Tipps vom 18-Punkte-Kandidaten: So klappt die "richtige" Examensvorbereitung
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Ron Straßburg ging in den Medien viral, weil er im Staatsexamen in einer Zivilrechtsklausur das geschafft hat, was eigentlich nur Gott oder Chuck Norris hinbekommen können: Der Erstkorrektor verlieh 18 Punkte. Jetzt teilt der Ausnahmejurist seine Tipps für die Examensvorbereitung.

Das erste Staatsexamen soll den krönenden Abschluss des Jurastudiums bilden und ist gleichzeitig die größte Herausforderung – begleitet von zahlreichen Ängsten und Selbstzweifeln. Jurastudierende hören im gesamten Studium Horrorgeschichten über unberechenbare Korrektorinnen und Korrektoren, die hohe Durchfallquote und den tiefen Fall, der droht, wenn man das Examen nicht besteht. Der Druck ist enorm und entsprechend viel Wert legen angehende Juristinnen und Juristen auf die "richtige" Vorbereitung. Doch was heißt eigentlich, sich "richtig" vorzubereiten?

Gleich vorweg: Es gibt nicht den einen richtigen Weg, sich auf das Examen vorzubereiten. Das ist ein Irrglaube. Der Verfasser will auch nicht von sich behaupten, den perfekten Weg gefunden zu haben. Es geht viel mehr darum, Erfahrungen zu teilen, die in diesem Fall am Ende zu einem "sehr gut" in der staatlichen Pflichtfachprüfung geführt haben.

Die in den Medien herausgehobenen 18-Punkte erhielt der Verfasser hingegen "nur" vom Erstkorrektor einer Zivilrechtsklausur. Der Zweitkorrektor war weniger großzügig, sodass die Klausur am Ende mit 17 Punkten bewertet wurde. Entsprechend sollen die nachfolgenden Gedanken als bloße Inspiration dienen.

Mit Plan durch die Vorbereitungszeit

Der Weg bis zum Examen ist nicht so stringent vorgezeichnet, wie man meinen könnte. Das beginnt bei der Dauer der Vorbereitung und setzt sich bis in die konkrete Ausgestaltung fort. Deshalb ist es ratsam, bereits zum Beginn die Examensvorbereitung grob zu planen. Dafür kann man etwa anhand der einschlägigen Juristenausbildungsgesetze den Stoff sichten und auf die zur Verfügung stehende Zeit verteilen.

Ebenso kann man Wochen oder Tage vorplanen. Wichtig ist dabei, ausreichend Raum zu lassen, um später noch mit anderen Lernmethoden experimentieren zu können und zeitliche Puffer zu haben. Während der gesamten Zeit gilt es, eine Balance zwischen der Erarbeitung des materiellen Wissens und der Einübung am Fall zu finden. So bietet es sich an, das erste Drittel der Examensvorbereitung vorrangig der Wissensaneignung zu widmen und mit der Zeit immer stärker den Bezug zum Fall herzustellen, bis im letzten Drittel ausschließlich mit Fällen geübt wird.

Dabei stellt sich auch diese Folgefrage: Will ich ein Thema erschöpfend abarbeiten oder wechsle ich tage- oder halbtageweise zwischen verschiedenen Themenblöcken? Letzteres dürfte die Examensrealität und die Notwendigkeit, schnell zwischen Themen zu springen, besser abbilden. Daneben ist es ratsam, feste Wiederholungszeiten einzuplanen. Examenskandidatinnen und -kandidaten könnten beispielsweise den gesamten examensrelevanten Stoff blockweise aufteilen und jeden Morgen einer dieser Blöcke wiederholen.

Den eigenen Weg finden

Gemeinhin wird angenommen, es führt kein Weg am kommerziellen Repetitorium vorbei. Ein Blick auf die Realität zeigt jedoch, dass es mittlerweile viele Optionen gibt, sich auf das Examen vorzubereiten. Neben kommerziellen Repetitorien haben viele Universitäten ihre eigenen Repetitionsangebote aufgebaut, die Jurastudierende kostenfrei wahrnehmen können. Ob man tatsächlich ins kommerzielle Repetitorium geht, ist eine individuelle Frage, die alle Studierenden für sich selbst beantworten müssen. Man sollte sich fragen, ob man aus Lehrveranstaltungen aktiv Wissen mitnimmt und ob man es schafft, sich selbst zu organisieren und am Ball zu bleiben. Es ist ebenso möglich, den Stoff mit Lehrbüchern aufzubereiten und die Uni-Angebote zu nutzen. Wer hingegen eine engmaschige Struktur braucht, und deswegen die Verantwortung für die eigene Vorbereitung zum Teil delegieren möchte, wird auch weiterhin seinen Weg zur Repetitorin oder zum Repetitor finden.

Wichtig ist es, sich zu trauen, eigene Wege zu gehen. Wer merkt, dass das kommerzielle Repetitorium nicht hilfreich ist, sollte sich nicht dazu quälen, weiterzumachen. Dann wird es wohl produktiver sein, im Selbststudium am Stoff zu arbeiten. Die erhoffte Struktur kann man dort etwa anhand von Lehrbüchern ebenfalls bekommen.

Durch verschiedene Erkenntnisquellen zum eigenen Material

Bei der Materialauswahl sollten Jurastudierende auf verschiedene Quellen setzen. Ob man Skripte oder Lehrbücher verwendet, ist eine individuelle Entscheidung. Es hat sich jedoch bewährt, in den Kerngebieten vertieftes Wissen aufzubauen, wofür Lehrbücher förderlicher sind. In Randgebieten kann hingegen die Lektüre eines Skripts genügen. Daneben sollte man aber auch andere Materialien wie etwa "Jurafuchs" sowie Mitschriften aus besuchten Lehrveranstaltungen nutzten. Tendenziell erhält man so einen besseren Überblick über die Themen: Wenn man sich mit den verschiedenen Ressourcen befasst, führt das bereits zu einem Wiederholungseffekt. Außerdem kann man so leichter einordnen, welche Probleme tatsächlich besonders relevant sind und welche Lösungen wohl den präferierten Weg bilden.

Ziel dieses Erarbeitungsprozesses sollte immer sein, eigene Materialien zu erhalten. Dabei ist nebensächlich, welche Form man wählt, da das eine Frage des individuellen Lerntypus ist. Wer gut mit Karteikarten arbeiten kann, sollte sich eigene Karteikarten aus den genutzten Quellen erstellen. Wer mit Übersichten gut arbeitet, sollte diese heranziehen. Ebenso ist es denkbar, eigene Skripte zu erstellen, die wesentliche Probleme, Definitionen und sonstige relevante Informationen geordnet enthalten. Allein der Umstand, eigene Materialien zu erstellen, ist ein Lernprozess: Dadurch setzt man sich mit dem Stoff auseinander, man differenziert nach Bedeutung, sortiert und verknüpft Gedanken verschiedener Quellen. Noch wichtiger aber: Man muss selbst formulieren, was eine gute Vorbereitung auf die Falllösung ist. Und noch dazu zeigt die Erfahrung, dass man Selbstgeschriebenes besser verinnerlichen kann.

Bei der Gestaltung ist es ratsam, sich bereits im Aufbau am Prüfungsschema des Gutachtens zu orientieren und so die Probleme unter entsprechende Überschriften zu verorten. Ein Beispiel: Für Aufzeichnungen zu § 263 StGB könnte sich die grobe Gliederung am Prüfungsaufbau – Täuschung über Tatsachen, Irrtum, Vermögensverfügung, Vermögensschaden – orientieren. Entsprechend verortet man den Problemkreis um die Abgrenzung zum Trickdiebstahl im Rahmen der Vermögensverfügung.

Zusammen ist man stärker

Zwar wird man die Examensklausur letztlich allein bestreiten müssen, das gilt jedoch nicht für den Weg dahin. Tatsächlich sind Lerngruppen wohl das beste Format, um gut durch die Examensvorbereitung zu kommen. Für die Ausgestaltung der Lerngruppe gibt es verschiedene Konzepte. Wichtig ist, dass man möglichst konstante Termine vereinbart und diese auch aktiv wahrnimmt. Die besten Ergebnisse erzielen sich wohl in Kleingruppen von drei bis fünf Personen, da man hier gezwungen ist, aktiv miteinander zu arbeiten. Ob in der Gruppe dann abstrakt Probleme besprochen, ausschließlich Fälle gelöst werden oder aber eine Mischung aus beidem erfolgt, hängt von der Gruppendynamik ab. Allein der regelmäßige Austausch und die Diskussion über juristische Themen hilft dabei, Gedanken zu bilden und zu formulieren – eine Fertigkeit, die gerade mit Blick auf die mündliche Prüfung sehr wichtig ist.

Häufig werden Lerngruppen so organisiert, dass man einen Fall bespricht, den man vorab mit einer Skizze aufbereitet. Eine Person übernimmt die Leitung und führt durch diesen Fall. Womöglich ist der Effekt jedoch noch größer, wenn man auf die Anleitung einer Person verzichtet und eine "offene Debatte" führt, in der allenfalls bei größeren Schwierigkeiten ein Blick auf die Lösung geworfen wird. Jedenfalls sollte man die Besprechung nur mit einer Skizze – nicht aber mit einem ausformulierten Gutachten – vorbereiten, um so die Dynamik des Gesprächs zu fördern. Natürlich kann die Lerngruppe aber auch genutzt werden, um ausformulierte Gutachten gegenseitig zu korrigieren und insbesondere zum Stil ein detaillierteres Feedback einzuholen, als man es üblicherweise in Klausuren bekommt.

Neben diesem fachlichen Aspekt bietet die Lerngruppe aber noch weit mehr: Alle Mitglieder sind in der gleichen Situation und können deshalb die Sorgen und Zweifel, die sich womöglich während der Vorbereitung ansammeln, nachvollziehen. Die Lerngruppe bildet so einen Ort, in dem man sich gegenseitig Rückhalt gibt und einander aufbaut, wenn die Zweifel überwiegen. Die Examensvorbereitung kann psychisch belastend sein, deshalb ist es umso wichtiger, sich mit anderen Menschen zu umgeben, die die Situation nachvollziehen können.

Das Examen ist ein Marathon

Die eben geschilderte Belastung ergibt sich wohl auch aus der Dauer der Examensvorbereitung. Meist dauert sie länger als ein Jahr, man schreibt regelmäßig Probeklausuren, lernt und erlebt Phasen des Zweifels, ob man das Examen schafft. Man läuft einen Marathon und sprintet nicht.

Deswegen ist während dieser gesamten Zeit die Bedeutung von Pausen nicht zu unterschätzen. Am Ende des Tages zählt nicht, wie viele Stunden die Examenskandidatinnen und -kandidaten in der Bibliothek verbracht haben, sondern wie gut sie Methodik und Wissen verinnerlicht haben. Ein effektives Lernen erfordert aber auch immer wieder Pausen. Das bezieht sich sowohl auf Pausen während des Lerntages als auch auf längere Auszeiten im Rahmen der Vorbereitung. Pausen dienen der Regeneration und tragen so ebenfalls zum Lernerfolg bei. Sie sind demnach ein ebenso unverzichtbarer Bestandteil der Vorbereitung.

Für ein gutes Miteinander

Juristinnen und Juristen stehen im Ruf, einander nichts zu gönnen und einen ewigen Konkurrenzkampf zu führen. Doch warum ist das so? Ein funktionsfähiger Rechtsstaat braucht eine funktionsfähige Juristenausbildung. Es ist an uns allen, einen Beitrag dazu zu leisten. Dazu gehört es, einander auf dem ohnehin schon steinigen Weg zum Examen zu unterstützen, statt auf Egoismus zu setzen. Vielleicht leistet dieser Text mit persönlichen Erfahrungen einen Beitrag dazu, kommenden Examenskandidatinnen und -kandidaten dabei zu helfen, ihren eigenen Weg bis zum Examen zu finden. In diesem Sinne: Allen Kandidatinnen und Kandidaten viel Erfolg bei der Vorbereitung!

 

Ron Straßburg hat im März die staatliche Pflichtfachprüfung vor dem GJPA Berlin Brandenburg mit 14,45 Punkten (sehr gut) abgeschlossen. Heute gibt er auf seinem Instagram-Account Tipps zur Examensvorbereitung und berichtet über seine Erfahrungen.

Redaktion beck-aktuell, Gastbeitrag von Ron Straßburg, 10. April 2026.

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