"Study with me" beschreibt ein Lernformat, das vor allem auf Plattformen wie YouTube, TikTok oder Twitch verbreitet ist. Eine Person filmt oder streamt sich beim Lernen, meist über längere Zeiträume. Die Kamera zeigt den Schreibtisch oder eine Frontalansicht der lernenden Person. Gesprochen wird währenddessen in der Regel nicht. Ziel ist es, gemeinsam zu lernen, ohne direkt miteinander zu interagieren.
Auf YouTube findet sich dazu beispielsweise ein zweistündiges Video der Jurafluencerin Lawstudentsaskia mit 10.000 Followern, das zeigt, wie sie an ihrem Schreibtisch sitzt und sich zu einem Skript Notizen macht. Das Video wurde in den letzten fünf Jahren 8.000 Mal aufgerufen. Die YouTuberin Merve mit über einer Million Follower filmt sich teilweise bis zu acht Stunden am Stück beim Lernen. Im Hintergrund: Ihr Schreibtisch, ein Blick über die Dächer von Glasgow oder Aberdeen und manchmal sogar Regentropfen am Fenster – inklusive der entsprechenden Geräuschkulisse.
"Study with me"-Videos gibt es in unterschiedlichen Formaten. Einige Creatorinnen und Creatoren streamen ihre Lernphasen live. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sind jeweils eingeladen, am eigenen Arbeitsplatz mitzuarbeiten. Ein Austausch findet, wenn überhaupt, nur vor oder nach den Arbeitseinheiten in Kommentaren oder Chats statt. Andere Studierende stellen hingegen aufgezeichnete Videos bereit, die auch später noch parallel zum eigenen Lernen genutzt werden können. Teilweise werden die Videos auch lange nach dem Upload noch millionenfach aufgerufen, dann nicht mehr live, sondern als stille Begleitung beim Lernen.
Struktur und Verbindlichkeit
Gerade beim ersten Kontakt wirken "Study with me"-Videos auf viele befremdlich. Der Sinn des stundenlangen stillen Lernens vor der Kamera erschließt sich nicht sofort, weil die Videos weder Inhalte erklären noch einen klassischen Austausch anbieten, wie man ihn beispielsweise aus einem Zoom-Call kennt.
Das "Study with me"-Format wird oft erst verständlich, wenn man es selbst ausprobiert. Die meisten Jurastudierenden, die das Konzept für sich entdeckt haben, suchen nach Struktur und Verbindlichkeit beim Lernen. "Gemeinschaft beim Lernen ist generell etwas, was viele Menschen mögen und ihnen das nötige Gefühl von Verbindlichkeit vermittelt, am Ball zu bleiben, anstatt ständig zum Kühlschrank zu tingeln oder nach nur kurzer Lernzeit wieder das Handtuch zu werfen", erklärt die Volljuristin und Diplompsychologin Alica Mohnert.
Das liegt auch an der Struktur des Jurastudiums selbst. Feste Stundenpläne und Vorlesungen treten in der Examensvorbereitung weitgehend hinter andere Lernmethoden zurück – vor allem dann, wenn man sich gegen ein kommerzielles Repetitorium entscheidet. Insgesamt basiert das Jurastudium stark auf Eigenarbeit und ist damit prädestiniert für diese Form der stillen Gemeinschaft.
Das gemeinsame Lernen findet dabei nicht inhaltlich, sondern zeitlich statt. Entscheidend ist nicht, was die andere Person lernt, sondern dass sie überhaupt lernt. "Viele berichten, dass sie sich angeregt fühlen, etwas zu tun, wenn sie andere ebenfalls aktiv sehen", so Mohnert. Dieser Effekt kann gerade bei umfangreichen Stoffmengen relevant sein, etwa beim Wiederholen ganzer Rechtsgebiete.
Zugleich ist das Format niedrigschwellig. Es ersetzt keine Arbeitsgemeinschaft und keine Lerngruppe, setzt aber auch keine Abstimmung über Inhalte voraus. Jede Person arbeitet am eigenen Lernstoff, etwa an Zusammenfassungen, Fällen oder Karteikarten – und das ortsunabhängig.
Bodydoubling als psychologisches Prinzip
Aus psychologischer Sicht lässt sich das "Study with me"-Konzept dem Bodydoubling zuordnen. Dabei arbeitet eine Person konzentrierter, weil eine andere anwesend ist. "Ich empfehle Bodydoubling regelmäßig, nicht zuletzt als gute Alternative, wenn man nicht unbedingt eine eingeschworene Lerngruppe in Präsenz zur Verfügung hat", erklärt Mohnert. Dabei spiele es keine Rolle, ob beide dasselbe Fach bearbeiten: "Bodydoubling funktioniert auch, wenn der andere etwas anderes als Jura lernt".
Für Jurastudierende kann das relevant sein, weil sich Lernphasen oft über Monate erstrecken – im Fall der Examensvorbereitung meist sogar über ein Jahr. Das Format kann helfen, den inneren Schweinehund zu überwinden, einfach mal anzufangen und vorher definierte Arbeitszeiten einzuhalten. Gerade beim Lesen umfangreicher Lehrbücher oder beim strukturierten Wiederholen kann der äußere Rahmen stabilisierend wirken.
Wie viel soziale Kontrolle man beim Lernen tatsächlich zulässt, hängt dabei von den eigenen Präferenzen ab. "Wer möchte, kann sich so filmen, dass der andere sieht, ob man auch wirklich liest, anstreicht und umblättert, aber gängiger und hinreichend ist die schlichte Frontalansicht", so Mohnert.
Die Expertin betont zugleich, dass das Konzept keine universelle Lösung sei. "Natürlich gilt das nicht pauschal. Manche mögen Bodydoubling einfach nicht besonders – beispielsweise, weil sie sich 'beobachtet' fühlen – und sollten sich dann auch nicht dazu zwingen. Wie so oft gilt: one size does not fit all."
"Es gibt keine Medaillen dafür, um sechs Uhr morgens am Schreibtisch zu sitzen"
Damit Jurastudierende vom "Study with me"-Format profitieren, kommt es auf die konkrete Ausgestaltung an. Ein erster Schritt ist die realistische Einschätzung der eigenen Leistungszeiten. "Zunächst ist es wichtig, mit sich selbst ehrlich ins Gericht zu gehen, zu welcher Tageszeit man ohne unvorhergesehene Unterbrechungen konzentriert lernen kann", erklärt Mohnert. Frühes Aufstehen ist dabei kein Selbstzweck: "Es gibt keine Medaillen dafür, um sechs Uhr morgens am Schreibtisch zu sitzen und dann mit der Stirn aufs Lehrbuch zu fallen."
Aber auch hier können die sozialen Netzwerke helfen. Denn über "Study with me"-Gruppen ist es möglich, neue Lernpartnerinnen und Lernpartner kennenzulernen. Mohnert sieht das ganz rational: "Wer erst am Abend aufblüht, setzt sich mit einer anderen Eule zusammen, und fertig."
Auch die Länge der Arbeitseinheiten müsse passen. Die Expertin nennt 30, 45, 60 oder 90 Minuten als gängige Abschnitte. Dazwischen sollten kurze Pausen liegen. Mohnerts Tipp: "Kurze Pausen von 15 Minuten genügen in aller Regel nur dazu, sich kurz die Beine zu vertreten, etwas zu trinken zu holen oder das Zimmer zu lüften. Für echte Erholung ist das zu knapp. Insbesondere nach zwei oder spätestens drei Nettostunden Arbeit sollte eine längere Pause erfolgen." Außerdem sei es ideal, wenn die Arbeitseinheiten zum Zeitbedarf der jeweiligen Aufgabe oder Unteraufgabe passen.
Ziele vorher klar definieren
Wie produktiv das "Study with me"-Konzept dabei wirkt, hängt entscheidend davon ab, wie die Sessions genutzt werden. Grundsätzlich sollte man nicht ohne einen konkreten Plan und klar definierte Ziele an einer Session teilnehmen. Sonst besteht die Gefahr, Zeit mit nebensächlichen Aufgaben zu füllen, beim bloßen Lesen von Lehrbüchern abzuschweifen oder den Stoff ohne echte Nachbereitung direkt wieder zu vergessen. Gerade im Jurastudium, wo Studierende auf aktive Wissensverarbeitung angewiesen sind, reicht passives Mitlaufen nicht aus. Fälle zu lösen oder Argumente im Gutachtenstil zu formulieren, lässt sich nicht durch bloße Anwesenheit üben. Das Format kann diese Arbeit begleiten, aber nicht übernehmen.
Mohnert hat auch dafür einen praktischen Tipp: "Zu Beginn einer 'Study with me'-Session sagen sich die Teilnehmer gegenseitig kurz, wofür sie konkret die anberaumte Zeit nutzen wollen, am besten in Form sogenannter SMART-Ziele." Die Abkürzung steht für: spezifisch, messbar, achievable (erreichbar), reasonable (angemessen) und terminiert.
Für Jurastudierende könne das etwa bedeuten, einen bestimmten Abschnitt im Lehrbuch Sachenrecht zu bearbeiten oder einen Übungsfall innerhalb der Lerneinheit komplett durchzuarbeiten. Am Ende der Session überprüfen die Teilnehmenden, ob alle ihre jeweiligen Ziele erreicht haben. Diese Rückmeldung hilft, den eigenen Lernaufwand realistischer einzuschätzen – ein Aspekt, der gerade in der Examensvorbereitung relevant ist.
Doch wie findet man den ersten Zugang zur "Study with me"-Methode und den eigenen Zielen? Auch dafür können Studierende das Konzept schon einsetzen. "Es ist absolut legitim, eine Lernsession dafür einzusetzen, einen Plan mit konkreten Zielen zu entwickeln", so Mohnert. Die eigentliche Lernarbeit könne dann in der nächsten Einheit folgen.
Wichtig ist: Das "Study with me"-Konzept verändert nicht die Inhalte des Jurastudiums, wohl aber den Rahmen, in dem gelernt wird. Es bietet eine digitale Form der Lernpräsenz, ohne klassische Lerngruppenstrukturen zu ersetzen. Für einige Jurastudierende kann die Lernmethode ein Instrument sein, um Konzentration und Regelmäßigkeit zu fördern. Gleichzeitig bleibt juristisches Lernen aber auf die aktive Auseinandersetzung mit dem Prüfungsstoff angewiesen. Fallbearbeitung, Argumentation und Wiederholung lassen sich nicht automatisieren. Das Gleiche gilt für die rhetorischen Skills, die vor allem in der mündlichen Prüfung wichtig sind. Hier hilft nur, tatsächlich anhand von Aktenvorträgen zu üben. Im Ergebnis kann das "Study with me"-Format, wenn es sinnvoll eingesetzt wird, dabei unterstützen, Zeitfenster zu schaffen und Ablenkungen zu reduzieren. Ob es funktioniert, hängt primär von der eigenen Herangehensweise ab. Am besten einfach mal ausprobieren.


