Kirk McDaniel und Amanda Pampuro vom US-Rechtsmagazin Courthouse News widmeten Anfang Februar der Fachdisziplin Law and Literature eine eigene Folge in ihrem Podcast Sidebar. In dieser sprechen sie mit den Juraprofessorinnen und -professoren Leonora Ledwon, Stacey Lantagne und Fabrice Defferrard sowie der Anwältin und Autorin Kiersten Marcil über fiktionale Welten und deren rechtliche Strukturen: Wie prägen Literatur und Film das juristische Denken? Welches Bild erhalten Laien beim Blick in die Popkultur von unserem Rechtswesen? Und macht uns die Beschäftigung mit Recht und Literatur vielleicht sogar zu besseren Juristinnen und Juristen?
"Sogar Drogendealer brauchen Anwälte"
Ledwon, Professorin an der St.-Thomas-Universität in Miami, beschreibt, wie bereits Kinderbücher rechtliche Normen vermitteln. Die Geschichte "The Pokey Little Puppy", die von einem Rudel frecher Welpen handelt, zeige ihren Studierenden etwa, "dass man sich nicht unter dem Zaun durchgraben soll" – und was mit denjenigen passiert, die es trotzdem tun. Die Darstellung von Regelverstößen und Sanktionen sei ein wichtiger Bestandteil rechtlicher Sozialisation. Dem würden die deutschen Juristinnen Elisa Hoven und Juli Zeh wohl zustimmen. Diese veröffentlichten mit "Der war’s" 2023 ein Kinderbuch, in dem es um den Diebstahl eines Pausenbrotes und die Vorverurteilung bei der Suche nach dem Übeltäter geht.
Als Beispiel für Serien mit rechtlichem Gehalt nennt Ledwon die Netflix-Serie "How to Get Away with Murder", deren Hauptfigur, eine Juraprofessorin, sich an der Grenze zur Legalität bewegt. Sie zeige, wie wichtig ethische Standards in der Juristenausbildung seien. Auch "Breaking Bad", in der ein High-School-Chemielehrer zum Drogendealer wird, und der Serienableger "Better Call Saul" rund um den ruchlosen Anwalt Saul Goodman, werden zur Analyse herangezogen. Eine zentrale Erkenntnis: "Sogar Drogendealer brauchen Anwälte. Ganz besonders Drogendealer", so Ledwon.
"Die Zaubererwelt verfügt nicht über ausreichenden Rechtsschutz"
Wie wichtig die Rolle von Strafverteidigerinnen und -verteidigern im Rechtsstaat ist, zeigt nach Ansicht Ledwons die Harry-Potter-Buchreihe, in der dunkle Magier mehr und mehr die Macht in der Welt der Zauberei ergreifen und sich dabei letztlich auch den Staatsapparat untertan machen. Die Geschichte sei ein Beispiel dafür, was passiere, wenn sich Bürgerinnen und Bürger der Macht des Staates ungeschützt ausgeliefert sähen. So muss sich der Hauptcharakter schon als Minderjähriger allein einer Strafverhandlung stellen, weil er in den Ferien verbotenerweise gezaubert hat. "Harry hätte wirklich in Schwierigkeiten geraten können, wenn Dumbledore nicht in letzter Sekunde aufgetaucht wäre und sich für ihn eingesetzt hätte. Aber in der Welt von Harry Potter gibt es keine Anwälte, und das scheint mir ein Problem zu sein. Ich denke, wir brauchen Anwälte. Wir sind Problemlöser."
Auch Lantagne, Juraprofessorin an der Suffolk-Universität in Boston, sieht das Rechtswesen im Harry-Potter-Universum kritisch. Ihrer Ansicht nach ist die fehlende Gewaltenteilung ("checks and balances") in der Zaubererwelt ein strukturelles Problem. Das sei nach dem Sturz des mächtigen dunklen Magiers Lord Voldemort, der eine Generation zuvor als Alleinherrscher die Zaubererwelt unterdrückt hatte, nicht gelöst worden sei. "Sie sagen, 'Oh, das Problem war die ganze Zeit nur Voldemort. Wenn er also weg ist, ist alles wie durch Zauberhand gelöst'." Stattdessen ergreift Lord Voldemort gegen Ende der Buchreihe zum zweiten Mal die Macht im Zaubereiministerium und damit über die gesamte magische Welt.
Fehlende Gewaltenteilung und mangelnder Grundrechtsschutz in der Harry-Potter-Welt spielen auch im Podcast der deutschen Studentin Letje Malle eine Rolle. In vier Folgen setzt sie sich kritisch mit der vierten Gewalt und der Pressefreiheit in der Zauberwelt auseinander.
Was Fanfiction und Gesetzesauslegung gemeinsam haben
Lantagne outet sich im Podcast außerdem als Verfasserin von Fanfiction, also von Fans verfasster Geschichten, die auf bestehenden fiktionalen Werken aufbauen. Lantagne findet dabei überraschende Ähnlichkeiten zwischen Fanfiction und der Auslegung von (historischen) Gesetzestexten. Im Hinblick auf die historische Auslegung von Gesetzen wirft sie die Frage auf: "Wie zum Teufel können sie [Juristen] glauben, dass sie wissen, was die Menschen im 18. Jahrhundert gedacht haben?"
Eine der größten Gefahren bei der Interpretation, denen sich die Verfasserinnen und Verfasser von Fanfiction nur zu gut bewusst seien: "Zu denken, dass man der Einzige ist, der Bescheid weiß." Und die Moral von der Geschichte? Juristen wie Fanfiction-Schreiberinnen müssten sich vergegenwärtigen, dass sie aktiv interpretierten und diese Interpretation nicht der unverfälschten Wahrheit entspreche. Im US-amerikanischen Recht, das mitunter stark von einer historischen Auslegung (sog. "Originalism") dominiert wird, dürfte das eine besonders wichtige Erkenntnis sein.
"Wer ist Data? Ist Data eine Person?"
Als sie prägende Serienepisode nennt die Juristin und Autorin Marcil die 2001 erschienene Folge "Die Veröffentlichung" ("Author, Author") aus "Star Trek: Voyager", die lange vor ChatGPT Fragen zu künstlicher Intelligenz und Urheberrecht aufwarf. Das Hologramm "Der Doktor" verfasst darin einen Holoroman, der sich auf der Erde großer Beliebtheit erfreut. Da die Crew der Voyager im Roman jedoch schlecht wegkommt, muss vor Gericht geklärt werden, wem die Rechte an dem Holoroman zustehen, und wer entscheiden darf, ob dieser veröffentlicht wird. Marcil: "Ist es die KI? […] Ist es die Sternenflotte, die das Urheberrecht an diesem Programm besitzt? […] Wer entscheidet darüber?"
Professor Defferrard von der Universität Reims und Autor des Buches "Le Droit Selon Star Trek" ("Das Recht nach Star Trek") analysiert Star Trek unterdessen als rechtsphilosophisches Modell. Er sieht darin ein System, das auf Respekt und Recht aufbaut und erklärt: "Star Trek ist ein gutes Material für rechtliche Reflexion." Im Mittelpunkt steht die Episode "Wem gehört Data" ("The Measure of a Man") von 1989, die die Frage verhandelt, ob der Android Data als Person oder Sache gilt. Defferrard betont die juristische Logik der Entscheidung: Die Richterin entscheide nicht, ob Data eine Person sei, sondern berufe sich auf den Zweifelssatz. "Sie entschied sich dafür, das Leben gegenüber dem Tod zu bevorzugen. Sie entschied, dass Data es verdient, als Person betrachtet zu werden, da dies der beste Status für ihn ist."
Die Podcastfolge von Courthouse News bietet einen kurzweiligen Einblick in die Gedankenwelt hinter der Schnittstellendisziplin Law and Literature. Am Ende fragen sich die Hosts, welche fiktive Welt sie aus juristischer Perspektive wohl am liebsten besuchen würden. Ihre Antwort wird Fans von Doctor Who gefallen: "Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich wahrscheinlich direkt in die Tardis springen", sagt Pampuro. Eine kluge Antwort – schließlich kann man mit der Tardis, einer Kombination aus Zeitmaschine und Raumschiff in der Optik einer Telefonzelle, durch Raum und Zeit fliegen und so jeden Tag eine andere Rechtsordnung erleben.


