Immer weniger ReFas: Was tun gegen die rückläufigen Azubi-Zahlen?
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Immer weniger junge Menschen wollen sich zum Rechtsanwaltsfachangestellten ausbilden lassen. Noch alarmierender sind jetzt bekannt gewordene Abbrecherquoten. Das liegt nicht nur an der vergleichsweise niedrigen Vergütung. Azubis klagen über miese Behandlung und fehlende Wertschätzung in den Kanzleien.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverhältnisse zu der/dem Rechtsanwaltsfachangestellten (ReFa) sowie Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten (ReNo) mehr als halbiert. Während bundesweit im Jahr 2002 noch 8.930 Personen die Ausbildung begonnen haben, waren es laut einer Statistik der BRAK 2022 nur noch 3.151.

Zudem brechen immer mehr Azubis die Ausbildung ab. In den BRAK-Mitteilungen vom August, freigeschaltet für Mitglieder, zeichnen die Rechtsanwältinnen Melanie Theus und Tanja Nitschke ein düsteres Bild: So habe die Abbrecherquote 2020 etwa im Bezirk der RAK Braunschweig bei 43%, in Zweibrücken bei 48% und in Koblenz bei sage und schreibe 59% gelegen. Sollte sich dieser Trend nicht aufhalten lassen, könnte es, so Theus und Nitschke, vielerorts schon 2030 gar keine Azubis mehr geben.

Die Anwaltschaft ist angesichts dieser Zahlen unter Zugzwang. Um die Ausbildung attraktiver zu machen und mehr junge Menschen zu gewinnen, haben jüngst fast alle Rechtsanwaltskammern eine verbindliche Empfehlung für eine Anhebung der Vergütung ausgesprochen. Aktuell liegt die Vergütung für eine ReFa-Ausbildung deutlich unter den Angeboten von Aldi und Edeka, wie die RAK Koblenz in ihrem zweiten Jahresreport vor Augen führt. Zudem bieten immer mehr Kammern Ausbildungspläne und Unterstützung durch Ausbildungsberater an. Eine große, wenn nicht gar unüberwindbare Hürde scheint aber eine von vielen Azubis kritisierte fehlende Wertschätzung in den Kanzleien zu sein.

Kammern werben aktiv um Azubis

Melanie Theus ist Geschäftsführerin der RAK Koblenz, wo die Abbrecher-Quote bei 59% liegt. Im zweiten Jahresreport der Kammer gab sie einen Einblick in die Anfragen von Azubis, die sie in ihrer Funktion als Berufsschullehrerin erreichen.

"Muss ich private Botengänge machen, wie Wäsche abholen, Auto waschen, Hund ausführen, Privateinkäufe erledigen?", heißt es da etwa, oder: "Ich putze seit Monaten die Kanzlei alleine, weil er die Reinigungskraft gefeuert hat (300qm)". Ein Azubi klagt: "Mein Rechtsanwalt hat die Kaffeetasse nach mir geschmissen, weil ich ihm morgens als er kam nicht den frischen Kaffee hingestellt hatte" und eine andere beschwert sich: "Ich sitze seit 3 Jahren am Empfang und bediene die Zentrale, Akten bearbeiten, Rechnungen schreiben oder ZV-Akten oder Mahnwesen habe ich noch nie bearbeiten dürfen".

Dass es sich hierbei keineswegs um krasse Einzelfälle handelt, bestätigt die gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte Nathalie Oho. Oho hat in mehreren Kanzleien gearbeitet, sich dann selbständig gemacht und arbeitet mittlerweile als Referentin der Geschäftsführung in einer Kanzlei. Mit dem Berufsbild der ReFas und ReNos verbindet sie eine Hassliebe: "Ich finde die Tätigkeit als ReFa toll und anspruchsvoll – zu einer Ausbildung würde ich aktuell aber niemandem raten", sagt sie gegenüber beck-aktuell. Hauptgrund ist auch für sie der mangelnde Respekt in den Kanzleien. Dies zeige sich schon während der Ausbildung, werde im späteren Berufsalltag aber nicht besser. Immer wieder habe sie miterlebt, wie junge, engagierte Mitarbeitende so schlecht behandelt würden, dass sie schon nach kürzester Zeit das Handtuch werfen oder in eine andere Branche wechseln.

"Wenig Wertschätzung ausschlaggebender als wenig Geld"

"Die Vergütung ist eine Sache, aber am Ende des Tages muss das Gesamtpaket stimmen", sagt Ronja Tietje, Vorstandsmitglied des Reno Bundesverbandes, Vorsitzende des Reno Bremen e.V. und Ausbildungsberaterin der RAK Bremen gegenüber beck-aktuell. In einem ersten Schritt müssten mehr junge Menschen für die Ausbildung gewonnen werden, was schon mit interessanten Schulpraktika beginnen könne. In Bremen gebe man den Kanzleien mittlerweile einen Praktikumsleitfaden an die Hand, um eine möglichst positive erste Erfahrung mit dem Berufsbild zu ermöglichen.

Auch Jan Kramer, Präsident der RAK Oldenburg bestätigt gegenüber beck-aktuell, wie wichtig es sei, dass Anwältinnen und Anwälte aktiv auf junge Leute zugehen. Seine Kammer etwa werbe mit der Initiative "ReNo im Norden" sowohl online auf TikTok, Snapchat und Co. als auch auf Berufsmessen mit neuem Messestand und der Unterstützung von Azubis um junge Leute. "Diese Maßnahmen ziehen", sagt Kramer – auch wenn sich das rege Interesse noch nicht in konkreten Zahlen äußere. Darüber hinaus müsse es den Anwälten gelingen, die Azubis in den Betrieben zu halten. Dass dies nicht in erster Linie eine Frage der Bezahlung sei, habe eine umfangreiche Analyse bestätigt, die die RAK Oldenburg bei den Berufsschulen, den Auszubildenen und den Ausbildungsbetrieben durchgeführt habe. "Viel ausschlaggebender als das wenige Geld sind die wenige oder fehlende Wertschätzung und Wahrnehmung in den Kanzleien", so Kramer.

Ausbildungspläne und Berater sollen Anwälte unterstützen

ReFa Oho sieht in dem rauen Umgangston, dem Ausnutzen des Fachpersonals für Botengänge oder Putzeinsätze und der mangelnden Bereitschaft, Azubis ordentlich auszubilden, ein "unlösbares strukturelles Problem". Es werde sowohl von der hierarchischen als auch von der patriarchischen Situation befeuert. "Über 90% der ReFas und ReNos sind Frauen. Diese sehen sich in den Kanzleien hauptsächlich männlichen Partnern gegenüber", so Oho. Die seien wiederum nicht Partner geworden, weil sie besonders feinfühlig, empathisch oder rücksichtsvoll sind, sondern weil sie sich durchsetzen und behaupten könnten. "Wenn dann der Druck im Beruf groß ist, lassen das viele Anwälte am schwächsten Glied in der Kette aus – ihrer Auszubildenden."

Die Kammern kennen den Vorwurf. Wie Anwältinnen und Anwälte mit ihren Azubis umgehen, liegt aber außerhalb ihres Einflussbereichs. Sie sehen das Kernproblem darin, dass viele Anwältinnen und Anwälte mit der Ausbildung überfordert seien, und setzen dementsprechend auf mehr Betreuung und mehr Kontrolle im Rahmen der Ausbildungsverhältnisse, etwa in Form von Ausbildungsplänen. Auf den Internetseiten vieler Kammern und mittlerweile auch auf der Ausbildungsseite "recht clever" der BRAK gibt es Musterpläne, die sich die Mitglieder herunterladen können. Auch der Deutsche Anwaltverein stellt auf seiner Internetseite für Mitglieder zwei Leitfäden für Ausbildende und ReFas zur Verfügung, die bei der Ausbildung unterstützen sollen.

Zudem haben mittlerweile viele Kammern Ausbildungsberater, die Anwältinnen und Anwälte unterstützen und die Einhaltung des Ausbildungs- und Lehrplans an den Berufsschulen überwachen. Ausbildungsberaterin Tietje erzählt etwa, dass die RAK Bremen sogar Unterrichtseinheiten nachhole, wenn der Zeitplan im Rahmen der Ausbildung nicht eingehalten werde.

Sabine Vetter, u.a. Vorstandsmitglied Forum Deutscher Rechts- und Notarfachwirte e.V. und Mitglied im Berufsbildungsausschuss der RAK Bamberg, erklärt gegenüber beck-aktuell, dass der Anwaltschaft das Problem der rückläufigen Ausbildungszahlen seit Jahren bekannt sei und auch viel dagegen getan werde. Ihre RAK habe sogar drei Ausbilderseminare angeboten – die Resonanz sei allerdings eher mau gewesen. Von rund 160 Ausbildenden seien gerade einmal 20 gekommen. "Wir müssen jeden Anwalt einzeln erziehen, anders wird es nicht klappen", so Vetter.

Künftig könnten auch Geprüfte Fachwirte ausbilden

Vetter erklärt, warum so viele Kanzleien bei der Ausbildung Hilfe benötigen. Ausbilder der Fachangestellten seien nicht etwa andere Fachangestellte, sondern die Rechtsanwältinnen und -anwälte – jedenfalls auf dem Papier. Wie alle anderen Freien Berufe müsse auch die Anwaltschaft aber keinerlei Ausbildungsbefähigung nachweisen. Dies habe zur Folge, dass sehr viele Anwälte schlichtweg gar nicht richtig ausbilden könnten. "Zudem kostet Ausbildung Zeit. Im Alltagsgeschäft von Anwälten gehen das Ausbildungskonzept und die persönliche Betreuung allerdings zu oft unter. Insofern ist es wichtig und richtig, dass es Ausbildungsberater gibt", so Vetter.

Geht es nach der  Deut­schen Ver­ei­ni­gung der Rechts­an­walts- und No­ta­ri­ats­an­ge­stell­ten und dem Fo­rum deut­scher Rechts- und No­tar­fach­wir­te, sollen künftig auch Geprüfte Rechtswachwirte und -fachwirtinnen den Nachwuchs in den Kanzleien ausbilden dürfen. Was nach einer naheliegenden Lösung für eine sachnähere und damit bessere Ausbildung der ReFas klingt, hält Natalie Oho für "Augenwischerei". Um ausbilden zu können, müsse sich eine ReFa erst zur Fachwirtin fortbilden, das koste Zeit und Geld. Dann müsse sie noch fünf Jahre Berufserfahrung und eine feste Anstellung vorweisen. "Für die allermeisten Anwaltskanzleien dürfte es wenig attraktiv sein, eine verhältnismäßig teure Fachwirtin einzustellen, wenn doch Anwälte ohnehin schon ausbilden dürfen - bzw. die Arbeit auf ReFas abwälzen können, die in der Praxis ohnehin schon den Bärenanteil der Ausbildung übernehmen", moniert Oho.

Tietje von der RAK Bremen gibt sich trotz der schlechten Zahlen und Prognosen optimistisch: "Wir sind zu lange in die falsche Richtung gelaufen. Jetzt müssen wir Schritt für Schritt in die richtige Richtung gehen. Wenn alle – die BRAK und der DAV auf Bundesebene sowie die Kammern und die örtlichen Anwalts- und ReNo-Vereine – an einem Strang ziehen, dann werden wir das schaffen."

Den Azubis, vor allem aber auch den Anwältinnen und Anwälten, die dringend auf ihr hochqualifiziertes Fachpersonal angewiesen sind, wäre das zu wünschen. Mehr Respekt, mehr Wertschätzung, mehr Augenhöhe, so schwer dürfte das nicht sein - sollte man meinen.

Redaktion beck-aktuell, Miriam Montag, 14. Sep 2023.