Hierzu müssten allerdings viel mehr Urteile veröffentlicht werden, die dann von einer KI ausgewertet werden müssten, sagte Müller der Deutschen Presse-Agentur. Auf diese Weise sei es außerdem möglich, per KI-Auswertung die Wahrscheinlichkeit für den Ausgang bestimmter Fälle vorherzusagen. "Man könnte also per KI fragen, in wie vielen Fällen von Schimmelschäden am Ende der Mieter wegen mangelhafter Lüftung haften musste oder wie hoch die Freispruch-Quote in Norddeutschland im Vergleich zu Süddeutschland ausfällt", so Müller. Eine quantitative Auswertung aller veröffentlichten Urteile könne Hinweise liefern, "wo tendenziell eher harte und wo eher milde Strafen verhängt werden." Dies könne zu einer Diskussion in der Justiz und letztlich zu einer Angleichung führen.
Eine solche Datenbasis könne auch genutzt werden, um generative KI nachzutrainieren, "damit juristische Fragen mit höherer Wahrscheinlichkeit richtig beantwortet werden könnten", sagte Müller weiter.
Risiko: Diskriminierung durch die KI
Experten warnen allerdings auch davor, dass KI diskriminierende Tendenzen in den Trainingsdaten verstärken könnte. "Dieses Risiko besteht", sagte Müller. Aus den USA etwa sei ein Fall bekannt, in dem KI bei Bewerbungen die vorhandene rassistische Diskriminierung verstärkt habe. "Aber umgekehrt könnten wir auch unsere eigene, menschliche Urteilspraxis darauf prüfen, ob und welche Diskriminierung darin enthalten ist und dagegen steuern. Diese Chance sollten wir nutzen."
Schätzungen zufolge werden nur etwa 1 bis 3% aller in Deutschland gesprochenen Gerichtsurteile der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Kampagne "OffeneUrteile" will das ändern und eine Million Gerichtsurteile öffentlich machen.


