beck-aktuell: Wofür steht das Netzwerk Multikultureller Jurist*innen, kurz NMKJ, und was sind Ihre Tätigkeitsfelder?
Karl Bukpiev: Wir sind ein gemeinnütziger Verein, in dem sich Juristinnen und Juristen mit vielfältigen kulturellen Hintergründen zusammengeschlossen haben. Unser allgemeines Ziel ist, Diversität in der juristischen Ausbildung und Arbeitswelt zu fördern. Wir haben verschiedene Tätigkeitsfelder, die sich gegenseitig ergänzen. Das erste sind unsere Netzwerktreffen, also interne Veranstaltungen, bei denen es um den Community-Gedanken geht. In diesem Rahmen wollen wir einen offenen, inklusiven Erfahrungsaustausch ermöglichen. Ergänzt wird das durch Veranstaltungen mit externen Partnern, also zum Beispiel Kanzleien. Dabei geht es oft um praktische Themen wie die Vorstellung von Berufsbildern, die Kanzleigründung oder Bewerbungstipps. Ein weiteres wichtiges Tätigkeitsfeld ist unsere Öffentlichkeitsarbeit. Wir treten nach außen sichtbar auf, indem wir zum Beispiel an Podiumsdiskussionen teilnehmen und öffentlich auf die Bedeutung von Diversität in der Rechtsbranche hinweisen.
"Multikulturell ist für uns eine Selbstbezeichnung"
beck-aktuell: Wer ist alles im NMKJ vertreten und was verstehen Sie unter der Bezeichnung "Multikulturelle Jurist*innen"?
Bukpiev: Im NMKJ sind Studierende ab dem ersten Semester, Referendarinnen und Referendare sowie Berufseinsteiger und -erfahrene vertreten. Die Mehrheit der Mitglieder ist tatsächlich noch im Studium oder im Referendariat. Je nachdem, an welchem Punkt der juristischen Laufbahn man steht, gibt es spezifische Hürden, bei denen das NMKJ seine Mitglieder unterstützen kann. Alle unsere Mitglieder haben einen gewissen persönlichen Bezug zum Verein, das heißt, sie empfinden sich selber als multikulturell. Das ist einfach eine Selbstbezeichnung, für die wir uns bewusst als Teil unseres Vereinsnamens entschieden haben.
beck-aktuell: Seit wann gibt es das NMKJ und wie ist der Verein entstanden?
Denise Sadaf Amini: DasNMKJ ist im Jahr 2020 entstanden. Unsere Gründerinnen hatten beide zuvor an einer Veranstaltung des Deutschen Juristinnenbundes (djb) teilgenommen. Da kam bei ihnen die Überlegung auf, dass es zwar unterschiedliche juristische Netzwerke gibt, aber keines, das sich speziell an Juristinnen und Juristen mit einer Migrationsgeschichte richtet. Nach der Gründung 2020 sind wir 2021 als eingetragener Verein anerkannt worden. In der Anfangsphase ist der Verein vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda und über persönliche Kontakte gewachsen. Schnell hat sich aber gezeigt, dass es ein ganz großes bundesweites Interesse an unserem Netzwerk gibt. Seitdem sind wir stetig größer und sichtbarer geworden. 2024 hatten wir erstmals über 100 Mitglieder und aktuell sind wir schon bei mehr als 250 Mitgliedern.
"Wenn du anders sprichst und anders aussiehst, sind die Hürden größer"
beck-aktuell: Sie sprachen eben von Hürden, die viele Ihrer Mitglieder auf dem Berufsweg erfahren. Welche sind das zum Beispiel?
Bukpiev: Da kommen häufig verschiedene Faktoren zusammen. Viele Juristinnen und Juristen mit Migrationshintergrund sind Erstakademiker und kennen den akademischen Habitus an Universitäten nicht. Das erschwert es ihnen, sich gerade zu Anfang im Studium zurechtzufinden. Aber natürlich nicht nur das: Wenn du anders sprichst, anders aussiehst, einen anderen Namen hast, sind die Hürden größer, sich zum Beispiel in den Vorlesungen zu beteiligen. Wenn dann auch ein unterstützendes Lernumfeld fehlt, kann sich das auf den Lernerfolg auswirken.
Amini: Hinzu kommt, dass man als Juristin oder Jurist mit Migrationshintergrund gewissen Stereotypen ausgesetzt ist. Das fängt bei Ausbildungssachverhalten an, die Personen mit Migrationshintergrund oder andere geschützte Gruppen stigmatisieren. Studien, die sich mit Herkunftseffekten bei der Benotung in der juristischen Staatsprüfung befassen, haben festgestellt, dass Studierende, die bestimmte Migrationsindikatoren haben, in den mündlichen Prüfungen zum ersten und zweiten Staatsexamen bis zu 1,3 Punkte schlechter abschneiden. Die Studie trifft zwar keine Aussagen über die genauen Ursachen. Sie zeigt aber, dass es sinnvoll ist, sich mit möglichen strukturellen Faktoren und auch mit unbewussten Bias im juristischen Ausbildungssystem auseinanderzusetzen. Die Erfahrungen unserer Mitglieder passen leider dazu. Häufig hören wir, dass sie sich in mündlichen Prüfungen nicht wohlgefühlt haben und komische Fragen zu ihrer Herkunft gestellt bekamen. Das verunsichert natürlich total und kann dazu führen, dass die Leistung darunter leidet.
beck-aktuell: Wie unterstützen Sie sich im Netzwerk gegenseitig angesichts dieser Hürden?
Bukpiev: Wir organisieren zum Beispiel seit ein paar Jahren ein Mentoring-Programm. Oft braucht man Vorbilder mit ähnlichen Erfahrungen, die die Ausbildung und ihre Herausforderungen schon gemeistert haben und auf ihrem Berufsweg weiter fortgeschritten sind. Zu diesem Zweck vernetzen wir Studierende und Referendarinnen und Referendare mit Berufstätigen als Mentorinnen und Mentoren. Das Mentoring-Programm startet bald wieder zu Beginn des Sommersemesters 2026. Wir freuen uns besonders darüber, dass es in diesem Jahr sehr viel Anklang gefunden hat.
"Repräsentation bringt zusätzliche Perspektiven in rechtliche Entscheidungsprozesse"
beck-aktuell: Inwiefern ist das NMKJ auch rechtspolitisch aktiv?
Amini: Unser Fokus liegt im Bereich Vernetzen und Empowern. Wir unterstützen uns gegenseitig auf unseren juristischen Karrierewegen. Unser Engagement für das Thema Diversität hat aber natürlich auch eine rechtspolitische Dimension. Indem wir unsere Mitglieder mit Kanzleien, Vertretern der Justiz oder anderen Juristenverbänden vernetzen, wollen wir dazu beitragen, dass Juristinnen und Juristen mit Migrationshintergrund in den verschiedenen Berufsfeldern angemessen vertreten sind. Eine höhere Repräsentation von Menschen mit Migrationsgeschichte, beispielsweise in der Justiz, kann auch dazu beitragen, das Vertrauen in den Rechtsstaat zu stärken und zusätzliche Perspektiven in rechtliche Entscheidungsprozesse einzubringen.
Bukpiev: Im letzten Jahr haben wir beispielsweise eine gemeinsame Presseerklärung zur Zukunftsfähigkeit der juristischen Ausbildung, herausgegeben von der Bundesrechtsanwaltskammer, dem Bundesverband rechtswissenschaftlicher Fachschaften, dem Deutschen Anwaltverein, dem Deutschen Juristinnenbund und der Neuen Richtervereinigung, mitunterzeichnet. Eine der drei Hauptforderungen ist die Förderung der Diversität in der juristischen Ausbildung. Wir wollen allerdings vermeiden, dass wir uns unmittelbar parteipolitisch positionieren. Die Themen, die uns beschäftigen, wie gleichberechtigte Teilhabe oder Vertrauen in den Rechtsstaat, sind parteiübergreifend von Bedeutung.
"Das Interesse an Diversität nimmt zu"
beck-aktuell: Wie wird das NMKJ in der Rechtsbranche angenommen? Gibt es Kooperationspartner?
Amini: Unserer Erfahrung nach hat das Interesse an und die Wahrnehmung von Themen wie Diversität seit unserer Gründung auf jeden Fall zugenommen. Wir haben einige Großkanzleien als feste Kooperationspartner, mit denen wir zusammenarbeiten und unterschiedliche Veranstaltungen durchführen.
Bukpiev: Zu unseren Kooperationspartnern gehören auch Kanzleien, von denen man angesichts der Lage in den USA nicht vermuten würde, dass sie sich noch stark in diesem Bereich engagieren.
beck-aktuell: Damit sprechen Sie die Tatsache an, dass Anfang letzten Jahres einige Großkanzleien in den USA auf Druck der Trump-Regierung ihre Diversitäts-Programme eingestellt oder angepasst haben…
Bukpiev: Genau. Trotzdem haben wir hier in Deutschland keinen Abschwung erlebt, sondern das Interesse ist mindestens gleichgeblieben. Aber auch sonst freuen wir uns, dass wir von vielen Institutionen und Initiativen in der Rechtsbranche mitgedacht werden. 2024 haben wir unter anderem zusammen mit dem Verein Afrodeutscher Jurist*innen eine Veranstaltung zum Thema Vielfalt in der Justiz organisiert. Letztes Jahr waren wir auf dem Deutschen Anwaltstag vertreten. In Nordrhein-Westfalen haben wir auch einige Ansprechpartner innerhalb der Justiz, mit denen wir immer wieder zusammenarbeiten.
Amini: Ganz besonders hat uns gefreut, dass die Bundesjustizministerin unseren Verein in einer virtuellen Keynote im Rahmen einer Auftaktveranstaltung des Center for Diversity in Law erwähnt und die Bedeutung von Diversität im Rechtssystem betont hat. Das war so ein richtiger Freudenmoment für uns alle.
"Die Reformdebatte geht an der Lebensrealität von Erstakademikern vorbei"
beck-aktuell: Was würden Sie gerne am juristischen Ausbildungssystem und in der juristischen Arbeitswelt ändern?
Amini: Ich würde mir vor allem wünschen, dass Themen wie Diversität und Chancengerechtigkeit im juristischen Ausbildungssystem konsequenter mitgedacht werden und ein stärkeres Bewusstsein dafür entsteht, dass Menschen mit sehr unterschiedlichen Ausgangsbedingungen in die Ausbildung starten. Zudem halte ich es für sinnvoll, die Zusammensetzung von Prüfungskommissionen stärker in den Blick zu nehmen. Mehr Vielfalt in diesen Gremien kann dazu beitragen, Bewertungsprozesse ausgewogener zu gestalten und unbewusste Vorannahmen auf Seiten der Prüferinnen und Prüfer zu reduzieren.
Bukpiev: Ich wünsche mir auch, dass alle Lebensrealitäten in Debatten über eine Reform der juristischen Ausbildung berücksichtigt werden. Ein gutes Beispiel ist die Debatte über den "Loser-Bachelor". Davon kann man nur sprechen, wenn man die Lebensrealitäten vieler Erstakademikerinnen und Erstakademiker nicht vor Augen hat. Diese werden auch in den entsprechenden Gesetzgebungsverfahren oftmals nicht oder nicht hinreichend berücksichtigt. Allgemein sprechen wir ja die ganze Zeit von einem Diversitätsdefizit. Ich würde mir eine größere Datengrundlage dafür wünschen, etwa mit Blick auf die Justiz. Die Debatte sollte sachlich geführt werden, gerade weil Worte wie Diversität oder Inklusion oft politisiert sind. Tatsächlich geht es aber um Werte wie Vielfalt, Offenheit, Toleranz und um gleichberechtigten Zugang zum Rechtsstaat. Mit einer belastbaren Datengrundlage könnte man das mehr in den Fokus rücken und einen entsprechenden Änderungsbedarf ableiten.
beck-aktuell: Vielen Dank für das Gespräch!
Karl Bukpiev ist Doktorand am Lehrstuhl von Prof. Dr. Christian Kersting, LL.M. (Yale) an der Universität Düsseldorf. Denise Sadaf Amini ist Rechtsreferendarin am OLG Celle. Beide sind Vorstandsvorsitzende des Netzwerk Multikultureller Jurist*innen.
Das Gespräch führte Manuel Leidinger.


