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OVG Koblenz: Windenergieanlage darf während des Kranichzugs ohne Abschaltauflage betrieben werden

  • zu OVG Koblenz , Urteil vom 31.10.2019 - 1 A 11643/17

Der Betrieb einer Windenergieanlage erhöht das Kollisions- und Tötungsrisiko für ziehende Kraniche nicht in signifikanter Weise, sodass sie keiner Abschaltauflage zum Schutz des Kranichzugs bedarf. Dies hat das rheinland-pfälzische Oberverwaltungsgericht in Koblenz mit Urteil vom 31.10.2019 entschieden (Az.:1 A 11643/17).

Betreiberin einer Windkraftanlage klagt gegen Abschaltauflage

Die Klägerin, eine Betreiberin einer Windkraftanlage, erhielt die immissionsschutzrechtliche Genehmigung zur Errichtung und zum Betrieb einer Windkraftanlage mit der Auflage, an den Massenzugtagen des Kranichs im Frühjahr und Herbst bei bestimmten Wetter- und Windbedingungen die Anlage während des Überflugs der Zugwelle abzuschalten. Ihre gegen diese Auflage erhobene Klage wies das Verwaltungsgericht mit der Begründung zurück, ohne die Nebenbestimmung stünde der Genehmigung der Anlage das artenschutzrechtliche Tötungsverbot nach dem Bundesnaturschutzgesetz entgegen, weil sich das Tötungsrisiko für den Kranich durch die Windenergieanlage in signifikanter Weise erhöhe. Die Klägerin legte Berufung ein.

OVG hebt Auflage auf

Das Oberverwaltungsgericht hat nun der Klägerin Recht gegeben und die angefochtene Nebenbestimmung aufgehoben. Die Voraussetzungen für den Erlass der Kranichabschaltauflage seien nicht gegeben. Die Windenergieanlage erfülle auch ohne die Auflage die Genehmigungsvoraussetzungen, insbesondere stehe sie auch ohne diese im Einklang mit dem artenschutzrechtlichen Tötungsverbot nach dem Bundesnaturschutzgesetz. Danach sei es verboten, wildlebende Tiere besonders geschützter Arten – zu denen auch der Kranich gehöre – zu töten. Der Tatbestand dieses artenschutzrechtlichen Tötungsverbotes sei mit Blick auf die bei einem Bauvorhaben nie völlig auszuschließende Gefahr von Kollisionen geschützter Tiere erst dann erfüllt, wenn das Vorhaben dieses Risiko in einer für die betroffene Tierart signifikanten Weise erhöhe. Dies sei hier nicht der Fall.

Kollisionsrisiko für ziehende Kraniche nicht signifikant erhöht

Die Windenergieanlage der Klägerin erhöhe das Kollisionsrisiko für ziehende Kraniche nicht in signifikanter Weise, entschied das OVG. Nach derzeitigem Stand der Wissenschaft unterlägen ziehende Kraniche schon bei einer Gesamtbetrachtung aller Windenergieanlagen im Zugkorridor nur einer sehr geringen Gefahr der Kollision und damit der Tötung an Windenergieanlagen. Trotz einer hohen Zahl regelmäßig ziehender Kraniche und mehreren tausend Windenergieanlagen ohne Kranichabschaltauflagen im Zugkorridor sei die Zahl dokumentierter Schlagopfer sehr gering. Hinzu komme im vorliegenden Fall, dass hier in der Nähe der streitigen Windenergieanlage seit Jahren zahlreiche Windenergieanlagen ohne Kranichabschaltauflagen betrieben würden, an denen kein einziges Schlagopfer bekannt geworden sei.

Auflagenlose Genehmigung anderer Anlagen bedingt Gleichheitsverstoß

Diese praktischen Erfahrungen schlössen in einer Zusammenschau mit dem obigen Befund eines schon allgemein sehr geringen Schlagrisikos für einzelne ziehende Kraniche an Windenergieanlagen die Annahme einer signifikanten Gefahrerhöhung durch die hier streitige Windenergieanlage aus. Jedenfalls aber verletze die Kranichabschaltauflage die Klägerin in ihrem grundrechtlichen Anspruch auf Gleichbehandlung. Der Beklagte habe in unmittelbarer Nachbarschaft zu der Windenergieanlage bis in jüngere Vergangenheit zahlreiche weitere Windenergieanlagen ohne Kranichabschaltauflagen genehmigt, ohne dass für diese Ungleichbehandlung ein sachlicher Grund bestehe.

Aus der Datenbank beck-online

Steiff, Vogelzugkorridor als einer Windenergieanlage entgegenstehender öffentlicher Belang, NZBau 2006, 366

Windkraftanlage: Nebenbestimmung zum Schutz des Kranichzugs rechtmäßig, IBRNews 25548

OVG Koblenz, Schutz eines bedeutenden Vogelzugkorridors vor dem Bau einer Windkraftanlage, BeckRS 2010, 45803

Aus dem Nachrichtenarchiv

VG Oldenburg: Schutz der brütenden «Wiesenweihe» rechtfertigt zeitweise Betriebseinschränkung einer Windkraftanlage, Meldung der beck-aktuell-Redaktion vom 15.06.2011, becklink 1014064

VG Koblenz: Schutz des Rotmilans geht Windenergie vor, Meldung der beck-aktuell-Redaktion vom 08.08.2008, becklink 264696

Redaktion beck-aktuell, Verlag C.H.BECK, 3. Dezember 2019 .

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