Landes und ihrer Universität bereits gemeinsam erreicht hatten.

    Ende März flogen die beiden ausgewählten Studenten dann nach Heidelberg, wo sie eine Woche mit ihren beiden deutschen Coaches Herrn Pika und Herrn Trippel verbrachten. Während dieser Woche schafften es die Studenten schnell, sich an das europäische Essen, die deutsche Kultur und badische Braukunst zu gewöhnen und schlossen schnell viele neue Freundschaften. Außerdem erhielten die beiden eine intensive und individuelle Vorbereitung für die herannahenden mündlichen Verhandlungen in Wien und konnten zum Ende ihrer Zeit in Heidelberg ihre Fähigkeiten erstmals im Rahmen einer Teilnahme am Heidelberg Promot gegen andere Studenten in echten Debattenrunden erproben. Für die Studenten stellte dies der bisherige Höhepunkt ihre Teilnahme dar, da sie von den anderen Teams der Universitäten Montpellier, Auckland, Teheran und Heidelberg sowie von den international besetzten Schiedsgerichten viel Zuspruch und Anerkennung erfuhren.

    Nach einer 13-stündigen Busfahrt von Heidelberg nach Wien hatten die Studenten trotz der Reisestrapazen unmittelbar Lust, weitere Proberunden gegen die Teams der Universitäten McGill und Penn State durchzuführen und bewiesen sogar wahren Vis Moot Spirit, als sie abends afrikanische Tanzeinlagen auf der Vis-Moot-Eröffnungsfeier zelebrierten. Schließlich gilt: Der Vis Moot schläft nie.

    Am darauffolgenden Tag wurde den Studenten eine große Ehre zuteil, als sie am Graf & Pitkowitz Pre-Moot im österreichischen Obersten Gerichtshof als Zuschauer teilnehmen durften. Dort erhielten sie die Möglichkeit, außergewöhnlichen Debattenrunden der Universitäten aus Harvard, Buenos Aires, Columbia und Montevideo beizuwohnen. In der Pause ließen sie sich von der Festrede von DLA Piper’s Mark A. Nadau begeistern, der die fundamentalen Aspekte der Freundschaft, der Bildung und des Networkings während des Vis Moots genauer beleuchtete. Abschließend waren die Studenten besonders von einem Treffen mit Margaret L. Moses angetan, deren Lehrbuch über Schiedsverfahrensrecht das einzig zugängliche Vorbereitungsmittel der Unterrichtsklasse an der Bahir Dar Universität war.

    In der weiteren Woche in Wien repräsentierten die Studenten dann in außerordentlicher Weise ihre Heimatuniversität in den mündlichen Verhandlungen des 24. Vis Moot gegen die New York University, die University of Brasilia, das ILS College of the Law India und die Rotterdam University. Damit hatten die Studenten Anhörungen gegen Teams aus Common- und Civil-law-Jurisdiktionen, was maßgeblich zum Ausbildungserfolg der Studenten beitrug. Alle Schiedsgerichte drückten ihre große Wertschätzung für die erstmalige Teilnahme der Bahir Dar Universität aus und schätzten am Auftreten der äthiopischen Studenten insbesondere deren Professionalität, Leidenschaftlichkeit und tiefgründige Vorbereitung, die sich in teils sehr unterhaltsam vorgetragenen juristischen Argumenten zeigte. Eine Vielzahl von Personen bot für künftige Jahre Unterstützung für das Bildungsprojekt an und betonte das große Potenzial von juristischen Bildungsinitiativen auf dem afrikanischen Kontinent.

    Nach ihrer Rückkehr nach Äthiopien war zunächst angedacht, dass beide Studenten Vollzeit-Lehrtätigkeiten an der Bahir Dar Universität und der Universität von Aksu antreten werden. Jedoch hat sich in der Zwischenzeit ergeben, dass beide Studenten zur großen Begeisterung aller Beteiligten Vollstipendien für ein Master-Studienprogramm an der Penn State University in den Vereinigten Staaten erhalten haben und dementsprechend das kommende Jahr mit einem vertieften Studium im englischsprachigen Raum verbringen werden. Nichtsdestotrotz werden beide die Studenten des neuen Jahrgangs in Äthiopien für eine erneute Vis-Moot-Teilnahme mitbetreuen und ihre erlernten Lektionen über internationale anwaltliche Praxis und Vielfalt der juristischen Traditionen an die jüngeren Jahrgänge weitergeben. Beide Studenten werden sich dafür einsetzen, an äthiopischen Universitäten eine Vis-Moot-Tradition zu begründen und dabei eng mit den Unterstützern des Vis-Moot-Afrika-Projekts zusammenarbeiten.

    Insgesamt war das Projekt für alle Beteiligten eine absolut einzigartige Erfahrung, und die Erinnerungen und entstandenen Freundschaften werden sicherlich anhaltend bereichern. Es ist besonders hervorzuheben, dass die Realisierung des Projekts ohne die Unterstützung diverser Kanzleien und Einzelpersonen aus Deutschland und Dubai sowie der Universität Heidelberg nicht möglich gewesen wäre. Ohne diese großzügige Hilfe hätte die Bahir Dar Universität nicht am 24. Vis Moot teilnehmen können, der Geist des Wettbewerbs wäre nicht von Wien nach Äthiopien getragen worden und viele Personen hätten niemals die Möglichkeit bekommen die beiden großartigen und bemerkenswerten Studenten Herr Sisay und Herr Tesema kennenzulernen.#



    Englische Fassung


    Vis Moot Africa at Bahir Dar University in Ethiopia

    Each year more than 300 university teams gather in Vienna to attend the hearings of the Willem C. Vis Commercial Arbitration Moot Court, which makes the Vis Moot the biggest law student competition worldwide. The Vis Moot is a unique opportunity for students to receive training on international arbitration and UN sales law, to improve their oral and written advocacy skills and maybe most importantly exchange with like-minded young professionals from around the world. With the establishment of the Vis East, the Vis Moot’s sister competition in Hong Kong, almost 15 years ago, the Moot opened its gates to many teams from Asia and Oceania. At the same time, the number of competing teams from the Americas and Europe also grew significantly as the competition gained a strong profile in addressing the educational demands of a globalized legal market. Whilst these developments in recent years are truly outstanding, there still remains one continent that has very little representation in the competition: Africa.

    After having participated for five years as students and academic instructors for their alma mater Bucerius Law School Hamburg in Germany and later on for Heidelberg University, Maximilian Pika and Pierre Trippel decided in 2015 to contribute to the integration of African teams into the Vis Moot. Over the years, their motivation to participate in the Vis Moot became fundamentally driven by their desire to promote the educational character of the competition and therefore became determined to found their own capacity building project. Together, they partnered up with Jackson S. Kern, a Seattle University and also Bucerius Law School alumni, who is with the Addis Law Group.

    In early 2016, the project started to take shape when thanks to Jackson Kern’s continuous involvement in Ethiopia a cooperation with Bahir Dar University in Northwestern Ethiopia could be formed. The main objective was to enable a participation of Bahir Dar University in the 24th Vis Moot 2016/2017 in Vienna and prepare the students for the written and oral competition. Starting in September 2016, ten Ethiopian students from Bahir Dar’s LL.M. program were taught on international arbitration law, UN sales law, written legal techniques and the usage of case law via E-Mail and Skype. From the outset, the working relationship with the students was characterized by their strong and continuous motivation to improve their advocacy skills in a truly remarkable manner. The students experienced their first major success when they were able to submit their Memoranda for Claimant and Respondent to the Vis Moot organization by the end of January 2017. They managed to draft 70 pages of comprehensive legal arguments and thereby participated on the international legal stage for the very first time in their legal careers.

    In late January 2017, Mr. Pika, Mr. Trippel and Mr. Kern travelled to Ethiopia to meet Bahir Dar’s Vis Moot class in person and to conduct a week-long workshop on the Vis Moot problem with a special focus on the oral skills required for the hearings in Vienna. The students quickly learned how to base their oral arguments on the facts of the Vis Moot problem, the applicable statutory law as well as relevant case law. Throughout all stages of the workshop, every single student has taken tremendous steps forward with regards to their legal knowledge, reasoning and presentation skills. The students shared their perspective on Ethiopian advocacy and quickly developed their individual style in arguing their case on an international stage. By the end of the workshop, the students were able to deliver an entire speech on behalf of their clients and could engage in profound legal arguments with a panel of arbitrators. Unfortunately, due to financial restrictions, not all students could continue their journey to the oral competition in Vienna and a selection had to be made. It was incredibly difficult to reach such a decision since every single student of the class showed a level of dedication that can only be described as outstanding. Finally, after the completion of the workshop, Mr. Sisay and Mr. Tesema were selected to travel to Europe. Although the decision has certainly been heart-breaking for some students, all of them were at all times showing their continuous support towards their two representatives in the oral competition and were very proud of what they achieved together as a strong team.  

    In the end of March the selected Ethiopian students arrived in Heidelberg and stayed for one week with their German coaches. During that week the students familiarized themselves with European food, local culture, the German art of brewing and quickly made new friends. Further and most importantly, they received an intensive individual preparation for the upcoming pleadings by Mr. Pika and Mr. Trippel. Subsequently, the highlight of the student’s stay in Heidelberg was the participation in the Heidelberg Pre-Moot just five days before the beginning of the competition in Vienna. For the very first time, they could experience a “real” pleading against other fellow university students from Montpellier, Auckland, Teheran and Heidelberg whilst appearing before multinational and distinguished arbitral tribunals.

    Having arrived in Vienna after a 13 hour overnight bus ride from Heidelberg, the students were still keen to immediately head to more practice rounds against the university teams from McGill and Penn State and showed true Vis-Moot spirit when they gathered their last energy to bring African dancing to the Vis opening party. After all, the Vis Moot never sleeps.

    The following day, the students received the unique opportunity to attend the Graf & Pitkowitz Pre-Moot at the Austrian Supreme Court. Thereby, they were able to listen to outstanding oral arguments by the university teams from Harvard, Buenos Aires, Columbia and Montevideo and were inspired by the keynote address of DLA Piper’s Mr. Mark A. Nadeau who stressed the educational, friendship and networking perspective of the Vis. Finally, the students were especially delighted to meet and even take a photo with Margaret L. Moses, who’s arbitration text book is one of the only books the class at Bahir Dar had at hand to prepare. 

    The following week in Vienna, the students successfully represented Bahir Dar University in the oral hearings of the 24th Vis Moot against New York University, University of Brasilia, ILS College of the Law India and Rotterdam University. Hence, the students had pleadings against teams from both civil and common law jurisdictions which added great value to their educational experience. Every pannel of arbitrators expressed their profound appreciation of Bahir Dar University’s participation and valued the passionate, well prepared and entertaining legal arguments of Mr. Sisay and Mr. Tesema. Numerous people offered future support for the capacity building program and saw the great future potential of African legal education projects.

    Upon return to Ethiopia, both students will enter into full-time teaching positions, Mr. Sisay at Bahir Dar University and Mr. Tesema at Aksum University. In this capacity, they will teach many more students about the invaluable lessons they learned about international advocacy and the diversity of different legal traditions. Both students will work on involving more Ethiopian universities in the Vis Moot and will aim at establishing an Ethiopian Vis Moot tradition together with the continuous support of the Vis Moot Africa project.

    Overall, the project has been a unique personal experience for everyone involved and the memories and friendships created will certainly last. It goes without saying, that this project would not have been possible without the generous and continuous support from law firms and private individuals from Germany and Dubai as well as Heidelberg University. Without their support, Bahir Dar University could not have participated in the 24th Vis Moot, the spirit of the moot would not have been carried from Vienna to Ethiopia and many people would have never had the pleasure to meet the two remarkable individuals Mr. Sisay and Mr. Tesema.

...