Deine Methode statt "die eine Methode": Examensvorbereitung ohne kommerzielles Repetitorium
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Die Möglichkeiten, sich auf das Staatsexamen vorzubereiten, sind vielfältig und vor allem eines: individuell. Trotzdem verlassen sich noch immer viele Jurastudierende auf private Kurse. Woran das liegt und was die Chancen der eigenständigen Examensvorbereitung sind, erläutert Sophie Aylin Keller.

Das Lernen ist so individuell wie die Studierenden selbst. Eine Lernmethode ist nicht deshalb überlegen, weil sie besonders werbewirksam präsentiert wird. Sie ist die richtige, wenn sie hilft, Wissen dauerhaft zu verankern und dazu befähigt, es in Prüfungssituationen abzurufen. Daher kann es im Jurastudium nicht die eine richtige Methode  für die Examensvorbereitung geben  – auch wenn es durch den öffentlichen Auftritt privater Repetitorien oftmals so wirkt.

Die Vorbereitung auf das Examen kann und darf ganz unterschiedlich aussehen: Ob man die universitären Angebote nutzt, sich ausschließlich mit Lehr- und Fallbüchern vorbereitet, eine Lerngruppe bildet oder doch ein privates Repetitorium besucht. Wichtig ist nur, eine eigene Entscheidung zu treffen und sich nicht von anderen beeinflussen und einschüchtern zu lassen. Das ist aber leichter gesagt als getan.

Hausgemacht: Das Problem im System

Vor der Examensvorbereitung steht das Grundstudium. Die Klausuren und Hausarbeiten, die in dieser Zeit geschrieben werden, sind sozusagen die Eintrittskarte, um sich für die Prüfung anmelden zu dürfen. Mehr aber irgendwie auch nicht.

Das Jurastudium hat kein "Gerüst" wie andere Studiengänge. In den meisten Veranstaltungen des Grundstudiums besteht keine Anwesenheitspflicht, das Notensystem ist hart und die Klausurbewertungen sind sehr subjektiv und damit oft unberechenbar. Daneben schwingt immer das Bewusstsein mit, dass all die Leistungen, die man während des Jurastudiums erbringt, im Endeffekt nichts wert sind. Das Einzige, was zählt, ist das Staatsexamen. Und hier beginnt das Problem.

Zwar betonen Lehrende in den Vorlesungen und Übungen immer wieder, man lerne nicht bloß für die Klausuren, sondern schon für das Examen und alle Informationen seien wichtig. Doch bei der Unübersichtlichkeit der Stoffmenge wird dieser Gedanke (verständlicherweise) meist vergessen, sobald der Satz "Das ist nicht klausurrelevant" fällt. Den roten Faden des Studiums bildet damit ein Gefühl, dass wohl alle Jurastudierenden teilen: Unsicherheit. Und mit dieser Unsicherheit lässt sich Geld verdienen.

Ohne Frage haben private Repetitorien in diesem System ihre Daseinsberechtigung. Denn wenn einem das examensrelevante Wissen an der Uni nicht, nur bruchstückhaft oder nicht didaktisch wertvoll vermittelt wird, muss man sich irgendwie zu helfen wissen. Studierende können in den kommerziellen Repetitorien Verantwortung abgeben, haben einen vorgegebenen Stundenplan, wie früher in der Schule, und müssen einfach nur mitmachen. Das kann für viele die passende Methode sein – sie ist es aber nicht für alle. Doch durch die Eigendarstellung der Anbieter werden die Kurse als eine Art Pflichtprogramm dargestellt: Auf das Grundstudium folgt das kommerzielle Repetitorium.

Angst als Marketingstrategie

Wenn die Unsicherheit ein Hauptgrund für die Wahl eines angeleiteten Vorbereitungskurses ist, könnte man jedoch auch ein kostenloses universitäres Repetitorium besuchen. Immerhin steht der Prüfungsstoff im Juristenausbildungsgesetz und "Geheimwissen", das nur private Repetitorien kennen, gibt es nicht. Viele Universitäten haben ein gutes –mit den privaten Anbietern vergleichbares – Programm.

Zu den beliebtesten Uni-Repetitorien gehören laut einer Umfrage von Iurratio 2025: die Repetitorien der Goethe-Universität Frankfurt, der Universität Köln und der Universität Augsburg. Mit dem Rep im Quadrat (Rep²) bietet aber beispielsweise auch die Universität Mannheim ihren Jurastudierenden ein durchdachtes, nichtkommerzielles Angebot. Ähnlich Gutes hört man vom HeidelPräp, dem Uni-Repetitorium der Universität Heidelberg oder dem E-Learning-Angebot unirep-online der Universität Münster.

Aber leider ziehen noch nicht alle Universitäten mit. Es wäre hilfreich, wenn sich die Universitäten im Hinblick auf Unterlagen und Kurse besser abstimmen würden, so der Mitautor des Buches "Examen ohne Repetitorium" Til Martin Bußmann-Welsch. Damit könne man Ressourcen bündeln und mehr Einheitlichkeit schaffen.

Große Unterschiede zeigen sich schon bei der Aufbereitung der Kurse. Vielen Jurastudierenden  ist die Existenz der universitären Angebote zunächst nur vage bekannt – was nicht verwundert. Denn der Internetauftritt privater Repetitorien könnte aufdringlicher nicht sein, wohingegen sich die Beschreibung der universitären Kurse eher nüchtern darstellt. Ohne Werbung.

Das Angebot exklusiver "Elite-Kleingruppen", die Aufbereitung des "unüberschaubaren Stoffes" und die immer wiederkehrende Aussage "Marktführer" zu sein – Die Werbeversprechen privater Repetitorien begegnen den typischen Sorgen von Studierenden, indem sie eine einfache Lösung für all ihre Probleme liefern. Indirekt wird dabei jedoch auch Druck ausgeübt und damit die Unsicherheit der Studierenden verstärkt. Viele bekommen das Gefühl, dass eine Vorbereitung ohne privates Repetitorium nicht funktionieren kann. So besuchten 2022 immer noch rund 60% der Jurastudierenden ein kommerzielles Repetitorium. Die Zahlen zeigen aber auch: dieser Anteil wird kleiner. 2016 lag er beispielsweise noch bei 86%.

Neben Faktoren, die tatsächlich als relevant in die Auswahl des individuellen Lernformats einbezogen werden sollten, entsteht allein durch das Marketing eine Ausgangssituation, die privaten Repetitorien einen Vorteil verschafft und Studierenden einen objektiven Blick auf Alternativen erschwert.

Alternativen ins Scheinwerferlicht!

Sich ohne Rep auf das Staatsexamen vorzubereiten, bedeutet: selbst einen Lernplan erstellen, Themenschwerpunkte setzen, die richtige Literatur wählen und sich nicht in Details verlieren. All das sind Aufgaben, die in der eigenen Verantwortung liegen, wenn man sich für die eigenständige Vorbereitung entscheidet. Für manche mag das ein Nachteil sein, andere können aber genau davon profitieren: Unabhängigkeit, Flexibilität und Eigenständigkeit.

Wer sich schon im Studium gerne selbst organisiert hat und sich Inhalte besser durch Lesen und Schreiben als durch Zuhören merken kann, sollte der eigenständigen Examensvorbereitung zumindest eine Chance geben. Merkt man, dass es doch nicht funktioniert, besteht immer noch die Möglichkeit, sich umzuentscheiden. Wichtig sei nur, nicht unhinterfragt, aus Angst oder Druck ein kommerzielles Repetitorium zu besuchen, rät Daniela Rau, ebenfalls Mitautorin des Ratgebers "Examen ohne Repetitorium".

Oft entsteht durch Unsicherheit und äußere Einflüsse mangelndes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Wer sich blind auf vorgegebene Strukturen verlässt und glaubt, andere könnten es ohnehin besser, verzichtet auf den positiven Effekt, den eine eigenständige Planungsphase haben kann.

Die Examensvorbereitung wird von Bußmann-Welsch deswegen als "Mosaik" beschrieben. Bereitet man sich eigenständig vor, so wählt man jeden Baustein selbst. Unabhängig davon, ob man eine Lerngruppe bildet, einen Klausurenkurs besucht, Internetangebote wie Podcasts oder Videos hinzunimmt, sich ganz auf Bücher beschränkt oder verschiedene Konzepte kombiniert. Unbewusst entsteht durch die Beschäftigung mit der Materie ein Systemverständnis, das wiederum das Gefühl von Kontrolle unterstützen und den Übergang in die aktive Lernphase erleichtern kann.

Vertrauen in die eigene Entscheidung

Letztendlich ist das Ziel jedes Studierenden, den Stoff zu beherrschen und mit Zuversicht in die Prüfung zu gehen. Das gelingt am ehesten, wenn man auf die eigene Methode vertraut und bewusste Entscheidungen trifft. Fehlentscheidungen gehören ebenso dazu wie Fortschritte. Beides ist Teil des individuellen Lernprozesses.

Die Examensvorbereitung bleibt für jeden eine große Herausforderung. Zu einer Belastung macht es aber hauptsächlich ein System, das hohe Ansprüche stellt und wenig Raum für Fehler bietet. Umso wichtiger ist es, Zusammenhalt und Toleranz zu fördern, anstatt auf Druck und Konkurrenz zu setzen.

Redaktion beck-aktuell, Gastbeitrag von Sophie Aylin Keller, 24. November 2025.

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