Doppelprädikat um jeden Preis? So gelingt der Tanz an der eigenen Leistungsgrenze
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Stoffberge, Dauerstress und Willkür: Die Examensvorbereitung ist für Jurastudierende und Referendare ein Tanz am Rand der Leistungsgrenze. Warum sie Detailwissen oft überschätzen, Pausen produktiv sind und Gelassenheit oft mehr bringt als Perfektion, erklärt Jan Stumper.

Zwischen Ehrgeiz und Erschöpfung wird die Examensvorbereitung schnell zum Tanz am Abgrund – wer aber die Staatsexamina erfolgreich besteht, hat mit einem Doppelprädikat gute Zukunftsaussichten. Gäbe es eine Anleitung zu diesem Glück, wäre sie wohl einiges wert, doch einen klar vorgegebenen Weg zum Doppelprädikat gibt es nicht. Die Vorbereitung ist zudem mit einigen Tücken verbunden, die nur bedingt in den Händen der Prüflinge liegen. Die Endnoten im Studium und Referendariat hängen von vielen Umständen ab: harte Arbeit, Durchhaltevermögen, aber auch Glück sind nur einige Beispiele.

Um die eigenen Noten möglichst positiv zu beeinflussen, greifen Studierende sowie Referendarinnen und Referendare nach jedem Halm, der sie vermeintlich dem Prädikatsexamen näherbringt. Doch nicht jeder Hinweis und Tipp bietet für jede Person den nötigen Halt. Die Examensvorbereitung ist eine hochindividuelle Zeit – nicht nur, weil sie sich zu einem großen Teil allein vor einem Schreibtisch abspielt. Es ist daher weder empfehlenswert noch sinnvoll, einem Ratschlag zu folgen, der für einen persönlich keinen Mehrwert bringt.

Die hier vorgestellten Tipps sind unter dieser Prämisse zu verstehen: als Angebote und Denkanstöße; nicht als Verpflichtung oder Vorgabe. Generell sollte man sich in der Examensvorbereitung auf zwei Punkte fokussieren, um die Zeit erfolgreich durchzustehen und sodann möglichst gute Examina zu schreiben. Erstens muss die Verunsicherung auf psychologischer Ebene möglichst gering gehalten werden; zweitens sollte inhaltlich weniger detailliert, sondern strukturiert und mit Fokus auf Grundlagen gelernt werden.

Grundlagen statt Überfrachtung

Die Verlockung, die rechtsfolgenverweisende eingeschränkte Schuldtheorie und die Rechtsprechung zur forderungsentkleideten Hypothek bis ins Letzte zu studieren, ist groß. Detailwissen gibt eine vermeintliche Sicherheit, denn je konkreter man sich ein Rechtsproblem aneignet, desto leichter scheint man in der Klausur etwas Handfestes schreiben zu können. Aber der Schein trügt. Das Auswendiglernen des letzten Kleinkleins ist in 99% der Fälle nicht hilfreich. Ob diese eine, exotische BGH-Entscheidung drankommt, ist Zufall. Ob die Bearbeiterinnen und Bearbeiter hingegen sauber subsumieren, daran entscheidet sich jede Klausur. Die Hauptleistung ist nicht die Lösung, sondern der Lösungsweg. Die Prüflinge müssen im Examen eine saubere Herleitung präsentieren.

Überspitzt formuliert bedeutet dies für die Lernphase in der Examensvorbereitung: Der Inhalt ist zweitrangig, die Grundlagen sollten beim Lernen Priorität Nummer eins sein. Dies gelingt durch strikte Orientierung am für die Klausur passenden Stil (Urteil oder Gutachten) sowie durch die Arbeit mit den Auslegungsmethoden. Wer diese beherrscht, dafür möglicherweise aber inhaltliche Lücken hat, kann sich Probleme und Inhalte erarbeiten – wie es gute Juristinnen und Juristen in der Praxis stets tun. Wer hingegen alle Inhalte kennt, aber nicht in der Lage ist, diese in der richtigen Form und innerhalb der vorgegebenen Zeit aufzubereiten, hat keine Chancen auf ein Prädikat. Examenskandidatinnen und -kandidaten sollten dies bereits bedenken, wenn sie Lernzettel und Karteikarten erstellen. So können Lernzettel beispielsweise konsequent am Gutachten- oder Urteilstil ausgerichtet werden: Obersatz, Definition, Subsumtion, Ergebnis. Wer so denkt, kann auch neue Konstellationen bewältigen.

Qualität statt Quantität

Kaum jemand lernt so viel und hat gleichzeitig so oft ein schlechtes Gewissen wie Examenskandidatinnen und -kandidaten. In der Verwandtschaft ist das Staunen über den Lernaufwand und die Intensität der Examensvorbereitung oft groß. Vorschläge von Bekannten und Verwandten, doch einfach mal weniger zu lernen, sind leicht gegeben, aber nur schwierig umsetzbar. Selbst wenn man sich objektiv den Lernstoff und die Lernzeit gut einteilt, spielt einem das Gewissen regelmäßig einen Streich: Scheinbar hat man nie genug gelernt, jeden Abend bleibt etwas liegen. Typischerweise sind Examenskandidatinnen und -kandidaten überzeugt: ihre Leistung ist unzureichend. Sie vergleichen sich mit anderen und meinen dann, sie lägen zurück. Dabei spielt auch die enorme Stoffmenge, die es zu bewältigen gibt, eine Rolle.

Der dadurch hervorgerufene Stress ist kontraproduktiv. Zwar setzen sich Jurastudierende und Referendare als Konsequenz dieses Gefühls oft nochmal an den Schreibtisch, um quantitativ mehr Zeit vor den Unterlagen zu verbringen. Die Lernqualität nimmt dabei aber stark ab. Das Lernen unter Stress ist erfahrungsgemäß vergleichbar mit dem Ansehen eines Films, während man auf dem Handy scrollt: von beidem bleibt wenig hängen. Ein Teufelskreis: obwohl man mehr Zeit investiert, bleibt der Lernerfolg aus, was zu noch mehr Stress führt.

Der Trick besteht darin, kontraintuitiv zu handeln: weniger Zeit zu investieren, mehr Pausen zu machen und somit die Quantität zu verringern, um die Qualität langfristig zu erhöhen. Dies erfordert anfangs eine eigene Art von Disziplin; es gilt, sich dem eigenen schlechten Gewissen entgegenzustellen und es zu ignorieren. Je öfter dies gelingt, desto größer ist der Mehrwert bei der Lernqualität.

Die Willkür huldigen

Selbst die perfekte Examensvorbereitung garantiert kein Prädikat. Zwischen den Kandidatinnen und Kandidaten und der Note stehen Zufälle, die nicht in ihrer Kontrolle liegen. Die Examina haben wahrscheinlich genauso viel mit Glück zu tun wie mit Können. Es gibt Umstände, die man durch noch so viel Kompetenz nicht beeinflussen kann und die trotzdem die Note beeinflussen. Wer einen prüft, ob die Prüferin einen schlechten Arbeitstag hat, der Sachverhalt von hoher oder geringer Schwierigkeit ist, ob der Prüfer dies genauso sieht (und so weiter und so fort) – all diese Faktoren sind weder erkenntlich noch kontrollierbar.

Die Willkür der Aufgabenstellung und der Korrektur der Staatsexamina ist ein Problem. Solange sich daran nichts ändert, bleibt einem nur die Option, in einem stoischen Denken zu sich selbst zu sagen: Dann ist es eben so! Die fehlende Einflussmöglichkeit kann auch eine Erleichterung sein. Je mehr man den Umständen ausgeliefert ist, desto weniger Verantwortung muss man sich selbst aufbürden. Wer akzeptiert, dass Vieles in den Examina Zufall ist, kann milder mit sich selbst sein. Das ist kein Aufruf zur Resignation, sondern ein Plädoyer dafür, die eigene Leistung nicht mit einer Note zu verwechseln.

In der Phase der Hochbelastung durch die Examensvorbereitung ist dies eine beruhigende Erkenntnis. Es wäre schön, wenn die Ergebnisse zu 100% von der eigenen Fähigkeit und Kompetenz abhingen. Dass dem nicht so ist, entkoppelt das Selbstwertgefühl von den Examensergebnissen. Die Examina haben nachweislich eine weit geringere Aussagekraft, als ihnen teilweise zugesprochen wird. Das Problem liegt in der Diskrepanz zwischen dieser Tatsache und der Wahrnehmung durch Dritte sowie einem selbst. Am Ende sollte jede und jeder sich fragen, ob es unterstützenswert ist, das Prädikat derart überzubewerten. Es ist jedem Prüfling selbst überlassen, den Examina ebenfalls einen übergebührenden Wert zuzugestehen oder sich aktiv davon freizumachen. Die Konsequenz ist, dass man sich von schlechten Ergebnissen lossagen kann. Die Folge muss dann ehrlicherweise aber gleichfalls sein, dass man sich zugesteht, kein besserer Mensch zu sein, wenn man am Ende das Prädikat schafft.

Selbstfürsorge statt Verausgabung

Der Wunsch nach dem Prädikatsexamen birgt zwei Gefahren: Am Inhalt oder an der eigenen Psyche zu scheitern. Schließlich sind die Examina Tänze am Rande mehrerer Schluchten. Das Ziel des Prädikats kann verfehlen, wer schlicht zu wenig Inhalte erlernt hat. Umgekehrt können aber auch die fehlende Fokussierung auf Grundlagen und das Versteigen in zu viele Details Ursachen für eine schlechte Note sein.

Genauso kann eine Ursache des Scheiterns aber darin liegen, dass sich die Kandidatinnen und Kandidaten wahlweise psychologisch oder körperlich verausgaben. Lernen sollte dem Verstehen dienen, nicht unter der Hoffnung auf Volltreffer erfolgen. Pausen sind essenziell– sich die Willkür der Ergebnisse zu vergegenwärtigen ist hilfreich.

Wie oft im Leben gilt es, die Balance zu finden und nicht zu verlieren. Wer beim Tanz am Rand der Schlucht eher auf sich selbst und weniger auf andere und die Ergebnisse achtet, wird mehr gewinnen als nur eine Bestnote.

Jan Stumper hat in beiden juristischen Prüfungen jeweils ein Prädikatsexamen erzielt. Er steht vor dem Berufseinstieg als Rechtsanwalt, ist Host des Podcast "Recht Alt – Recht Jung" (im Zusammenwirken mit Dr. Wolf Reinhard Wrege) und schreibt auf seinem Blog "Law§Talker" am liebsten über Medienrecht und Rechtsphilosophie.

Redaktion beck-aktuell, Gastbeitrag von Jan Stumper, 7. Januar 2026.

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