Probieren geht über Studieren: Ist das Jurastudium eine gute Idee?
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Jura ist kein Fach, das sich von außen leicht einschätzen lässt. Und doch halten sich Gerüchte hartnäckig: Nur Gesetze auswendig lernen? Klingt trocken und ist schlicht falsch. Sophie Aylin Keller erzählt, was das Jurastudium wirklich voraussetzt und wie man herausfindet, ob es das Richtige für einen ist.

Ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn oder Vorbilder aus Film und Literatur werden nicht selten als persönliche Gründe für ein Jurastudium genannt. Hinzu kommen die Erwartung eines hohen Gehalts, gesellschaftlichen Ansehens und der Wunsch nach Sicherheit. Jura wirkt von außen oft wie ein glamouröses Studium, das einem alle Türen öffnet. Realistisch ist diese Einschätzung eher nicht.

Sich nur durch äußere Einflüsse zum Jurastudium inspirieren zu lassen, ohne sich näher mit Inhalten, Ablauf und Herausforderungen zu beschäftigen, kann schnell zu Ernüchterung und Enttäuschung führen. Die Studienabbruchquote in Jura ist im Vergleich zu anderen Studiengängen mit Staatsexamen mehr als doppelt so hoch und rund 66% der Absolvierenden würden das Studium in seiner jetzigen Form nicht weiterempfehlen.

Woher kommt diese Unzufriedenheit und wie können Abiturientinnen und Abiturienten realistisch einschätzen, ob sie Jura studieren sollen oder nicht?

Leistung ohne Garantie

Das Jurastudium und die Rechtswissenschaften selbst sind eine Welt für sich – mit einem sehr eigenen System und vielen ungeschriebenen Regeln.

In den meisten Veranstaltungen des Grundstudiums besteht keine Anwesenheitspflicht, sodass man das Studium vollkommen selbstständig organisieren kann und muss. Während des Grundstudiums schreibt man einige Klausuren und Hausarbeiten, die für die Zulassung zur ersten Prüfung notwendig sind.

Die Klausurbewertungen sind dabei leider oft subjektiv und beinahe willkürlich. Denn in Jura gibt es ein eigenes, fragwürdiges Notensystem. Von Anfang an wird den Studierenden klar gemacht: Die Bestnote von 18 Punkten erreicht nur Gott. Ab vier Punkten hat man bestanden, ab neun Punkten ist man schon die Ausnahme und "Prädikatsjurist". Der Durchschnitt liegt in den Klausuren meist bei vier bis sechs Punkten. Unter Jurastudierenden gilt: "Vier gewinnt!", denn bestanden ist bestanden.

Schlussendlich ist es für den Abschluss aber ohnehin egal, was man im Grundstudium für Noten geschrieben hat. Im Gegensatz zu anderen Studiengängen zählen die erbrachten Leistungen schlicht nicht für den Abschluss. Alles hängt vom ersten Staatsexamen ab, das man durchschnittlich nach elf Semestern schreibt. Das erste Examen besteht – je nach Bundesland – aus sechs bis sieben Klausuren, die in etwas mehr als einer Woche abgelegt werden. Sie entscheiden, ob man Diplomjuristin wird oder Abiturient bleibt.

Das Studium und vor allem die Examensvorbereitung – die in den meisten Fällen ein volles Jahr in Anspruch nimmt – ist daher geprägt von stetiger Unsicherheit. Damit muss man umgehen und den Zustand für eine lange Zeit aushalten können. Resilienz, die Fähigkeit, trotz Rückschlägen, Unklarheit, fehlender Rückmeldung und oft auch Ungerechtigkeit weiterzumachen, ist eine der wichtigsten Fähigkeiten für das Jurastudium.

Logik, Neugier, Selbstständigkeit

Wer glaubt, mit Jura der Mathematik zu entkommen, der irrt. Juristisches Arbeiten ist höchste Logik und Methode. Normen sind die Formeln für Juristinnen und Juristen, die dabei helfen, Sachverhalte zu kategorisieren, zu erörtern und rationale Lösungen herzuleiten. Im Kern ist das mathematisches Denken. Nur eben mit Worten statt mit Zahlen. Wer also in der Schule gut in Mathe war und Spaß an logischem Denken hat, könnte auch Spaß an Jura haben. Gute Mathenoten sind aber keine Voraussetzung, um das Studium zu meistern – auch am Satz "iudex non calculat" ist ein Funke Wahrheit dran.

Wichtig ist außerdem Neugier. Sowohl bezüglich der Funktion von Normen und Gesetzen als auch bezüglich der eigentlichen Sachverhalte, mit denen man arbeitet. Warum gilt eine Regel? Warum steht die Norm genau an dieser Stelle im Gesetz? Ist die Norm auf den Sachverhalt anwendbar? Falsche Lösungen ergeben sich aus schwacher Argumentation. Solange der Weg begründet werden kann und nachvollziehbar ist, ist die Antwort vertretbar. Meist dreht sich hierbei alles um Details und diese gilt es zu erkennen. Wer sich selbst und seine Argumente stets hinterfragt, präzise mit Sprache arbeitet und auf Fragen gerne mit "es kommt darauf an…" antwortet, bringt Eigenschaften mit, die viel wertvoller sind als bloßes Auswendiglernen.

Selbstständigkeit und Organisationstalent sind schließlich Fähigkeiten, die entscheiden, ob man in der Stoffmenge untergeht oder sie bewältigen kann. Im Studium selbst kommt man noch durch, wenn man lediglich von Klausur zu Klausur lernt und dazwischen lockerlässt. Spätestens in der Examensvorbereitung muss man aber Prioritäten setzen, Zeitpläne einhalten, den Überblick behalten und diszipliniert den Stoff erarbeiten und wiederholen. Niemand kontrolliert den eigenen Fortschritt, niemand sagt einem, wie man was lernen muss. Die Examensvorbereitung ist ein stetiger Kampf gegen das Vergessen.

Was man vergessen darf und sollte

Man braucht kein Latinum, um Jura studieren zu können. Auch ist es, wenn man es hat, nicht unbedingt ein Vorteil. Gut, vielleicht in Veranstaltungen wie Rechtsgeschichte im ersten Semester oder wenn man im Schwerpunktstudium Grundlagenfächer wählt. Lateinische Bezeichnungen kommen zwar oft vor, sind aber nicht notwendig für das Verständnis von juristischen Regeln und Prinzipien. Wer aber ab und zu einen lateinischen Begriff verwendet, fühlt sich gleich ein bisschen "juristischer". Als würde man Glitzer auf eine Klausur streuen.

Jetzt zu den Gesetzen. Sie sind das Werkzeug. Wie das Skalpell einer Chirurgin. Niemand muss Gesetze auswendig lernen. Sie sind in jeder Klausur dabei und essenziell für die Lösung eines Sachverhalts. Wer sagt, dass Jura dadurch ganz einfach sei, hat das Prinzip eines Werkzeugs nicht ganz verstanden. In einer unausgebildeten Hand sollte ein Skalpell nicht in die Nähe eines Menschen gelangen. Das Gleiche gilt für Gesetze. Im Jurastudium geht es darum, zu lernen, wie man mit ihnen arbeiten muss, um auch unbekannte und komplizierte Probleme lösen zu können.

Bachelor, Diplomjurist, Volljuristin

Die beruflichen Perspektiven nach dem Jurastudium hängen neben den erzielten Examensnoten auch von der Abschlussart ab. Die klassischen juristischen Berufe wie Richter oder (Staats-)Anwältin kann man nur als Volljuristin oder Volljurist ausüben. Das heißt, dass man nach dem ersten Examen einen zwei Jahre dauernden juristischen Vorbereitungsdienst absolvieren muss, der mit dem zweiten Examen abschließt.

Gleiches gilt, wenn man als Associate in einer Großkanzlei tätig sein will. Gerade hier zählen die Ergebnisse beider Examina besonders. Chancen auf eine Stelle hat man meist erst ab einem Vollbefriedigend, also ab neun Punkten aufwärts, in beiden Prüfungen.

Wer das erste Examen besteht, ist Diplomjuristin bzw. Diplomjurist. Das ermöglicht Tätigkeiten in Unternehmen, Verbänden, der Verwaltung oder im Verlagswesen. Daneben wurde in einigen Bundesländern die Möglichkeit eingeführt, mit einem Bachelor of Laws abzuschließen, wenn man das erste juristische Staatsexamen nicht absolvieren möchte oder endgültig nicht besteht. Dieser alternative Abschluss nimmt viel Druck und gibt den Studierenden zumindest etwas Sicherheit in einem System, das noch viel Reformbedarf hat.

Probieren geht über Studieren

Die Frage, ob Jura persönlich zu einem passt, kann man nicht pauschal beantworten. Aber es gibt Möglichkeiten, sich mehr Klarheit zu schaffen.

Ganz klassisch kann man zunächst eine Pro- und Contra-Liste erstellen. Vage Vorstellungen werden durch Recherche und Selbstreflexion konkret auf ein Blatt Papier gebracht. Sind die Gründe überzeugend, oder basieren sie eher auf einem romantisch verzerrten Bild aus den Medien? Ist es der eigene Wunsch oder eher die Erwartung der Familie? Auf solche Fragen findet man leichter eine Antwort, wenn man die Fakten auf den Tisch legt.

Ein klares Muss ist außerdem ein Blick in die Modulhandbücher und den Studienverlaufsplan der verschiedenen Universitäten, in denen die einzelnen Veranstaltungen und die zu erbringenden Prüfungsleistungen beschrieben werden. Gerade wenn man sich für das Jurastudium entschieden hat, bleibt oft noch die Frage offen, wo man studieren möchte. Verschiedene Universitäten bieten beispielsweise unterschiedliche Schwerpunkte an und haben auch unterschiedliche Anforderungen im Studienverlauf.

Auch Schülerpraktika, Studienberatungen und der Besuch beim Tag der offenen Tür einer Universität geben wertvolle Einblicke in den Arbeits- und Studienalltag.

Schlussendlich ist aber keine Option so aufschlussreich wie das Ausprobieren. Wer nach einem oder zwei Semestern merkt, dass es doch nicht passt, hat nichts verloren und viel gelernt. Über das Fach und vor allem über sich selbst.

Sophie Aylin Keller ist Jurastudentin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Redaktion beck-aktuell, Gastbeitrag von Sophie Aylin Keller, 9. April 2026.

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