Die britische Polizei hat in Zusammenhang mit dem Epstein-Skandal den früheren Prinzen Andrew festgenommen. Dem 66-Jährigen, der ausgerechnet an seinem Geburtstag von den Beamten abgeholt wurde, wird Fehlverhalten in einem öffentlichen Amt vorgeworfen – mutmaßliche Sexualdelikte werden in den offiziellen Angaben zur Festnahme nicht erwähnt.
Der britische König Charles III. (77) hat die Nachricht über die Festnahme seines jüngeren Bruders "mit größter Besorgnis" zur Kenntnis genommen. "Lassen Sie mich klarstellen: Das Gesetz muss seinen Lauf nehmen", teilte der König in einer schriftlichen Stellungnahme mit.
"Was nun folgt, ist ein umfassendes, faires und ordnungsgemäßes Verfahren, in dem diese Angelegenheit in angemessener Weise und durch die zuständigen Behörden untersucht wird." Die Polizei habe die "uneingeschränkte und vorbehaltlose Unterstützung und Zusammenarbeit", machte Charles klar und betonte: "Während dieses Verfahren andauert, wäre es nicht richtig, wenn ich mich weiter zu dieser Angelegenheit äußern würde." Die königliche Familie werde weiter ihre Pflichten erfüllen.
Bereits alle Titel und Ehren verloren
Andrew soll in seiner früheren Rolle als Handelsbeauftragter vertrauliche Dokumente an den 2019 gestorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein weitergeleitet haben. Der Ex-Prinz, der wegen seiner Verbindung zu dem US-Finanzier bereits seine Titel und Ehren verloren hatte, sowie das Königshaus äußerten sich zunächst nicht zu der Entwicklung, die in Großbritannien für Aufruhr sorgte. Der Epstein-Skandal brachte die britische Monarchie schon in den vergangenen Monaten immer wieder in Bedrängnis.
Wie lange Andrew im Gefängnis bleiben muss, blieb zunächst offen. Britischen Experten zufolge kann die polizeiliche Maßnahme für bis zu 96 Stunden gelten, allerdings wäre dafür auch eine Entscheidung eines Gerichts erforderlich. Ein früherer hochrangiger Polizeibeamter sagte der BBC, dass die Beamten durch die Festnahme Zugang zu Computerausrüstung, Dateien, Fotos und anderen Beweismitteln erhalten würden. Der Druck sei in den vergangenen Tagen stetig gewachsen.
Welche Rolle spielt Andrew im Epstein-Skandal?
Die Festnahme folgte auf die Veröffentlichung weiterer Dokumente aus den Ermittlungsakten zu Epstein durch das US-Justizministerium. Britische Medien hatten darin E-Mails entdeckt, die nahelegen, dass Andrew Berichte offizieller Besuche in Hongkong, Vietnam und Singapur an den Finanzier weitergeleitet hat. Epstein hatte mit der Verwaltung und Anlage des Geldes anderer ein Vermögen angehäuft. Die polizeilichen Ermittlungen gegen Andrew bedeuten nicht automatisch, dass er sich bezüglich dieser Vorwürfe strafbar gemacht hat.
Es stehen aber nach wie vor weitere Delikte im Raum: Eines der prominentesten Epstein-Opfer, die mittlerweile gestorbene Virginia Giuffre, hatte Andrew vorgeworfen, sie mehrfach missbraucht zu haben, auch als Minderjährige. Der Royal wies diese Vorwürfe stets zurück.
Seine Verbindung zu Epstein hatte Andrew in den vergangenen Monaten aber nicht mehr verschleiern können. Auch nach der Verurteilung des Amerikaners wegen Sexualdelikten in den späten 2000er-Jahren pflegte der damalige Prinz teils engen Kontakt zu Epstein, ebenso wie seine Ex-Frau Sarah Ferguson (66). Das britische Royalpaar passte ins Schema des Finanziers, dem die High Society zeitweise zu Füßen gelegen hatte. Sein Missbrauchsring forderte eine bis heute unbekannte, hohe Zahl an Opfern.
Der tiefe Fall des Prinzen
Für das Königshaus ist Andrew seit langer Zeit eine Belastung. Schon seine früheren, teils vor Jahren erfolgten Einlassungen zum Epstein-Fall waren in der Öffentlichkeit sehr kritisch bewertet worden. Seine königliche Familie schwieg aber lange. Erst im vergangenen Herbst setzte Charles III. dem ein Ende – und verstieß seinen Bruder mit dem Entzug aller Titel und Ehren. Auch aus einem Anwesen auf dem Gelände von Schloss Windsor musste Andrew ausziehen, er lebt nun als Bürgerlicher.
Charles III. hatte angekündigt, die Polizei bei etwaigen Ermittlungen gegen seinen jüngeren Bruder zu unterstützen. Bemerkenswert war dabei insbesondere die Betonung darauf, dass die Gedanken und Sympathien des Königspaars stets bei den Opfern jeglichen Missbrauchs seien. Maßgeblich an der öffentlichen Positionierung beteiligt gewesen sein soll auch Thronfolger Prinz William (43), der längst mit seinem Onkel gebrochen hatte.
Der in Großbritannien für seine Royal-Bücher bekannte Autor Andrew Lownie sagte, die königliche Familie stehe derzeit "an einem Scheideweg". Sie müssten "den Stall ausmisten, bevor William das Amt übernimmt, denn er will dieses Problem nicht erben". Sonst drohe die Monarchie, unter Charles in die Bedeutungslosigkeit zu rutschen. "Er kann entweder als jemand angesehen werden, der die Monarchie geprägt hat, oder als jemand, der im Grunde genommen zugelassen hat, dass sie irrelevant geworden ist", sagte Lownie.
Wie außergewöhnlich ist die Verhaftung?
Um in den Kreisen der britischen Königsfamilie einen Fall ähnlicher Dimension zu finden, muss man in den Geschichtsbüchern lange blättern. Von einem "beispiellosen" Vorfall ist in britischen Medien die Rede. Demnach ist der geschasste Ex-Prinz der erste hochrangige Royal in der modernen Geschichte, der festgenommen wurde.
Bisher sei es ohnehin nur einmal vorgekommen, dass ein Geschwisterkind eines amtierenden Monarchen festgenommen wurde, erklärt Sky-News-Kommentator und Adelsexperte Alastair Bruce: 1554 wurde demnach Elizabeth Tudor verhaftet, die spätere Elizabeth I. Ein hochrangiges Mitglied der Königsfamilie wurde mehreren britischen Medien zufolge zuletzt vor fast 380 Jahren verhaftet, und zwar König Charles I. im Jahr 1647.
Nun, Hunderte Jahre später, sei die Festnahme des Ex-Prinzen "das Schlimmste", was der Krone hätte passieren können, ist sich Bruce sicher. Der König sei schließlich "die Person, in deren Namen die Polizeibeamten ihre Arbeit verrichten, und nun ist sein Bruder Gegenstand eines juristischen Verfahrens".


