Karriere mit Handbremse: International Bar Association befragt Frauen in der Rechtsbranche
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Rund 5.000 Juristinnen hat die International Bar Association weltweit zu Karriere, Arbeitsbedingungen, Belastungen und Unterstützungsangeboten in der Rechtsbranche befragt. Flexibel arbeiten viele – aber nicht unter gleichen Bedingungen. Wo hakt es, und was wünschen sich Frauen wirklich?

Im März hat die International Bar Association (IBA) die zweite Phase ihres Projekts "Raising the Bar: Women in Law" veröffentlicht. Der Fokus der Studie liegt auf den subjektiven Erfahrungen von Frauen in allen Sektoren der Rechtsbranche. Die Befragung lief von März bis Juni 2025, war in vier Sprachen verfügbar und richtete sich an praktizierende Juristinnen sowie an Frauen, die die Branche in den letzten fünf Jahren verlassen haben. Insgesamt gingen 4.933 Antworten ein.

Nach IBA-Angaben kamen die meisten Antworten aus Nord-, Süd- und Mittelamerika, gefolgt von Europa. Asien-Pazifik, Afrika, Ozeanien und Nahost machten zusammen knapp ein Viertel aus. In der Stichprobe arbeiteten 55% der Befragten in Kanzleien, 11% im öffentlichen Sektor, 10% als Inhouse‑Juristinnen und 10% als Anwältinnen. 8% waren an Gerichten tätig. 63% gaben mehr als zehn Jahre Berufserfahrung an.

Rund 64% der Befragten kamen neben ihrer Erwerbsarbeit auch Care‑Aufgaben nach. 52% gaben an, minderjährige Kinder zu haben – darunter sahen sich 48% als primäre und 45% als gleichrangige Betreuungspersonen. Zudem berichteten 38% von weiteren Pflegeverpflichtungen, etwa gegenüber Eltern.

Unterstützungsangebote: Flexible Arbeit, Coaching, Führungstraining

Nahezu 60% der Befragten berichteten, dass sie die Möglichkeit haben, flexibel zu arbeiten. 40% haben Zugang zu Coaching- oder Mentoring-Angeboten und 20% zu Führungstrainings für Frauen. Dagegen gaben lediglich 7% an, formell bei der Pflege von Angehörigen unterstützt zu werden. Zwei Drittel nutzten wenigstens eines dieser Angebote. In Kanzleien berichteten 90% der Frauen von Unterstützung, während 20% der außerhalb von Kanzleien als Barrister oder Advocate tätigen Juristinnen überhaupt keine Angebote zur Verfügung stand – doppelt so häufig wie in anderen Sektoren.

Als wirkungsstärkstes Unterstützungsangebot bewerteten die Teilnehmerinnen die flexible Arbeit (33%) sowie Coaching/Mentoring (20%). 14% sahen in den Angeboten keinen positiven Effekt. Als Gründe nannten sie Stigma bei der Inanspruchnahme, Unklarheit über den Zugang und mangelnde Angebote für Senior‑Positionen. In den offenen Antworten wünschten sich Frauen weitere Unterstützung. Namentlich in den verschiedenen Lebensphasen (Menstruation, Fertilität, Menopause), bei der Pflege von Angehörigen sowie im Bereich der psychischen Gesundheit. 

69% der Juristinnen zufrieden mit ihrer Arbeit

Die Mehrheit der Teilnehmerinnen bewertete Inhalt und Sinn der Arbeit positiv. 69% waren mit ihrer Arbeit insgesamt zufrieden oder sehr zufrieden. Gleichzeitig lag die Zufriedenheit mit Aufstiegschancen (45%) und Work‑Life‑Balance (41%) jeweils deutlich niedriger. Knapp die Hälfte war mit den geleisteten Arbeitsstunden unzufrieden oder sehr unzufrieden. 38% waren (sehr) unzufrieden mit dem Zugang zu Mentoring‑Angeboten. 41% gaben das auch bezüglich der Netzwerkmöglichkeiten an.

Für die nächsten zwei Jahre planten 62% keinen Wechsel ihres Arbeitsgebers. 25% erwogen einen Wechsel innerhalb der Rechtsbranche und 19% einen Rollenwechsel. Zu den häufigsten Motiven gehörten: bessere Vergütung (39%), bessere Unterstützung der psychischen/physischen Gesundheit (32%) und bessere Vereinbarkeit (31%). Im Freitext wurden in Kanzleien insbesondere die Zielvorgaben zu abrechenbaren Stunden als Wechselgrund benannt.

Branchenwechsel: Arbeitskultur und psychische Belastung

An der Umfrage nahmen 308 Personen teil, die die Branche in den letzten fünf Jahren verlassen hatten. Neben dem Eintritt in den Ruhestand (32%) nannten 50% die Unzufriedenheit mit der Arbeitsplatzkultur als Grund. 49% wollten bei ihrer psychischen und physischen Gesundheit besser unterstützt werden, 24% nannten Diskriminierungserfahrungen und 24% mangelnde Vereinbarkeit. Zu den weiteren Faktoren gehörten: bessere Care‑Unterstützung (21%), Karrierechancen andernorts (17%), fehlende Aufstiegsmöglichkeiten (15%), Rollen‑/Fachwechsel (15%), Auszeit (14%) und mehr Flexibilität anderswo (14%).

Darüber hinaus thematisierten viele Freitextantworten Faktoren wie Geschlechterdiskriminierung, Mobbing und sexuelle Belästigung. Daneben berichteten Teilnehmerinnen über Altersdiskriminierung, Vergütungsunterschiede zu männlichen Kollegen, Unterrepräsentanz in Führung sowie Burnout.

Trotz bestehender Bedenken äußern viele Befragte Stolz und Zufriedenheit mit ihrer Arbeit und beschreiben den Beruf als intellektuell anregend, erfüllend und als Möglichkeit, eine positive Wirkung zu entfalten. Einige berichten, dass sich ihre Erfahrungen im Laufe der Zeit oder in bestimmten Rollen verbessert haben.

Bemerkenswert: 38% der Aussteigerinnen erwogen eine Rückkehr, 28% hielten dies für möglich – teils binnen zwölf Monaten (36%). Als Zielumfelder wurden häufig der öffentliche Dienst, Inhouse‑Rollen und NGOs genannt.

Sechs Thesen für mehr Support für Juristinnen

Aus den Umfrageergebnissen leitet die IBA sechs zentrale Themenfelder mit konkreten Handlungsempfehlungen ab und fordert eine regelmäßige Evaluation dieser Maßnahmen. Im Mittelpunkt steht der Aufbau sichtbarer, zugänglicher und kulturell verankerter Unterstützungsstrukturen. Der Bericht empfiehlt dazu, Arbeitsplatzinitiativen klar zu kommunizieren und transparent zu organisieren. Außerdem sollen flexible Arbeitsmodelle dauerhaft und gleichberechtigt verankert werden.

Zudem empfiehlt die Studie den Aufbau nachhaltiger Karrierewege, insbesondere durch Mentoring‑ und Sponsoringprogramme, transparente Beförderungswege und gezielte Frauenförderung. Dazu gehören beispielsweise auch Rückkehrprogramme nach Auszeiten und die Berücksichtigung von Engagement in der Nachwuchsförderung bei der Leistungsbewertung und der Vergütung.

Arbeitgeber sollen zudem umfassende Angebote wie vertrauliche Beratung, Mental‑Health‑Ansprechpersonen und Führungsfortbildungen zu Stress anbieten. Darüber hinaus sollen Lebensphasen und Care‑Verantwortung systematisch anerkannt werden. Dazu empfiehlt die Studie unter anderem die Normalisierung von Elternzeit für alle Eltern.

Als Letztes empfiehlt die Studie, speziell Einzelanwältinnen und kleine Kanzleien zu unterstützen, indem Berufsverbände Toolkits entwickeln, kostengünstige Weiterbildungen anbieten und Mentoring‑Partnerschaften zwischen kleineren und größeren Organisationen schaffen.

Redaktion beck-aktuell, Dr. Jannina Schäffer, 20. März 2026.

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