Die Karriere des Reinhard Höhn: Vom SS-Juristen zum Managementvordenker der Bundesrepublik
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Reinhard Höhn war erst Nazi-Jurist, dann einer der wichtigsten Vordenker für hunderttausende Führungskräfte aus Wirtschaft und Verwaltung in der alten Bundesrepublik. Eine soziologische Studie widmet sich nun Höhns erstaunlichem Werdegang – und Sebastian Felz hat sie gelesen.

Das deutsche 20. Jahrhundert war reich an politischen Umbrüchen. Diese schlugen auch auf die Staatsrechtslehrer durch. Ein besonderes Beispiel von chamäleonartiger Anpassungsfähigkeit ist Reinhard Höhn (1904-2000). Der Sohn eines Amtsrichters studierte Jura und wurde vom jüdischen Professor Max Grünhut mit einer Arbeit über die Stellung des Richters in den Strafgesetzen der Französischen Revolution promoviert. Gleichzeitig engagierte er sich seit seinem 18. Lebensjahr bei völkischen Bewegungen, nach Machtübernahme der Nationalsozialisten dann in der NSDAP und der "Schutzstaffel" – der SS. 

Höhn wurde Hauptabteilungsleiter beim Sicherheitsdienst unter Reinhard Heydrich. 1934 folgte seine Habilitation in Heidelberg. Er bekämpfte seinen ehemaligen Förderer Carl Schmitt, konturierte in der "Akademie für Deutsches Recht" das nationalsozialistische Polizeirecht und wurde schließlich Professor für Staatsrecht an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin sowie Abteilungsleiter im Reichssicherheitshauptamt. Nach dem Krieg wirkt er mit juristischem Professorentitel und unter falschem Namen als Heilpraktiker in Lippstadt, was behördlichen Ärger nach sich zog. 1956 gründete Höhn die Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft in Bad Harzburg. 

Und hier setzt das kürzlich erschienene Buch von Stefan Kühl mit dem Titel "Führung und Gefolgschaft" an. Ist die Karriere Reinhard Höhns eine Geschichte der (fast) bruchlosen Kontinuität?

"Führung und Gefolgschaft"

Die nationalsozialistische Führungsidee war durch die exkludierende Kategorie der Rasse, die inkludierende Idee der Volksgemeinschaft sowie den Vorrang der Volks- vor der Rechtsgemeinschaft gekennzeichnet. Dieses Führungsideal, das auch Höhn ausbuchstabierte, war weniger formal und bürokratischer als das herrschende Organisationsverständnis in der Weimarer Republik. Charismatische Führer, die sich "naturwüchsig" aus einer kameradschaftlichen Gemeinschaft herausbildeten und sich an überstaatlichen Zwecken wie der Herstellung einer "rassereinen" Volksgemeinschaft in einem "großdeutschen Reich" orientierten sollten, waren das Ideal der NS-Organisationslehre. Da alle durch die gleiche Sache motiviert würden, sei eine formale Zielsetzung nicht notwendig, fand man. Der Nationalsozialismus war damit, schreibt Kühl, organisationstheoretisch eine "purpose-driven organization". 

In der Bundesrepublik "entnazifizierte" Höhn nicht nur sein Führungsverständnis, sondern richtete es grundlegend auf die rechtsstaatliche Staatsform aus. Im "Harzburger Modell" waren die Verhältnisse streng hierarchisch. Der Vorgesetzte war funktional auf seine "Führungsverantwortung" – also im Wesentlichen Personalauswahl und -führung – beschränkt. Mikromanagement war verboten. Im delegierten Bereich hatte der Mitarbeiter die Handlungsverantwortung, sein Aufgabenkompass war durch eine präzise Stellenbeschreibung ausgerichtet. Den Führungskräften wurde nicht aufgrund des Charismas gefolgt, sondern ihre Vorgaben waren schlicht aufgrund hierarchischer Legalität zu akzeptieren. Höhn wechselte also die charismatische Herrschaft durch die bürokratische Herrschaft im Sinne Max Webers aus. Er modifizierte allerdings den bürokratischen Ablauf, indem das Handeln der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch vorgegebene Zwecke anstelle von konditionalen Befehlen bestimmt wurde. Die Wahl geeigneter Mittel zur Zweckerreichung lag bei ihnen selbst und wurde nicht vorgegeben.

Von der charismatischen zur bürokratischen Herrschaft

Es gab allerdings auch Kontinuitätslinien. Höhn übertrug seinen schon in der NS-Zeit aufgemachten Dualismus zwischen "autoritärer" Führung im Absolutismus und Liberalismus und angeblichen Tendenzen "kooperativer" Führung von der NS-Staatslenkung auf das bundesrepublikanische Management. Weiterer Orientierungspunkt sowohl im NS-Staat als auch im Nachkriegsdeutschland waren die preußischen Militärreformer wie Gerhard von Scharnhorst. Scharnhorst erhoffte sich bspw. durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht eine größere Identifikation mit dem Staat. Außerdem, fand Höhn, hätten die Militärreformer die "Dressur" des Soldaten durch Auftragstaktik mit mehr Handlungsspielraum ersetzt. 

Viele Managementkonzepte Höhns zeichnen das Bild einer in der Gegenwart durch Interessenkonflikte und Auseinandersetzungen zersetzten Personengruppe, die durch die neuen Methoden zu einer harmonischen Gemeinschaft werden könne. Während im "Dritten Reich" die Volksgemeinschaft als Ziel dieser harmonistischen Vorstellungen gesetzt wurde, sah Höhn in der Bundesrepublik den Endpunkt der volkswirtschaftlichen Entwicklung in einer Überwindung der "Klassenkampfideologie" durch eine sozialpartnerschaftlich geprägte Betriebsgemeinschaft. Höhn hatte vor 1945 entschieden gegen die Demokratie und den Rechtsstaat gekämpft, welche durch einen Führerstaat und ein "Volksrecht" ersetzt werden sollte. Im Nachkriegsdeutschland propagierte er nun hingegen den Betrieb als Schule der Demokratie, denn der "selbstständig denkende und verantwortungsbereite Staatsbürger" werde durch seine Herausforderungen als "selbstständig denkender, handelnder und entscheidender Mitarbeiter" gebildet. Natürlich sollte die Demokratie nicht im Unternehmen eingeführt werden, aber auch die "autoritär-patriarchalische" Mitarbeiterführung passe nicht mehr in die Bonner Republik, fand Höhn. 

Management by Objectives und Führen im Mitarbeiterverhältnis

In einem sehr spannenden Methodenvergleich legt Stefan Kühn das Managementverständnis des heute fast vergessenen ehemaligen Nationalsozialisten Reinhard Höhn über die Führungsphilosophie des immer noch als "godfather of management verehrten Peter F. Drucker. Drucker war ein österreichisch-jüdischer Jurist, der 1931 in Frankfurt über "Die Rechtfertigung des Völkerrechts aus dem Staatswillen" promoviert wurde. Carl Schmitt bot ihm an, seine Habilitationsschrift zu betreuen, von der nur ein Abschnitt über Friedrich Julius Stahl abgeschlossen wurde. 

Höhn und Drucker arbeiteten die Idee der Mitarbeiterführung durch Zweckprogramme aus, die seit dem Ersten Weltkrieg konzipiert worden war. Sie wollten dabei autoritäres Mikromanagement vermeiden, genauso wie Scheuklappendenken in Teilzielen aufgrund arbeitsteiliger Aufgabenorganisation. Der Erfolg beider Konzepte lässt sich darauf zurückzuführen, dass in den Boomjahren der Nachkriegszeit das Bedürfnis nach neuen Managementideen groß war. Beiden gelang es dabei, das Konzept der Führung über Ziele in ihren Büchern und Artikeln zu popularisieren, und es über Fortbildungsakademien und Business Schools zu multiplizieren. 

Kühl arbeitet in seiner Studie heraus, wie Drucker die gemeinschaftsstiftende Funktion von Betrieb, Büro und Fabrik propagierte. Es sollten – ohne die Kerngemeinschaften wie Ehe, Familie und Freundschaften ersetzen zu können – in der Arbeitswelt Gemeinschaftsgefühle entstehen, die die Gesellschaft stabilisieren könnten. Später setzte Drucker seine Hoffnungen nicht mehr auf die durch "hire and fire" gekennzeichnete betriebliche Sphäre, sondern im Sinne des Kommunitarismus auf Gruppen wie Kirchen, Sportvereine oder Pfandfindergruppen. 

Nachgeholte Entnazifizierung? – Der Niedergang des Harzburger Modells

In den 1970er-Jahren kam Reinhard Höhn von zwei Seiten unter Druck. In der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit wurde seine NS-Vergangenheit problematisiert, die er in der Gegenwart noch nutzen konnte. So beschäftigte er alte "Kameraden" wie Alfred Six, Jurist und SS-Einsatzgruppenleiter, oder Justus Beyer, RSHA-Jurist, in seiner Akademie. Viele der knapp 6.500 ehemaligen SD-Angehörigen arbeiteten nun in der Wirtschaftswunderökonomie der frühen Bundesrepublik und schickten ihre Kolleginnen und Kollegen zu Höhn in die Führungslehre. 

Zweitens setze die "Wiederentdeckung" der Gemeinschaft in Form der "Organisationskultur" im US-amerikanisch geprägten Managementdiskurs Höhns als formalistisch-bürokratisch verschrienes Harzburger Modell unter Druck: Zu viel Formalstruktur, zu viel Ressortdenken und zu viele Organisationsregeln. Für diese neuen Fragen der "informellen Struktur" sei Höhn blind gewesen. Und dies aus gutem Grund: Kühl zeigt, dass der Niedergang des Harzburger Modells durch die Selbst-Entnazifizierung des eigenen Denkens bedingt war. Das diskreditierte, von Höhn im "Dritten Reich" selbst propagierte (Volks-)Gemeinschaftsdenken, erlaubte es ihm nun nicht mehr, an die neueren (oder wiederkehrenden) Entwicklungen der Managementdiskurses anzuschließen. 

Stefan Kühl hat eine thesenstarke soziologische Annäherung an die Wandlungen des "Führungsdenkers" Reinhard Höhn geschrieben.

Stefan Kühl, Führung und Gefolgschaft. Management im Nationalsozialismus und in der Demokratie, Berlin 2025, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2469, 265 S., ISBN 978-3-518-30069-5, 24 €.

Vgl. auch: Klaus-Peter Schroeder: Reinhard Höhn (1904 – 2000) – Die Habilitation eines NS-Ideologen an der Heidelberger Juristischen Fakultät, in: Jahrbuch des öffentlichen Rechts der Gegenwart. Neue Folge 73 (2025) / Heft 1, S. 463-481.

Der Autor Dr. Sebastian Felz ist Mitglied des Vorstandes des "Forum Justizgeschichte".

Gastbeitrag von Dr. Sebastian Felz, 19. Januar 2026.

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