Vor zehn Jahren erschien der schon damals ungewöhnliche Karriereratgeber "Briefe an junge Juristen". Nun liegt die aktualisierte Ausgabe vor – herausgegeben von Tobias Gostomzyk, Hildegard Becker-Toussaint und Joachim Jahn, der als Mitglied der Chefredaktion der NJW auch regelmäßig auf beck-aktuell schreibt. Die im Oktober bei C.H. Beck erschienene Fortsetzung "Neue Briefe an junge Juristinnen und Juristen" knüpft an die ursprüngliche Idee an: Prominente Juristinnen und Juristen unterschiedlicher Berufsgruppen schreiben an die nächste Generation – persönlich, ehrlich, manchmal kritisch.
Insgesamt 33 Autorinnen und Autoren sind diesmal vertreten, darunter 17 Frauen. Ein Zuwachs gegenüber der ersten Ausgabe von 2015, die auch noch ohne gegenderten Titel auskam. Positiv fällt sofort die größere Vielfalt ins Auge: Mehr Juristinnen und Juristen mit Migrationshintergrund, ein jüngerer Altersdurchschnitt, neue Berufsfelder. Neu sind aber nicht nur Titel und Autorenschaft, sondern auch der Blick auf juristische Lebenswege und Berufsbilder, die damals noch kaum existierten – etwa Legal Tech oder Künstliche Intelligenz.
"Ich habe einfach studiert, was meine Mutter mir gesagt hatte, und das ging zum Glück gut"
Wie vielfältig die Wege in die Juristerei sein können, zeigt der atypische Karriereratgeber besonders eindrücklich. Felor Badenberg, heute Berliner Senatorin für Justiz und Verbraucherschutz, blickt in ihrem Brief auf eine Entscheidung zurück, die sie gegen den ausdrücklichen Wunsch ihres Vaters traf: "Mein Vater hegte immer den Wunsch, dass ich Medizinerin werde." Doch prägende Erlebnisse mit der politischen Lage im Iran führten sie zur Juristerei – und schließlich an die Spitze der Berliner Justizverwaltung. Ihr Werdegang, von der ersten Abteilungsleiterin für Cyberabwehr beim Bundesverfassungsschutz bis zur Senatorin, steht beispielhaft für eine Generation, die sich aus familiären Erwartungen löst und eigene Ziele setzt.
Eine ähnliche Motivation beschreibt der Trierer Juraprofessor Mohamad El-Ghazi, der mit seiner Familie vor dem libanesischen Bürgerkrieg floh. "Ich fühlte mich ungerecht behandelt, ohne dabei zu wissen, ob ich überhaupt im Recht war. Diesem Zustand der Unwissenheit und Hilflosigkeit wollte ich ein Ende setzen." In seiner Reflexion verbindet sich die persönliche Fluchterfahrung mit einer tiefen Suche nach Gerechtigkeit – ein Leitmotiv, das viele Beiträge des Bandes durchzieht.
"Mir war nicht bewusst, worauf ich mich einlasse"
Nicht immer jedoch ist der Weg in die Juristerei so bewusst gewählt. Juliane Kokott, heute Generalanwältin am EuGH, formuliert es trocken: "Ich habe einfach studiert, was meine Mutter mir gesagt hatte, und das ging zum Glück gut." Was in ihrer lakonischen Art beinahe beiläufig klingt, dürfte der Anfang vieler juristischer Karrieren sein. Ebenso Sätze wie "Ich wusste nicht, was ich studieren sollte, also studierte ich Jura" oder auch "Irgendwas ohne Mathe".
Felix Brych, promovierter Jurist und gleichzeitig meisteingesetzter Schiedsrichter in der Fußball-Bundesliga, zeigt, wie stark Tradition und Selbstbestimmung kollidieren können. "Mein Vater ist Jurist", schreibt er. "Es war klar, dass ich Jura studieren würde. Allerdings war mir nicht bewusst, worauf ich mich einlassen würde." Sein Beitrag verdeutlicht, dass selbst in etablierten Juristenfamilien die Entscheidung für das Recht immer neu getroffen werden sollte.
Die dargestellten biografischen Wendepunkte verleihen dem Buch Tiefe. "Neue Briefe an junge Juristinnen und Juristen" ist weniger Karriereratgeber als Sammlung persönlicher Zeugnisse – über Herkunft, Gerechtigkeit, Zweifel und Mut.
Viele Wege führen nach Rom – und zum persönlichen Karriereglück
"Mit Jura kannst du alles machen" – dieser Satz könnte über dem gesamten Band stehen. Viele Beiträge betonen die Offenheit juristischer Laufbahnen. Brych etwa schreibt: "Das Schöne am Jura-Studium ist, dass es viele Türen und Möglichkeiten für die spätere Berufswahl öffnet." Die Richterin Isabell Götz fasst den Reiz des Berufs pragmatisch zusammen: "Wissen Sie schon, was Sie mit Ihrem Jura-Examen einmal anfangen wollen? Wenn nicht, ist das kein Problem: Ganz viele Berufe stehen Ihnen offen." Die Rechtsanwältin und frühere Bundestagsabgeordnete und Staatsministerin im Auswärtigen Amt Katja Keul ergänzt: "Die Juristerei ist ein durch und durch nützliches Handwerkszeug zur Bearbeitung aller möglichen Herausforderungen."
Trotzdem erzählen die Autorinnen und Autoren auch von Umwegen und Wendungen. So entschied sich beispielsweise die berühmte "Instagram-Richterin" Martina Flade schließlich dazu, doch lieber Anwältin und Unternehmerin zu sein. Der Jurist Jörn Patzak hingegen hatte einen Profivertrag als Basketballer unterschrieben, bevor er sich später doch für eine Laufbahn als Staatsanwalt entschied. Die Rechtsanwältin Ursula Matthiessen-Kreuder, ehemalige Juristin bei der Bundesbahn, formuliert es pragmatisch: "Auch manche Umwege führen auf der Karriereleiter nach oben." Ihr Rat: "Nur Mut: Stellen Sie Ihre Weichen!" Und auch Brych betont: "Am Ende muss nicht immer die große juristische Karriere stehen, es gibt auch andere Sachen, die glücklich machen."
Für die Leserinnen und Leser ist es wohltuend, zu erfahren, dass juristische Karrieren nicht immer geradlinig verlaufen müssen. Viele der Briefe zeigen, dass Umwege, Richtungswechsel oder sogar der Abschied aus dem juristischen Beruf keine Niederlage bedeuten. Im Gegenteil: Sie können Ausdruck von Selbstreflexion und Mut sein. Das nimmt jungen Juristinnen und Juristen den Druck, schon früh alles festlegen zu müssen. Der Ratgeber macht deutlich: Erfolg im juristischen Sinne kann vieles heißen – und manchmal bedeutet er, sich neu zu entscheiden.
Kritik am System – Zweifel an sich selbst
Trotz vieler Erfolgsgeschichten schwingt in fast allen Briefen auch eine Kritik am jetzigen Ausbildungssystem mit – mal sehr direkt, mal durch die Blume. Der Diplom-Psychologe Lorenz Böllinger, emeritierter Professor für Strafrecht und Kriminologie, nennt als eigentliche Crux der "archaisch anmutenden" juristischen Ausbildung "Richterzentriertheit, Rechtspositivismus, fehlende Orientierung an der gesellschaftlichen Realität, überfrachtetes und lediglich einmal wiederholbares Staatsexamen" – und findet damit überraschend deutliche Worte. Der Staatsrechtler Christoph Möllers spricht vermutlich vielen Studierenden aus der Seele, wenn er schreibt: "[M]anches, was im Studium des Rechts vorausgesetzt wurde, [ist] Unsinn."
Böllinger liefert aber auch gleich einen Lichtblick für alle Jurastudierenden mit: Sein Beruf erfülle ihn mit "Glücksgefühlen". Die Moral von der Geschichte? Manchmal muss man einfach durchhalten. El-Ghazi wiederum sieht die Schattenseite des Systems als Chance: "Die ‚Notengeilheit‘ des Systems kam mir und meinem Anliegen sehr gelegen. Gerade sie ermöglichte mir diesen Aufstieg – einen Aufstieg vom Flüchtling zum Universitätsprofessor."
Bettina Limperg, Präsidentin des Bundesgerichtshofs, schreibt in ihrem Brief von "der Kunst des Zweifelns, der Macht des Teilens und der Sprache des Rechts." Dabei zitiert sie Aristoteles: "Wer Recht erkennen will, muss zuvor in richtiger Weise gezweifelt haben." Zweifel an sich selbst und am System, so Limperg, gehören dazu – man dürfe nur "nie aufgeben".
Zwischen Wandtattoo und Warnung vor dem Ende des Rechtsstaats
Manche der Briefe beginnen tatsächlich mit einer Anrede wie "Liebe junge Juristin, lieber junger Jurist" und schließen mit einem formellen Gruß. Sie sind ausgesprochen persönlich gehalten. Andere wiederum lesen sich wie Wikipedia-Einträge, in denen die beruflichen Stationen der Autorinnen und Autoren chronologisch aufgelistet werden. Wieder andere ähneln Essays, die auf vier oder fünf Seiten die großen Fragen der Menschheit verhandeln.
Mitunter wirken die Ratschläge, als entstammten sie einem Wandtattoo über dem Ehebett oder einem Motivationskalender auf dem Schreibtisch einer Grundschullehrerin. So identifiziert ein Autor beispielsweise die drei Hockerbeine der Karrierewahl, damit nichts wackelt: "Sei fleißig, folge deinem Herzen und vertraue dir selbst!" Derartige Ratschläge sind jedoch auch dem Zuschnitt des Buches geschuldet – das dennoch oder gerade deswegen weit mehr ist als ein gewöhnlicher Karriereratgeber.
Die Zeiten haben sich geändert
Zugleich zeigen die Briefe ein bemerkenswertes Bewusstsein für die Vergänglichkeit aller Dinge und die Möglichkeit, dass die Leserinnen und Leser schon bald vor einer völlig anderen Lebensrealität stehen könnten. "Ihr studiert nun in anderen Zeiten. Ihr erlebt, dass nichts unerschütterlich ist – weder die Achtung der Menschenwürde noch der Rechtsstaat oder die Demokratie", warnt Bijan Moini, der als Syndikusrechtsanwalt für die Gesellschaft für Freiheitsrechte tätig ist.
Möllers erinnert die Leserinnen und Leser an die Verantwortung juristischer Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger: "Die Behauptung, dass man ja nur entscheiden würde, was die Rechtsordnung vorgibt, verbietet sich schon angesichts der deutschen Geschichte."
Auch technische und gesellschaftliche Entwicklungen finden Eingang – natürlich auch im Hinblick auf die Frage, inwiefern KI die Rechtsbranche verändern wird. Rechtsanwalt Niko Härting schreibt dazu: "Die Arbeit wird uns Anwälten ganz gewiss auch auf mittlere Sicht nicht ausgehen. Kein Computer und keine ‚KI‘ kann uns ersetzen." Zuversicht im Wandel zeichnet viele der Beiträge im Buch aus.
"Neue Briefe an junge Juristinnen und Juristen" ist damit ein Kaleidoskop juristischer Lebenswege. Das Buch überzeugt vor allem durch seine Meinungsvielfalt, die Diversität der Autorenschaft und die Offenheit, mit der über eigene Lebenswege berichtet wird – damit junge Juristinnen und Juristen die gleichen Fehler nicht noch einmal machen müssen.
"Neue Briefe an junge Juristinnen und Juristen“"(Hardcover, 2025, 204 S.) ist am 10. Oktober 2025 im Verlag C. H. Beck erschienen.


