"Anwaltschaft kann sexy sein": Wieso Nachwuchsförderung gerade bei Frauen wichtig ist
Foto: Privat

Der Anwaltschaft geht der Nachwuchs aus. Vor allem junge Juristinnen machen sich seltener selbstständig und erlangen weniger Fachanwaltstitel. Chrysanthi Fouloglidou spricht über die Gründe für den Schwund, fehlende Strukturen und ihre Lösungsvorschläge.

beck-aktuell: Frau Fouloglidou, Sie sind selbst Anwältin und engagieren sich gleichzeitig für den Nachwuchs Ihres Berufsstandes. Kürzlich haben Sie auf einem Panel beim 20. Symposium zur Reform des Anwaltsrechts die Perspektive des Nachwuchses in die Diskussion eingebracht. Der Hintergrund: Während Frauen rund 60% der Jurastudierenden ausmachen, nehmen sie später in der Anwaltschaft und vor allem der Fachanwaltschaft einen viel kleineren Anteil ein. Überrascht Sie diese Diskrepanz?

Fouloglidou: Viele Frauen – vor allem auch die mit Migrationshintergrund – denken lange, sie müssten unbedingt einen sicheren Beamtenjob anstreben. So ging es mir persönlich auch. Das hat mit biografischen Erfahrungen und sozialer Herkunft zu tun, mit dem Wunsch nach Absicherung, der nach meiner Erfahrung bei Frauen und bei Menschen mit Migrationsgeschichte oft sehr präsent ist.

Der Schritt in die Anwaltschaft – insbesondere in die Selbstständigkeit – wird Frauen aber auch strukturell erschwert. Mutterschutz ist für Anwältinnen nach wie vor kompliziert, hinzu kommt unbezahlte Care-Arbeit, die noch immer ungleich zu Lasten der Frau verteilt ist. Teilzeitkarrieren sind in Kanzleien bis heute kaum möglich. Viele Frauen brechen den Weg in die Anwaltschaft ab, weil die Justiz mit Verbeamtung und Elterngeld Sicherheit bietet. Oder sie gehen als Syndikusrechtsanwältinnen in Unternehmen, wo sie geregelte Arbeitszeiten haben. Die berühmte gläserne Decke hat sich für mich daher eher wie Beton angefühlt.

beck-aktuell: Betrifft das nur Selbstständige oder auch angestellte Anwältinnen?

Fouloglidou: Die Zahl niedergelassener Rechtsanwältinnen geht zurück, insbesondere in der Fläche. Bei Angestellten ist das Bild etwas anders. Dort sind die Risiken nicht so unmittelbar existenzbedrohend wie in der Selbstständigkeit. Aber die strukturellen Fragen – Vereinbarkeit, Teilzeit, transparente Karrierewege – stellen sich für Frauen natürlich auch in Anstellung.

"Die Quote ist ein Hebel, aber allein keine Lösung"

beck-aktuell: Wo könnte man ansetzen, um die Probleme anzugehen? Vielleicht schon in der Ausbildung?“

Fouloglidou: Wir müssen an vielen Stellen ansetzen. Es reicht nicht, nur die Prüfungsordnung zu ändern. Im Jurastudium müssen wir vor allem das Narrativ ändern: von Angst zu Empowerment. Studierende sollen hören: Wenn ihr dieses Studium schafft, stehen euch alle Wege offen – in die Justiz, in Unternehmen, in die Anwaltschaft, in Nischen, die ihr vielleicht noch gar nicht kennt. Und wir müssen viel früher an den Universitäten und im Referendariat zeigen, was die Anwaltschaft konkret macht, wie divers sie ist, welche Arbeitsmodelle es gibt.

Was ebenfalls helfen könnte: Eine frühzeitige Spezialisierung, denn momentan bilden wir noch Einheitsjuristen aus. Jeder, der die beiden Staatsexamina besteht, hat die Befähigung zum Richteramt. Diesen Beruf üben später aber die wenigsten aus. Der Großteil der Jurastudierenden wird später Anwältin oder Anwalt.

beck-aktuell: Helfen Quotenregelungen in Kanzleien?

Fouloglidou: Ja, als Instrument können sie helfen – etwa bei Partnerschaften in Großkanzleien oder auch als Quote für Menschen mit Migrationsgeschichte. Sie durchbrechen Behauptungen wie "Wir haben gesucht, aber keine Frauen gefunden". Ich bin aber der Meinung, dass Quoten ein Hebel sind und keine alleinige Lösung. Quoten können Türen öffnen, aber die Strukturen müssen sich insgesamt ändern: echte Gleichstellung, Reformierung des Familienrechts, Besserung der Betreuungsinfrastruktur, Gleichbehandlung selbständiger Mütter, das Überdenken des Ehegattensplittings, Elterngeldreform und Vieles mehr. Sonst setzt man ein Häkchen und ändert doch nichts.

"Juristen sollten empowern"

beck-aktuell: Wer sollte sich dafür am besten einsetzen: Politik, Unis, Kammern, Verbände?

Fouloglidou: Alle. So wie es unter anderem der DAV vormacht: Zusammenarbeit mit den Justizministerien, mit den Kammern, mit den Universitäten. Wir müssen an der Basis lauter werden. Wir brauchen einen langen Atem und Teams aus verschiedenen Professionen, die verstanden haben, dass uns sonst in einigen Jahren etwas wegbrechen wird: Nachwuchs, Vielfalt, regionale Versorgung. Und das ist nicht nur ein Thema der Anwaltschaft. Das betrifft die Justiz genauso.  Am Ende reden wir nämlich über die Resilienz des Rechtsstaats.

beck-aktuell: Female Empowerment ist heute in aller Munde. Dabei wird oft eine Gruppe vergessen: Was können Männer tun?

Fouloglidou: Juristen sollten empowern. Ich bin überzeugt, dass wir die Gleichstellung in der Anwaltschaft auch ohne sie schaffen können. Aber wenn Männer mitziehen, erreichen wir Ziele schneller. Sie sollten beispielsweise im privaten und im beruflichen Umfeld eingreifen, wenn sie sexistische Kommentare hören, und als Väter Mädchen genauso erziehen wie Jungen: Ihnen das Gefühl mitgeben, dass sie alles erreichen können. Wir müssen gemeinsam alte Strukturen aufbrechen.

beck-aktuell: Gibt es positive Beispiele für Vereine oder Organisationen, die sich – auch aus feministischer Perspektive – für die Nachwuchsgewinnung einsetzen?

Fouloglidou: Ja, in den Arbeitsgemeinschaften des DAV nimmt man sich des Themas sehr engagiert an. Auch beim djb habe ich erlebt, wie ermutigend es ist, wenn man in Kommissionen mitarbeitet. Die RAK Düsseldorf beispielsweise hat eine Präsidentin, mit der wir wunderbare gemeinsame Veranstaltungen machen. Arbeitsgemeinschaften wie das FORUM Junge Anwaltschaft oder das Netzwerk multikultureller Jurist*innen sind enorm wichtig und gehen mit gutem Beispiel voran. Wenn man sich ehrlich begegnet und gemeinsam für Ziele kämpft, entstehen großartige Dinge.

"Anwaltschaft kann sexy sein"

beck-aktuell: Sie sind Vorsitzende im FORUM Junge Anwaltschaft des DAV. Was macht das Forum, um junge Juristinnen und Juristen abzuholen?

Fouloglidou: Wir bieten Veranstaltungen, Netzwerke, Beratung: Wie gründe ich? Wie gehe ich mit schwierigen Mandaten um? Welche Optionen habe ich nach dem Examen? Wir treiben aber auch Themen wie Digitalisierung und KI voran. Das FORUM will zeigen: Die Anwaltschaft kann sexy sein. Wir haben über 2.000 Mitglieder und eine Stimme im Bundesvorstand des DAV. Wir werden gehört – mit Kritik und mit Ideen.

beck-aktuell: Welche Hilfestellung bieten Sie konkret für Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger?

Fouloglidou: Unser Format Young Lawyers Camp ist zum Beispiel ein toller Einstieg. Hier werden Themen wie Kanzleigründung, Abrechnung und Fehler in den ersten Berufsjahren praxisnah besprochen. Wir haben aber auch Pop-up-Events online, Kooperationen mit anderen Arbeitsgemeinschaften, und sind beim Deutschen Anwaltstag präsent. Wir organisieren Vielfalts-Tage, Roundtables, Panels – alles mit dem Ziel, Nachwuchs zu fördern und die Anwaltschaft sichtbar zu machen.

Und wir sagen klar: Nicht jede oder jeder muss in die Selbstständigkeit. Anstellung kann genau richtig sein. Unternehmen können passen. Aber die Entscheidung sollte informiert sein, nicht angstgetrieben.

beck-aktuell: Sie haben mehrfach erwähnt, wie wichtig es ist, zu netzwerken. Wie findet man als junge Juristin oder junger Jurist „sein“ Netzwerk?

Fouloglidou: Indem man hingeht. Das klingt banal, aber es ist so. Auf ein Panel oder zu einem Webinar. Hier trifft man Gleichgesinnte und kommt mit ihnen ins Gespräch. Auch Social Media ist eine große Hilfe, um sich über Veranstaltungen zu informieren und ehrliche Einblicke in die Tätigkeit als Anwältin oder Anwalt zu erhalten. Ich habe Menschen getroffen, die viel früher an mich geglaubt haben als ich selbst. Durch diese Gespräche habe ich mir Dinge zugetraut: Gremienarbeit, Vorträge, Verantwortung übernehmen. Das Schöne: Wenn man sich ehrlich begegnet, entsteht ein Wir und daraus entstehen Strukturen, für die wir kämpfen.

beck-aktuell: Vielen Dank für das Gespräch!

Chrysanthi Fouloglidou ist Fachanwältin für Familienrecht und zertifizierte Verfahrensbeiständin. Sie ist Vorstandsmitglied im Düsseldorfer Anwaltsverein, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft FORUM Junge Anwaltschaft, Mitglied im Ausschuss Aus- und Fortbildung des DAV, im Vorstand der Regionalgruppe Düsseldorf des djb sowie Ansprechperson im Netzwerk Berufseinstieg des djb und Mitglied in der Kommission Familien-, Erb- und Zivilrecht des djb. Sie ist zudem Mitglied der Expertengruppe für Opferschutz beim Justizministerium NRW. Sie hält Vorträge, bildet u.a. Fachkräfte beim Verband alleinerziehender Mütter und Väter, bei der AWO aus und engagiert sich in der Feminist Law Clinic Köln.

Das Interview führte Dr. Jannina Schäffer.

Redaktion beck-aktuell, jss, 22. Dezember 2025.

Mehr zum Thema