beck-aktuell: Frau Boosen, was verbirgt sich hinter der Veranstaltungsreihe Mental Health Monday an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln?
Daniela Boosen: Der Mental Health Monday ist ein kleiner Baustein in einem großen Konzept, das sich mit der mentalen Gesundheit unserer Jurastudierenden beschäftigt. Wir bieten zweimal im Semester montagabends Veranstaltungen zu Themen wie etwa Stressmanagement, Leistungsdruck oder Prüfungsangst an. Die Veranstaltungen werden thematisch von der Ansprechperson für Inklusion der Fakultät und mir geplant. Dabei achten wir darauf, dass die Workshops speziell auf die Bedürfnisse der Jurastudierenden zugeschnitten sind. Um dies sicherzustellen, arbeiten wir stets wissenschaftsbasiert. Die Veranstaltungen werden von Referentinnen und Referenten etwa aus den Bereichen Psychologie, Pädagogik oder Lerncoaching geleitet.
"Es gibt rund ein Dutzend neuerer Studien zu den psychischen Belastungen"
beck-aktuell: Über die enorme psychische Belastung der Jurastudierenden wird viel gesprochen. Sie erwähnten gerade Studien. Was sagen diese aus?
Boosen: Es gibt rund ein Dutzend neuerer Studien in Deutschland dazu. Alle kommen zu dem Ergebnis, dass die psychische Belastung von Jurastudierenden beunruhigend hoch ist. In einer Befragung der Bundesfachschaft etwa geben 98% der befragten Jurastudierenden an, dass sie während des Studiums an körperlichen und/oder mentalen Beschwerden leiden. Nach einer Studie an der Universität Göttingen fühlen sich 83% der befragten Studierenden in mehr als der Hälfte der Zeit oder häufiger gestresst. Eine weitere Untersuchung hat festgestellt, dass die Prävalenz depressiver Symptomatik bei den Jurastudierenden in Deutschland bei 33% liegt. Das deutet darauf hin, dass jeder dritte Studierende der Rechtswissenschaft an einer milden, moderaten oder starken depressiven Symptomatik leidet. Im Vergleich dazu liegt die 12-Monats-Prävalenz in der deutschen Allgemeinbevölkerung der Altersgruppe zwischen 18 und 29 Jahren bei 9,5% bis 9,9%. Ich nutze diese und weitere Zahlen auch, um die unterschiedlichen Akteure in der Fakultät auf das Thema aufmerksam zu machen.
beck-aktuell: Wie ist die Idee für den Mental Health Monday entstanden?
Boosen: Wir verfolgen das Thema Mentale Gesundheit schon länger an der Fakultät. So sind bei uns Veranstaltungen zu mentaler Gesundheit auch im Curriculum verankert. In der Coronazeit nahm das Thema dann besonders an Fahrt auf. Wir waren uns an der Fakultät sehr schnell einig darüber, dass wir noch aktiver werden müssen. Zunächst haben wir einen Online-Workshop zu Resilienz organisiert und online soziale Begegnungsräume geschaffen. In der Folge entwickelten wir dann den Mental Health Monday.
beck-aktuell: Wie darf man sich eine typische Veranstaltung des Mental Health Monday vorstellen?
Boosen: Das ist sehr individuell. Die Veranstaltungen finden entweder in Präsenz oder online statt. Alle Workshops haben gemeinsam, dass es einen fachlichen Input und danach oder währenddessen verschiedene praktische Phasen gibt. Dabei führen die Referentinnen und Referenten auch Übungen durch – entweder allein oder in kleineren Gruppen. Betonen möchte ich, dass unsere Angebote stets fachspezifisch ausgerichtet sind. Das ist aus meiner Sicht auch der Unterschied zu anderen universitären Angeboten. Wir legen viel Wert darauf, dass unsere Referentinnen und Referenten die besonderen Bedürfnisse der Jurastudierenden sehr gut kennen und darauf eingehen können. Das erreichen wir, indem wir auf Referentinnen und Referenten zurückgreifen, die entweder über eine Doppelqualifikation in Rechtswissenschaft und Psychologie verfügen, die psychologisch zum Thema mentale Gesundheit im Jurastudium geforscht haben oder die im universitären Kontext arbeiten und die wir zuvor sehr detailliert zu den Bedingungen des Jurastudiums briefen.
"Unsere Studierenden merken: Ich bin nicht allein mit der mentalen Belastung"
beck-aktuell: Wie wird das Angebot an der Fakultät von den Studierenden aber auch von den Lehrenden angenommen?
Boosen: Die Aktivitäten zur mentalen Gesundheit werden von der gesamten Fakultät getragen. Wir halten sie im Rahmen der Fakultätssitzungen über neue Studienergebnisse und unsere Veranstaltungen auf dem Laufenden. Zudem stellen wir für die Lehrenden Informationen über unsere Angebote sowie Anlaufstellen zusammen, die sie in ihren Lehrveranstaltungen an die Studierenden weitergeben können. Dafür bekommen wir positive Rückmeldungen. Gerade erst vor ein paar Tagen fiel von einer Professorin der Satz: "Toll, dass wir das wieder machen."
Bei den Studierenden ist die Resonanz unterschiedlich, je nachdem in welchem Format die Veranstaltung angeboten wird. Wenn wir eine Veranstaltung online anbieten, nehmen im Schnitt mehr Personen teil. Das liegt vermutlich daran, dass es niederschwelliger ist. Die Studierenden müssen nicht noch einmal montagsabends in die Uni fahren und sparen sich somit eine Stunde Zeit, die sie noch zum Lernen eingeplant haben. Für viele Examenskandidatinnen und Examenskandidaten ist das ein wichtiger Aspekt. Ein weiterer Grund, warum Online-Veranstaltungen besser angenommen werden, ist möglicherweise die Anonymität. Niemand wird in diesem Kontext dazu angehalten, sich mit Klarnamen anzumelden oder die Kamera anzumachen, wie wir es in Online-Lehrveranstaltungen erwarten.
Einige unserer Referentinnen und Referenten präferieren Präsenzveranstaltungen genau aus diesem Grund. Ziel soll sein, das Thema mentale Gesundheit aus der Anonymität zu holen. Denn in den Präsenzveranstaltungen merken die Studierenden dann bestenfalls: Ich bin nicht allein mit den mentalen Belastungen. Da sitzen Menschen mit mir im Raum, denen es ganz ähnlich geht wie mir.
"Stigmatisierung ist ein großes Problem"
beck-aktuell: Schaffen Sie es denn, das Thema aus der Anonymität zu holen? Oder ist es vielen Studierenden peinlich und unangenehm, an den Veranstaltungen teilzunehmen?
Boosen: Der Aspekt der Stigmatisierung stellt leider ein großes Problem dar. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine noch unveröffentlichte Studie mit Kölner Jurastudierenden. Danach wird die Stigmatisierung beim Thema psychische Belastung durch andere und durch sich selbst als hoch wahrgenommen. Das heißt, gerade Jurastudierende gehen offenbar davon aus, dass Menschen in ihrem Umfeld sie als schwach empfinden, wenn sie psychisch belastet sind. Zusätzlich setzen sich viele aber auch selbst unter Druck. Sie fragen sich: Warum können die anderen das viel besser als ich? Und warum hänge ich so in den Seilen, während die anderen immer so souverän wirken? Wir arbeiten mit verschiedenen Maßnahmen daran, zur Entstigmatisierung beizutragen. Das ist eines unserer Ziele und eine der Säulen unseres Konzeptes.
beck-aktuell: Wenn es Studierenden psychisch wirklich schlecht geht und sie an der Fakultät Hilfe suchen, was bieten Sie dann an?
Boosen: Wir können selbst keine Therapie anbieten. Wir können aber insoweit unterstützen, als dass wir Anlaufstellen innerhalb und außerhalb der Universität aufzeigen können. Für eine individuelle Beratung steht beispielsweise die psychologische Beratungsstelle des universitätseigenen Servicezentrums Inklusion und des Kölner Studierendenwerks zur Verfügung. Hier gibt es auch Tipps und Hinweise, welche Wege es gibt, an einen Therapieplatz zu gelangen. Dabei geht es in der Regel zunächst darum, zügig auf eine Warteliste zu kommen.
Generell ist es unser Ziel, niederschwellige Hilfe anzubieten. So bitten wir etwa die Lehrenden, unsere Folien zu den Anlaufstellen in ihren Lehrveranstaltungen zu zeigen oder sie auf Ilias bei den Lernunterlagen zu hinterlegen.
"Der Student neben mir ist nicht mein Konkurrent"
beck-aktuell: Wie muss sich die juristische Ausbildung verändern, um bessere Lösungen beim Thema Mental Health anzubieten?
Boosen: Der Mental Health Monday unterstützt die Studierenden dabei, individuelle Ressourcen aufzubauen. Dem gegenüber stehen strukturelle Anpassungen wie etwa die Einführung des integrierten Bachelors oder Änderungen am Curriculum, die direkt an den Stressquellen im Studium ansetzen und damit deutlich wirkungsvoller sind. Bei Letzteren wäre es aus meiner Sicht am wichtigsten, die Stofffülle in der staatlichen Pflichtfachprüfung deutlich zu reduzieren. Leider machen die Gesetzgeber der Länder das nicht.
An den Fakultäten können wir aber auch etwas tun, um die Ellbogenmentalität unter den Studierenden zu reduzieren und das soziale Klima zu verbessern. Beispielsweise kann integrative Lehre etwa in Form von Gruppenarbeit gerade in den unteren Fachsemestern stärker in die Lehrveranstaltungen eingebunden werden. Da bieten sich die Arbeitsgemeinschaften an. Gruppenarbeit ist etwas, das im Jurastudium selten bis gar nicht stattfindet. Wenn ich aber in den ersten Semestern lerne: Der oder die Studierende neben mir ist nicht mein Konkurrent, sondern jemand, mit dem ich gemeinsam etwas entwickeln kann und wir uns gegenseitig unterstützen können, dann komme ich wahrscheinlich besser und weniger belastet durch das Studium.
Wichtig ist auch, dass die Lehrenden sensibilisiert werden. Aus meiner Sicht ist es schwierig, sich dem Thema mentale Gesundheit zu verschließen, wenn man die Studienlage zur psychischen Belastung der Studierenden kennt. In einer Studie geben 47% der befragten Studierenden an, dass die Professorinnen und Professoren die Angst vor dem Examen noch verstärken. Blanke Horrorgeschichten über das Examen helfen niemandem weiter, können vielmehr zu erlernter Hilflosigkeit und Handlungsunfähigkeit führen. Deutlich hilfreicher wäre es, wenn die Lehrenden den Studierenden davon berichten würden, welche Wege sie selbst gefunden haben, um besser mit dem Druck umzugehen.
beck-aktuell: Vielen Dank für das Gespräch.
Daniela Boosen ist Leiterin des Studiendekanats der Rechtswissenschaftlichen Fakultät an der Universität Köln. Sie bietet dort regelmäßig Lehrveranstaltungen in den Bereichen Kriminologie und Polizeiwissenschaft an.
Das Interview führte Manuel Leidinger.


