beck-aktuell: Liebe Frau Jung, Freshfields wurde als erste Kanzlei bei den Iurratio Awards sowohl im Bereich Berufseinstieg als auch im Bereich Rechtsreferendariat mit dem ersten Platz ausgezeichnet. Heute drehe ich den Spieß deswegen einfach mal um und frage Sie: Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen gerade bei Freshfields bewerben?
Jung: Es gibt viele gute Gründe. Einer davon ist unser umfangreiches Programm für Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger. Außerdem bieten wir ein spannendes und internationales Arbeitsumfeld. Wir sind global aufgestellt, haben weltweit erfolgreiche Teams und bauen seit einigen Jahren unsere Präsenz in den USA massiv aus. Wer Lust hat, von Anfang an international an sehr großen Mandaten zu arbeiten, ist bei uns genau richtig.
Aber das ist nur ein Aspekt. Wir sind auch im Bereich Legal Tech sehr weit vorne. Das Thema ist bei uns nicht neu – wir haben schon vor Jahren ein eigenes KI Lab aufgebaut und beschäftigen uns intensiv damit. Gerade jetzt nimmt das Thema nochmal richtig Fahrt auf. Und ich merke das auch bei Bewerbungen: Die Frage nach Legal Tech ist eine der ersten, die junge Juristinnen und Juristen stellen. Sie wollen wissen, wie wir damit umgehen, wie weit wir sind, was sie bei uns lernen können. Und da haben wir wirklich viel zu bieten.
beck-aktuell: Umgekehrt gibt es ja auch die Sorge, dass gerade Einstiegspositionen in den Kanzleien durch KI gefährdet sind. Wie sehen Sie das bei Freshfields?
Jung: Wir stehen hier erst am Anfang der Entwicklung. KI kann jedenfalls keine strategische Rechtsberatung leisten oder sie einem beibringen. Was sie aber kann – und das merken wir schon jetzt – ist, dass wir zugunsten unser Mandanten gerade bei komplexen Aufgaben noch besser zusammenarbeiten und noch produktiver werden. Aber was das am Ende für das Recruiting im ohnehin engen Markt der Bestabsolventen bedeutet? Da traue ich mir noch keine Prognose zu.
beck-aktuell: Gibt es bei Ihnen Fortbildungen in dem Bereich? Bislang werden die KI-Themen ja kaum in der juristischen Ausbildung abgedeckt.
Jung: Wir haben eine sehr umfangreiche AI Academy. Jede Woche gibt es Trainings, und zwar global – das heißt, nicht nur in Deutschland, sondern an allen Standorten. Es gibt sogenannte Champions, die das Thema vorantreiben, Anwendungsbeispiele zeigen und Best Practices teilen. Und ja, wir schulen wirklich alle – vom Referendar bis zur Partnerin.
"Referendarinnen und Referendare sind von Anfang an vollwertige Teammitglieder"
beck-aktuell: Freshfields wurde auch als bester Arbeitgeber für das Referendariat ausgezeichnet. Wenn man bei Ihnen eine Anwalts- oder Wahlstation macht – was erwartet Referendarinnen und Referendare konkret?
Jung: Die Referendarinnen und Referendare sind bei uns von Anfang an vollwertige Teammitglieder. Sie bewerben sich direkt für ein bestimmtes Fachgebiet, etwa Arbeitsrecht oder Steuerrecht, und werden dort eingebunden wie alle anderen. Sie bekommen einen Buddy zur Seite gestellt, der sie vom ersten Tag an begleitet – fachlich, aber auch persönlich. Das ist jemand, der Fragen beantwortet, Orientierung gibt und einfach da ist, wenn man mal nicht weiterweiß.
Inhaltlich dürfen sie bei allem mitarbeiten: Schriftsätze vorbereiten, an Mandantengesprächen teilnehmen, bei Gerichtsterminen dabei sein – das volle Programm. Darüber hinaus bieten wir mit dem "College" ein strukturiertes Weiterbildungsprogramm auch für die Examensvorbereitung an. Das umfasst klassische Prüfungsvorbereitung mit Hemmer, Kaiserseminaren oder der Lernapp Jurafuchs, aber auch Soft-Skill-Trainings – etwa zu Rhetorik. Drei- bis viermal im Jahr finden die "College Days" statt, bei denen sich alle Referendarinnen und Referendare aus verschiedenen Praxisgruppen treffen, vernetzen und auch andere Bereiche der Kanzlei kennenlernen.
beck-aktuell: Gibt es auch Förderprogramme speziell für Referendarinnen?
Jung: Unser Programm "Anwältin & Referendarin" läuft schon seit zehn Jahren und richtet sich gezielt an Frauen. Die Teilnehmerinnen bekommen eine Mentorin, mit der sie über ein Jahr hinweg zusammenarbeiten. Es geht dabei nicht nur um fachliche Themen, sondern auch um persönliche Fragen beispielsweise zur Work-Life-Balance. Alle vier Monate gibt es Treffen, bei denen sich die Gruppe austauscht. Das schafft eine starke Gemeinschaft, die oft über das Referendariat hinaus bestehen bleibt.
beck-aktuell: Gibt es solche Programme auch für andere Gruppen?
Jung: Ja, wir engagieren uns sehr breit, zum Beispiel beim Deutschlandstipendium, das wir an mehreren Universitäten anbieten. Dann gibt es das "Start"-Programm, das sich an Schülerinnen und Schüler richtet, die vielleicht die ersten in ihrer Familie sind, die Abitur machen oder einen akademischen Weg einschlagen. Oft mit Migrationshintergrund, oft ohne akademisches Umfeld. Wir zeigen ihnen: Jura kann ein spannender Weg sein und wir unterstützen sie dabei.
"Wir stehen zu einem Umfeld, in dem sich jeder entfalten kann"
beck-aktuell: Diese Fördermöglichkeiten zielen alle auf mehr Diversität ab. Sie haben vorhin erwähnt, dass Sie das US-Geschäft ausbauen. Die Entwicklungen dort hatten Freshfields und andere Kanzleien gezwungen, Stellung zu beziehen, was in den Umfragen von Iurratio eine große Rolle gespielt haben dürfte. Müssen Bewerberinnen und Bewerber sich Sorgen machen?
Jung: Ob in Deutschland oder weltweit: Wir stehen dazu, ein Umfeld schaffen zu wollen, in dem jede und jeder die Chance hat, sich zu entfalten, dazuzulernen und gemeinsam etwas zu erreichen – unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Alter oder Lebensweg. Es sind schließlich die Menschen, die Freshfields erfolgreich machen – mit all ihren Perspektiven, Erfahrungen und Hintergründen.
beck-aktuell: Wie stehen die Chancen, nach dem Referendariat als Associate übernommen zu werden?
Jung: Die Chancen sind sehr gut – vorausgesetzt, es passt für beide Seiten. Wir lernen unsere Referendarinnen und Referendare intensiv kennen, und wenn es "funkt", dann wäre es schade, das nicht weiterzuführen. Natürlich hängt es auch von der Leistung ab, aber wir versuchen, den Kontakt zu halten – auch wenn jemand nach dem Referendariat noch promoviert oder einen LL.M. macht. Die Einstiegszeitpunkte sind nicht immer direkt nach dem Zweiten Examen, aber wir bleiben dran.
beck-aktuell: Gibt es bestimmte Notenanforderungen?
Jung: Ja, wir achten auf Qualität. Unsere Bewerberinnen und Bewerber haben in der Regel sehr gute Examensnoten. Das ist ein wichtiges Kriterium – nicht das einzige, aber ein starkes Indiz dafür, ob jemand fachlich passt.
beck-aktuell: Und wenn man dann als Anwältin oder Anwalt bei Ihnen anfängt – wie läuft der Einstieg?
Jung: Auch da gibt es einen Buddy, der den Einstieg erleichtert. Das ist ein bewährtes System, das hilft, sich schnell zurechtzufinden und auch mal Fragen zu stellen, ohne sich unwohl zu fühlen. Was uns besonders auszeichnet, ist unser internationales Setup. Unsere Mandate sind global, unsere Teams interdisziplinär und international zusammengesetzt. Wer international arbeiten möchte, wird von Anfang an entsprechend begleitet – beispielsweise auch durch Trainings.
"Wichtig ist, dass es zum individuellen Lebensmodell passt"
beck-aktuell: Wie sieht es mit Weiterbildung aus – etwa LL.M., Promotion oder Fachanwaltstitel?
Jung: Wir unterstützen das aktiv – sowohl finanziell als auch organisatorisch. Beim LL.M. oder der Promotion gibt es Modelle mit gestaffeltem Gehalt und Freistellung. Manche arbeiten auch Teilzeit während der Promotion – etwa drei Tage in der Kanzlei, zwei Tage für die Dissertation. Das ist völlig okay, und wir bieten da alle Möglichkeiten an. Wichtig ist, dass es zum individuellen Lebensmodell passt.
beck-aktuell: Großkanzleien sind nicht unbedingt für reine gute Work-Life-Balance bekannt. Wie sieht es da bei Freshfields aus?
Jung: Es gibt verschiedene Modelle. Teilzeit ist bei uns natürlich auch möglich – nicht nur für Eltern, sondern für alle, die das in einer bestimmten Lebensphase brauchen. Es gibt Sabbaticals, bezahlte Elternzeit für alle Mitarbeitenden und Digital Detox im Urlaub. Manche lesen im Urlaub ihre Mails, andere nicht – beides ist okay. Natürlich nach entsprechender Übergabe des Mandats an eine Vertretung. Wichtig ist, dass man sich wohlfühlt und nicht das Gefühl hat, ständig erreichbar sein zu müssen.
beck-aktuell: Frauen gehen statistisch gesehen noch immer häufiger und länger in Elternzeit und arbeiten öfter in Teilzeit. Wie sieht es mit Karriereknicks aus – etwa durch Teilzeit?
Jung: Ich kann auf jeden Fall sagen, dass viele in den vergangenen Jahren zu neuen Partnerinnen und Partnern ernannt wurden, als sie kurz vor der Elternzeit standen. Das spricht sicher für sich. Dann gibt es die Zahlen: Letztes Jahr waren rund die Hälfte unserer neuen Partner Frauen und insgesamt liegt der Frauenanteil in der deutschen Partnerschaft inzwischen bei 27%. Hier stellen wir allen Statistiken nach die höchste Quote in der Branche und das sogar mit weitem Abstand. Es gibt dabei aber keine feste Karriereformel. Manche werden früh Partnerin, andere später, wenn die Kinder größer sind. Wichtig ist, dass wir individuell hinschauen und fördern, was möglich ist. Das ist die Extrameile, die wir leisten – und die sich auszahlt.
"Ich wünsche mir mehr Transparenz für andere Berufsgruppen"
beck-aktuell: Sie wurden bei den Iurratio Awards auch für soziales Engagement ausgezeichnet. Was steckt dahinter?
Jung: Global haben im letzten Jahr 1.400 Anwältinnen und Anwälte rund 110.000 Stunden gemeinnütziger Arbeit geleistet. Eine Besonderheit bei Freshfields: Wir erfassen die Zeit für Pro-Bono-Arbeit und soziale Projekte ganz bewusst. Jede Kollegin und jeder Kollege kann darüber hinaus einen "Social Day" nehmen – einen Tag im Jahr, an dem man sich einer sozialen Tätigkeit widmet. Das kann alles Mögliche sein: Unterstützung in Altenheimen, Kitas oder Frauenhäusern. Wir haben Kolleginnen, die das koordinieren – etwa das "Blauer Engel"-Programm, bei dem wir Frauen in schwierigen Lebenslagen einen Verwöhntag ermöglichen. Natürlich gibt es bei Freshfields auch rechtliche Pro-Bono-Projekte, aber die Mischung macht’s.
beck-aktuell: Wenn Sie eine Sache bei Freshfields verbessern könnten – was wäre das?
Jung: Nach außen wünsche ich mir, dass wir noch stärker als Arbeitgeber für verschiedene Jobs wahrgenommen werden. Wir sind nicht nur eine Kanzlei für Anwältinnen und Anwälte – sondern auch für viele andere Berufsgruppen: Sekretariat, Finance, IT, HR nicht zu vergessen – da gibt es spannende Jobs, die kaum jemand mit uns verbindet, aber die Wahrnehmung steigt langsam, aber stetig.
beck-aktuell: Vielen Dank für das Gespräch.
Sofia Jung ist seit 2023 Head of Recruiting bei Freshfields. Zuvor war sie HR-Chefin bei Gleiss Lutz.
Das Gespräch führte Dr. Jannina Schäffer.


