"Romanticizing Jurastudium": Wie Social Media das Lernen verschönert – und verzerrt
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Jurastudierende pendeln auf Social Media irgendwo zwischen Duftkerzen, productive days und Tränen bei der Notenbekanntgabe. Die Hoffnung: das Lernen schöner gestalten. Die Realität: Leistungsdruck und Selbstvergleich. Sophie Aylin Keller hat sich die Renaissance der Romantisierung näher angesehen.

Die Darstellung des Jurastudiums auf Social Media kann einen großen Einfluss auf das Selbstbild und die Einordnung der eigenen Leistungen haben. Sowohl im positiven – durch Inspiration und Austausch – als auch im Negativen – durch unrealistische Maßstäbe. Nicht umsonst heißt es "to influence": Beeinflussen, Einwirken, Prägen.

Vor allem, wenn objektive Maßstäbe zur Einordnung der eigenen Fähigkeiten fehlen, neigen wir dazu, uns mit anderen zu vergleichen. Heute gibt es mehr Vergleichsmöglichkeiten als je zuvor, im Guten wie im Schlechten. Die sozialen Medien zeigen Ausschnitte aus dem Alltag von Menschen auf der ganzen Welt, fördern Austausch untereinander und bieten Inhalte zu allen möglichen Themenbereichen. Auch zum Jurastudium.

Neben den Studierenden sind heute auch die Universitäten, studentische Verbände und sogar einzelne Lehrstühle in den sozialen Netzen aktiv. Jurastudierende können sich in ihrem Feed also nicht nur untereinander austauschen, sondern erhalten auch Informationen über Schließzeiten der Bibliothek, Abgabefristen für Hausarbeiten und Stellenanzeigen als Aushilfe am Lehrstuhl. Eine Win-win-Situation für alle?

Das kommt darauf an, wie man Social Media in den eigenen Alltag integriert, welche Apps man nutzt und wem man folgt. Ein großes Problem: Vergleiche unter Studierenden. Ob diese den Lernstress noch erhöhen, hängt von vielen Faktoren ab. Nicht immer muss ein Vergleich mit anderen negativ sein. Im Gegenteil. Sind Vergleiche realistisch, können sie motivieren und inspirieren. Gerade auf Instagram und Co. verschwimmt jedoch nicht selten die Realität mit einem inszenierten Ideal, das so nicht erreicht werden kann.

Renaissance der Romantisierung

"Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder", schrieb schon der deutsche Frühromantiker Novalis. Der Kern der Romantisierung: Alltägliches zelebrieren und dem Gewöhnlichen einen Funken Magie verleihen.  Auch in der heutigen Zeit, die weltweit von Unruhen und Gewalt geprägt ist, ist es kein Wunder, dass das "Romanticizing" in den sozialen Medien als Trend wiederkehrt.

Zum Lernen zündet man sich eine Duftkerze an, nutzt glitzernde Stifte und beklebt die Großbuchstaben seiner Gesetzestexte mit kleinen Strasssteinen. Nach einer erfolgreichen Lernsession verspricht man sich selbst zur Belohnung einen Matcha oder einen Pumpkin Spice Latte im Café um die Ecke. Dadurch wird Schweres nicht weniger schwer, aber eben erträglicher. Solange es einem hilft und Ästhetik nicht mit Kontrolle verwechselt wird, meint die Diplomjuristin und Lawfluencerin Ivetta Hegel (Jura.Ivetta), ist an Romantisierung nichts auszusetzen. "Für mich geht es nicht darum, etwas nach außen darzustellen, sondern einfach darum, sich den Alltag ein bisschen angenehmer zu gestalten", so Hegel.

Problematisch wird es, wenn Profile ausschließlich Produktivität, eventuell beschönigte Ergebnisse, Disziplin und Kontrolle zeigen. So entstehe schnell der Eindruck, dass Unsicherheit und Überforderung persönliches Versagen seien. Denn auf Social Media geht es oft darum, ein möglichst perfektes Bild abzugeben. Beim Lernen perfekt gestylt an einem aufgeräumten Schreibtisch zu sitzen und in die Kamera zu lächeln, gibt mehr Klicks als Chaos und Gammel-Look.

"What, like it‘s hard"

Vor allem Lawfluencer aus den USA, die entweder an Elite-Universitäten wie Harvard studieren oder nach ihrem Abschluss als "Big Law Attorney" arbeiten, fördern das Narrativ, angehende Juristinnen und Juristen würden später alle wie Elle Woods oder Harvey Specter. Auf den Fotos und Videos: Luxuslifestyle, Ferienhaus in den Hamptons und ein "Day in the life" von 5 a.m. bis 11 p.m.

Lawfluencer wie tiffthelawyer oder cecilia_sophie stehen am extremen Ende des Romanticizing. Sie leben ein Leben, von dem die meisten nur träumen können. Wie ihre Tiefpunkte aussahen und welche Selbstzweifel und Herausforderungen ihnen in ihrer juristischen Ausbildung im Weg standen, bekommen ihre Followerinnen und Follower nicht mit. Auch über schlicht unproduktive Tage oder Misserfolge und Unzufriedenheit wird selten berichtet.

Sich selbst darüber bewusst zu werden, dass Social-Media-Inhalte hauptsächlich Inszenierungen sind, kann den Druck schon etwas nehmen. Studierende, die ihren Alltag auf Instagram teilen, haben, so Hegel, die gleichen Probleme und Selbstzweifel wie man selbst. Nur werden diese eher im Stillen gelebt statt geteilt. Durch eine realistische und ehrliche Darstellung könne man einen Raum schaffen, in dem Unsicherheiten angesprochen werden dürfen.

Furkan Akgün, inzwischen selbstständiger Rechtsanwalt und auf Instagram bekannt als fvrkanbey, beschreibt Social Media als Minenfeld. Sein Ratschlag an Studierende: "Man muss seine Helden mit Bedacht auswählen." Dann müsse die Nutzung von Social Media nicht frustrierend sein, sondern könne sogar bereichern und Spaß machen. Auch würde in den sozialen Medien viel Kritik an bestehenden, veralteten Strukturen geübt und Reformvorschläge für die juristische Ausbildung geteilt. Damit könnten Studierende sich gegenseitig stark machen und viel einfacher als noch vor einigen Jahren ihre Stimme erheben.

Nähe durch Distanz?

Hinter dem Bildschirm und abseits des Hörsaals fällt es leichter, über Unsicherheiten, Zweifel und Überforderung zu sprechen. Kommentarspalten, Direktnachrichten und geteilte Erfahrungsberichte schaffen einen Raum, in dem sichtbar wird, dass die eigenen Sorgen keine Ausnahme und kein persönliches Versagen sind. Gerade in einem Studiengang, der stark von Leistungsdruck geprägt ist, wirkt diese Form der Offenheit durch den sicheren Abstand entlastend.

Der Austausch über die sozialen Medien ermöglicht damit auch ermutigende Vergleiche, die einem den Druck nehmen können. Studierende berichten von Umwegen, Wiederholungsversuchen und vom Scheitern. Im universitären Alltag wird das kaum thematisiert. Nicht zuletzt tragen Instagram und Co. dazu bei, bestehende Ungleichheiten zumindest teilweise abzumildern. Lerntipps und Erfahrungen sind nicht mehr jenen vorbehalten, die über juristische Vorbilder im familiären Umfeld verfügen. Persönliches Wissen und Tipps werden öffentlich geteilt und sind für alle zugänglich.

Zugleich birgt diese distanzierte Nähe jedoch auch die Gefahr der Hemmungslosigkeit. Es entstehen Angriffsflächen durch ungefilterte Meinungen, eskalierende Diskussionen und das Überschreiten persönlicher Grenzen. Schnell wird vergessen, dass sich hinter den Bildschirmen echte Personen befinden. Umso wichtiger ist es, soziale Medien reflektiert und kritisch zu nutzen, mit dem Bewusstsein, dass sie stets nur Ausschnitte zeigen und nie die gesamte Realität abbilden können.

"Fenster auf Kipp": Das Leben ist nicht nur Jura und TikTok

Ganz entziehen kann man sich idealisierten Darstellungen des Jurastudiums nicht, weder in den sozialen Medien noch auf dem Unicampus. Vergleiche sind nicht neu – nur ihre ständige Verfügbarkeit. Gerade deshalb gewinnt der bewusste Umgang mit sozialen Medien an Bedeutung. Inspiration kann motivieren, Austausch kann stützen, Sichtbarkeit kann verbinden. Wer aber den Fokus ausschließlich auf ideale Darstellungen anderer richtet, verliert leicht den Blick für eigene Fortschritte, findet auch Akgün. Und: "Es ist brandgefährlich, wenn man so tut, als ob das Studium einfach nur Spaß wäre."

Sich bewusst darüber zu werden, was man selbst gelernt, verstanden oder bewältigt hat, kann helfen, die Perspektive zu verschieben. Persönlicher Fortschritt zeigt sich weniger in Noten oder sichtbaren Erfolgen. Viel wichtiger ist es, mental und körperlich gesund durchzuhalten und eigene Grenzen zu erkennen. Auch darauf darf man stolz sein. Und wenn man merkt, dass die Nutzung von Social Media überfordert oder nicht guttut, so Hegel, darf man die Reißleine ziehen. Profile blockieren, Personen entfolgen oder das Smartphone ganz weglegen.

Ausgleich und Pausen sind kein Zeichen von Schwäche, sondern Voraussetzung für langfristige Leistungsfähigkeit. Hobbys, soziale Kontakte und Erlebnisse jenseits des Jurastudiums und Social Media schaffen Abstand, der es möglich macht, stärker zurückzukehren. Bei bewusster Nutzung können soziale Medien zu dem werden, was sie im besten Fall sind: Eine Quelle der Inspiration, ein Ort des Austauschs und ein Angebot, keine Pflicht.

Redaktion beck-aktuell, Gastbeitrag von Sophie Aylin Keller, 13. Januar 2026.

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