Abseits der Norm: Diese Karrierewege stehen auch ohne zweites Staatsexamen offen
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Im zweiten Examen durchzufallen, fühlt sich zunächst an wie der Weltuntergang – doch es ist oft der Startpunkt für neue Karrierewege. Unternehmen, Legal Tech, Mediation, Notariat oder NGO: Marie-Theres Boetzkes zeigt, dass die Optionen für Diplomjuristinnen und -juristen vielfältiger sind als gedacht.

Viele Juristinnen und Juristen geraten erst einmal ordentlich ins Wanken, wenn sie das zweite Examen nicht bestehen. Plötzlich steht die Frage  im Raum: "War das jetzt alles umsonst?" Nach Jahren voller Lernmarathons, Karteikarten, Klausuren und dem Gefühl, ständig performen zu müssen, wirkt es im ersten Moment, als sei alles verpufft. Das Ergebnis fühlt sich an wie ein Schlag in die Magengrube, und das Selbstbild bekommt Risse, die sich nicht so leicht übertünchen lassen.

Und ja – diese Gefühle sind absolut normal. Traurigkeit, Wut, Enttäuschung, Selbstzweifel, Existenzängste und der Gedanke "Alle anderen schaffen es doch auch" gehören für viele dazu. Die juristische Ausbildung ist darauf ausgelegt, ein einziges großes Finale zu inszenieren. Die Wenigsten studieren Jura, weil sie keine bessere Idee hatten. Die meisten haben ein klares Ziel vor Augen: Anwältin, Richter, Staatsdienst oder Unternehmen. Etwas mit Verantwortung und Einfluss. Wenn dann ausgerechnet der Schlüssel dafür – das zweite Examen – fehlt, fühlt es sich an, als stünde man vor einer verschlossenen Tür.

Doch "gescheiterte" Referendarinnen und Referendare sind nicht die Einzigen, die von solchen Fragen geplagt werden. Auch Studierende, die das erste Examen nicht bestanden haben und jetzt – hoffentlich – zumindest mit einem (integrierten) Bachelor of Laws dastehen, fragen sich, wie es karrieretechnisch weitergeht. Ihre Ausgangssituation ist etwas anders – oft setzen sie beispielsweise noch einen Master obendrauf –, doch untenstehende Karrieretipps dürften auch für sie von Interesse sein.

Die spannende Frage: Was jetzt?

Bevor die alternativen Karriereoptionen auf den Tisch kommen, lohnt sich zunächst ein Gedanke, der gerne untergeht: Juristinnen und Juristen – egal mit welchem Abschluss – bringen Fähigkeiten mit, die in der Arbeitswelt extrem gefragt sind. Analysieren, strukturieren, argumentieren, schnell denken, präzise arbeiten, Verantwortung übernehmen – das hat man nicht einfach so. Und diese Kompetenzen verschwinden auch nicht, nur weil eine Note nicht wie erhofft ausgefallen ist. Trotzdem hängen viele Jurastudierenden ihr komplettes berufliches Selbstverständnis an die juristischen Examina. Fast so, als wäre das Staatsexamen ein ultimativer Eignungsnachweis für das ganze restliche Leben. Genau hier lohnt sich ein Perspektivwechsel: Eine erfüllende Karriere ergibt sich nicht zwingend aus dem ursprünglich geplanten Weg, sondern oft aus einer Abzweigung, die man vorher gar nicht auf dem Schirm hatte. Also: Bühne frei für Plan B.

In den vergangenen Jahren hat sich die berufliche Landschaft für Menschen mit juristischem Background massiv erweitert. Neue Berufsbilder entstehen, alte verändern sich, Grenzen verschwimmen und die Möglichkeiten werden mehr. Wer heute Diplomjuristin oder -jurist ist, hat längst keinen Stempel "weite Wahl" mehr auf der Stirn – sondern ein solides Fundament, auf dem man viele verschiedene Karrieren aufbauen kann. Die folgenden Beispiele zeigen das klar und deutlich.

Drei Ideen für alle, die der juristischen Welt treu bleiben möchten

Auch ohne zweites Examen bleiben viele juristische Tätigkeiten übrig, die verantwortungsvoll, abwechslungsreich und fachlich interessant sind. Viele Arbeitgeber suchen gezielt Menschen mit juristischem Know-how, die souverän, gründlich und kommunikativ arbeiten. Und genau das können Diplomjuristinnen und -juristen. Ein Neustart innerhalb der juristischen Welt ist also kein Notnagel, sondern eine echte Option.

Ein überraschender Geheimtipp: Notariate. Sie stellen regelmäßig Diplomjuristinnen und -juristen ein, oft sogar bevorzugt. Dort geht es nicht um endlose Fallbearbeitung, sondern um praxisnahe Gestaltung: Urkunden vorbereiten, Verträge prüfen, mit der Mandantschaft sprechen, Abläufe im Blick behalten. Der Alltag ist juristisch anspruchsvoll, aber planbar. Keine 60-Stunden-Woche, sondern ein Umfeld, in dem Menschen geregelte Arbeitszeiten haben und trotzdem gut verdienen. Wer neugierig ist, sollte einfach ein paar Notariate anschreiben und nach einem Probearbeiten fragen.

Legal Tech ist der Bereich, in dem Jura auf Innovation trifft. Start-ups, junge Unternehmen und technologische Projekte entwickeln KI-Tools und Plattformen, die das Recht moderner und effizienter machen sollen. Gerade im Bereich der Künstlichen Intelligenz und der auf Jura spezialisierten Large Language Models tut sich momentan viel. Häufig arbeiten dort Juristinnen und Juristen in Rollen, die früher fast ausschließlich Betriebswirtinnen vorbehalten waren: Marketing, Sales, Business Development, Produktentwicklung oder Teamassistenz auf Führungsebene. Wer Unternehmergeist hat und Lust auf moderne Arbeitswelten, flexible Strukturen und eine gute Portion Tempo, findet hier eine aufregende Spielwiese. Events des Legal Tech Colab München oder des Legal Tech Lab Köln bieten gute Netzwerkmöglichkeiten – dort trifft man schnell Gleichgesinnte, Gründerinnen und Menschen, die zeigen, wie vielfältig juristische Karrieren heute sein können.

Für alle, die Konflikte lieber lösen als gewinnen, ist Mediation ein echter Gamechanger. Hier geht es nicht um den Gutachtenstil, sondern darum, Menschen wieder an einen Tisch zu bringen und Lösungen zu entwickeln, die funktionieren. Die Arbeit ist kommunikativer, psychologischer und oft zufriedenstellender als ein klassisches Gerichtsverfahren. Ein zweites Examen braucht es dafür nicht – ein gutes Gespür für Menschen dagegen schon. Einstiegsmöglichkeiten bieten Einführungsseminare an Universitäten oder spezialisierten Instituten wie dem Heidelberger Institut für Mediation oder dem Munich Center for Dispute Resolution (MuCDR). Viele Juristinnen und Juristen entdecken hier erst, wie gut ihnen dieser Ansatz liegt.

Drei Wege, die wenig mit Jura zu tun haben – und deshalb interessant sind

Manchmal liegt das Problem nicht darin, dass ein Weg versperrt ist, sondern dass man ihn überhaupt gehen wollte. Einige Diplomjuristinnen und -juristen stellen irgendwann fest: "Eigentlich war Jura nie meine Leidenschaft – ich hab’s nur gemacht, weil es vernünftig klang." Für genau diese Menschen öffnen sich jenseits des juristischen Kosmos Türen, die völlig neue Perspektiven bieten und oft viel besser zum eigenen Charakter passen.

HR-Abteilungen lieben Menschen, die komplexe Themen verstehen, Kommunikation beherrschen und Arbeitsrecht nicht für ein Minenfeld halten. Diplomjuristinnen und -juristen bringen genau das mit. Ob Recruiting, Talentmanagement, Organisationsentwicklung oder Employer Branding – überall werden Menschen gebraucht, die strukturiert denken und gleichzeitig gut mit anderen umgehen können. Der Einstieg ist oft unkompliziert, da es unzählige HR-Abteilungen gibt – von Unternehmen über Start-ups bis hin zu Kanzleien. Workshops zu New Work, Führung oder Persönlichkeitsentwicklung bieten erste Anknüpfungspunkte und zeigen, wie vielfältig die Arbeit dort ist. 

Eine weitere Karriereoption: der Journalismus. Juristinnen und Juristen schreiben viel und präzise – nur leider im Studium fast ausschließlich im Gutachtenstil. Viele merken erst später, dass Schreiben eigentlich eine Stärke ist, die sich auch ganz anders einsetzen lässt. Medienhäuser, Zeitungen und Verlage bieten Volontariate an, die den Einstieg in den Journalismus erleichtern. Besonders juristische Fachverlage freuen sich über Menschen, die komplexe Themen verständlich formulieren können. Dabei hilft einem dann sogar das juristische Fachwissen und bildet eine stabile Grundlage für die eigenen Fachtexte. Ein guter Anfang: selbst Texte veröffentlichen, Newsletter starten, Blogartikel verfassen oder kurze Kommentare zu aktuellen Rechtsthemen schreiben. Das baut Sichtbarkeit auf – und zeigt, ob das Schreiben wirklich Spaß macht.

Spannende Arbeitgeber können auch NGOs (Non Governmental Organisations), Stiftungen oder Sozialunternehmen sein. Hier geht es weniger um Karriereleitern als um eine sinnstiftende Tätigkeit und gesellschaftliche Relevanz. Viele Menschen im Non-Profit-Sektor sind Quereinsteigerinnen oder Quereinsteiger. Juristische Kenntnisse sind überall gefragt: Vertragsprüfungen, Förderbedingungen, Datenschutz, Compliance, Vereinsrecht. Wer sich für gesellschaftliche Themen interessiert, findet hier nicht nur Jobs, sondern oft auch eine tiefe persönliche Motivation. Plattformen wie betterplace.org oder der Bundesverband Deutscher Stiftungen bieten Interessierten einen guten Überblick über Organisationen und Projekte.

Berufseinsteiger haben die Qual der Wahl

Diese sechs Wege sind nur ein kleiner Ausschnitt aus einer riesigen Palette an Möglichkeiten. Ein nicht bestandenes zweites Examen schließt nur die Tür zu den Berufen, für die man die Befähigung zum Richteramt benötigt. Alle anderen Karriereoptionen stehen Berufseinsteigerinnen und -einsteigern weiterhin offen. Die wirklich entscheidende Frage lautet jetzt: Welche Stärken bringe ich mit? Und worauf habe ich wirklich Lust?

Auch wenn sich das Durchfallen im ersten Moment anfühlt wie das Ende, ist es oft der Auftakt zu etwas Neuem. Viele vermeintliche Umwege entpuppen sich später als die Schritte, die den Weg zu Zufriedenheit, Selbstbestimmung und beruflicher Erfüllung erst geöffnet haben. Wer neugierig bleibt, Dinge ausprobiert und sich nicht von starren Erwartungen leiten lässt, merkt schnell: Das Jurastudium war nur der Anfang. Auch ohne zweites Staatsexamen ist ein Start in viele Richtungen möglich. Ein Satz bleibt deshalb wahr: Mit Jura kannst du alles machen.

Dr. Marie-Theres "Maresi" Boetzkes ist promovierte Juristin. Nach einigen Jahren in der Kanzleiwelt beschloss sie, frei nach dem Motto "Mit Jura kannst du alles machen!“ ,ihren ganz eigenen unkonventionellen Karriereweg als Juristin einzuschlagen. Sie hat seither als Business Developerin, Trainerin für Potenzialentfaltung und Fundraiserin gearbeitet und unterstützt seit 2023 mit Online-Kursen, einem Newsletter und einem Podcast Juristinnen und Juristen dabei, ebenfalls berufliche Erfüllung zu finden. 

Redaktion beck-aktuell, Gastbeitrag von Dr. Marie-Theres Boetzkes, 1. Dezember 2025.

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