Nach langer U-Haft: Prozess gegen Erdogan-Gegner Imamoglu begonnen

Nach fast einem Jahr in Untersuchungshaft beginnt der Prozess gegen den Erdogan-Gegner Imamoglu. Kritiker sehen politische Beweggründe. Und einem wichtigen Teilnehmer wird das Wort verwehrt.

Fast ein Jahr nach seiner Verhaftung hat der Hauptprozess gegen den ehemaligen Istanbuler Bürgermeister begonnen - der erste Verhandlungstag ging ohne eine offizielle Aussage Ekrem Imamoglus zu Ende. Dieser versuchte mehrfach am Rednerpult das Wort zu erlangen, was jedoch vom Richter untersagt wurde.

Dem Oppositionspolitiker und Gegner des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan drohen der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu zufolge mehr als 2.000 Jahre Haft. Ihm werden unter anderem die Gründung und Leitung einer kriminellen Vereinigung sowie Bestechung und Geldwäsche vorgeworfen.

Der Vorsitzende der oppositionellen CHP-Partei, Özgür Özel, äußerte sich bestürzt über den ersten Tag. Wenn jemandem so viele Jahre Haft drohen, müsse es erlaubt werden, sich zu formellen Angelegenheiten zu äußern, sagte er vor dem Gerichtssaal nach Ende der Verhandlung. Wöchentlich soll nun laut Gericht von Montag bis Donnerstag verhandelt werden. Insgesamt sind 407 Menschen angeklagt, 105 davon sitzen in Untersuchungshaft. Unter den Beschuldigten sind auch Imamoglus Anwalt, sein Sprecher sowie Journalisten.

Menschenrechtsorganisationen und Kritiker werten den Prozess als politisch motiviert. Imamoglus Verhaftung und Absetzung lösten eine landesweite Protestwelle aus. Er gilt als aussichtsreicher Gegner des türkischen Präsidenten bei zukünftigen Wahlen. Im März 2025 war er wegen Korruptionsvorwürfen verhaftet und als Bürgermeister abgesetzt worden. Auch sein Universitätsdiplom - Voraussetzung für eine Präsidentschaftskandidatur - wurde annulliert.

Ehefrau hofft auf ein gutes Ergebnis

Dilek Imamoglu, die Ehefrau des Angeklagten, sagte der Deutschen Presse-Agentur noch vor Beginn, sie betrachte den Prozess nicht nur als persönliche Angelegenheit, sondern als wichtige Bewährungsprobe für die Rechtsstaatlichkeit im Land. "Unsere Hoffnung ist sehr groß. Denn wir wissen, dass wir im Recht sind, und daran glauben wir von ganzem Herzen."

Für sie bedeute ein gutes Ergebnis nicht nur ein Freispruch. "Aber 'ein gutes Ergebnis' bedeutet für mich, dass das Vertrauen der Gesellschaft in die Justiz wieder gestärkt wird."

Redaktion beck-aktuell, bw, 9. März 2026 (dpa).

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