Péter Magyar: Rettet ein Jurist die ungarische Demokratie?
© ZUMAPRESS.com | Attila Husejnow

Der Sieger der ungarischen Parlamentswahl ist ein Spross einer einflussreichen Juristenfamilie und Ex-Mann der früheren Justizministerin. Nun schickt er sich an, neuer Ministerpräsident zu werden. Wer ist der politische Senkrechtstarter?

Die Nachricht vom Wahlsieg der Partei Tisztelet és Szabadság Párt (TISZA, zu Deutsch: Respekt- und Freiheitspartei) verbreitete sich am Sonntagabend wie selten zuvor ein Ergebnis einer ungarischen Parlamentswahl in ganz Europa. In Zeiten, in denen die Europäische Union zwischen immer aggressiver agierenden Supermächten zerrieben wird, ist die Sehnsucht nach innerer Einheit groß. Da konnte man – angesichts der schlechten Nachrichten der letzten Zeit – vielerorts sein Glück kaum fassen, als sich abzeichnete, was Umfragen zuvor prognostiziert hatten: Péter Magyar feierte mit der TISZA einen erdrutschartigen Sieg und schickte den bisherigen Amtsinhaber Viktor Orbán nach 16 Jahren an der Macht in die Opposition.

Die Freude unter europäischen Politikerinnen und Politikern wie Ursula von der Leyen, Emmanuel Macron und auch Friedrich Merz war deshalb so groß, weil Magyar – ganz anders als Orbán, als pro-europäisch gilt und ein deutlich distanzierteres Verhältnis zu Russland zu haben scheint. Endlich wieder jemand mehr auf der richtigen Seite der Geschichte, hofft man.

Spross einer konservativen Juristenfamilie

Doch wer ist eigentlich dieser Péter Magyar? Noch vor zwei Jahren kannte ihn praktisch niemand, eher er Anfang 2024 öffentlichkeitswirksam in einem Interview auf der Onlineplattform Partizan seinen Bruch mit der Regierungspartei Fidesz, der er zuvor ebenfalls angehört hatte, verkündete und das System Viktor Orbán als korrupt und undemokratisch brandmarkte. Seine Geschichte seither ist die eines fast beispiellosen politischen Aufstiegs.

Magyar entstammt einer konservativen ungarischen Juristen-Familie. Seine Mutter, Mónika Erőss, war Generalsekretärin des Obersten Gerichtshofs und ab 2020 Vizepräsidentin des Nationalen Justizamtes. Seine Großmutter, Teréz Mádl, ist die Schwester des ehemaligen ungarischen Präsidenten und Jura-Professors Ferenc Mádl. Sein Vater, István Magyar, ist Rechtsanwalt. Der 1981 geborene Péter studierte selbst ebenfalls Rechtswissenschaften an der Katholischen Péter-Pázmány-Universität und im Rahmen des Erasmus-Programms auch für ein Semester an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ab 2003 arbeitete er als Jurist, unter anderem als Rechtsanwalt, und ab 2010 im ungarischen Ministerium für auswärtige Angelegenheiten und Handel. Zudem war er als Diplomat im Büro des Ministerpräsidenten tätig. Über Verbindungen in die Regierung Orbán gelangte er 2018 in die Position des Leiters der Direktion für EU-Recht bei der Ungarischen Entwicklungsbank. 2006 heiratete er die Fidesz-Politikerin Judit Varga, die drei Jahre später in Orbáns Kabinett Justizministerin wurde. 

2024: Bruch mit Frau und Partei

Als Varga dann über einen Skandal im Zusammenhang mit der Begnadigung eines verurteilten Sexualstraftäters stolperte, brach er nicht nur mit dem Fidesz, sondern auch mit seiner Frau. Er veröffentlichte eine wohl heimlich erstellte Tonaufnahme eines privaten Gesprächs mit Varga, als diese noch Justizministerin in der Regierung Orbán war. Darauf war zu hören, wie Varga über die Einmischung der Regierung in ein Gerichtsverfahren sprach und darüber, wie Minister Druck auf die Staatsanwaltschaft ausüben wollten, um kompromittierende Passagen aus einem Dokument streichen zu lassen. Varga warf Magyar, mit dem sie drei Kinder hat, deshalb später öffentlich Verrat vor, die Ehe ist inzwischen geschieden.

Seit seinem Schritt in die politische Arena vor zwei Jahren präsentiert sich Magyar nun als Gegner der Korruption und Vertreter der "kleinen Leute". Er setzt sich für eine bessere Gesundheitsversorgung und eine Sanierung des öffentlichen Nahverkehrs ein. Gleichzeitig ist er kein Linksliberaler im westeuropäischen Sinn, er stammt aus einem konservativen Milieu und gibt sich selbst patriotisch und bisweilen nationalistisch. Gleichzeitig will er gegen die Korruption im eigenen Land kämpfen und Ungarn wieder stärker an die EU binden. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger ging Magyar bereits im Wahlkampf deutlich auf Distanz zum russischen Präsidenten Waldimir Putin.

2024 errang Magyar bei der Europawahl mit seiner TISZA etwa 30% der Wählerstimmen und sieben Sitze im europäischen Parlament, dem er seither selbst angehört. Mit der Zweidrittel-Mehrheit, die er nun bei der Parlamentswahl in Ungarn erhielt, hat er einen gewaltigen Machthebel in der Hand. Gleichzeitig betonen viele Kennerinnen und Kenner des Landes, dass das System Orbán mit der Wahl noch nicht beseitigt sei.

Redaktion beck-aktuell, mam, 13. April 2026.

Mehr zum Thema