Johnny Depp siegt über Amber Heard - ist aber auch Verlierer

Sechs Wochen lang ist Johnny Depp (58) täglich im Gerichtssaal, meist mit getönter Brille und dicken Ringen an den Händen. Mitunter grinst er, doch oft hat er den Blick gesenkt, während seine explosive Beziehung mit der Schauspielerin Amber Heard (36) öffentlich aufgerollt wird. Doch am 01.06.2022, als die sieben Geschworenen ihm einen Sieg über die Ex-Ehefrau zusprechen, fehlt der “Fluch der Karibik“-Star im Gericht. Nur sein Anwaltsteam ist vertreten.

Gericht spricht Depp zehn Millionen Dollar Schadenersatz zu

Depp war nach dem Prozessende für Konzertauftritte mit dem Rockgitarristen Jeff Beck nach England gereist. Am Tag der Urteilsverkündung wurde er mit Musikern in einem Pub in Newcastle gesichtet, wie britische Medien berichteten. Heard, in Schwarz gekleidet, hört im Gericht des Bezirks Fairfax im US-Bundesstaat Virginia, vor den Toren der US-Hauptstadt Washington, mit gesenktem Blick zu, als das Urteil verlesen wird. Die Geschworenen haben ihren Schilderungen von Missbrauch keinen Glauben geschenkt. Wegen Verleumdung muss sie Depp über zehn Millionen Dollar Schadenersatz zahlen. Ein schwacher Trost: Depp schuldet ihr nach der Entscheidung der Jury zwei Millionen Dollar für Aussagen seines Ex-Anwalts, die Heards Ruf geschädigt hätten. Blitzschnell spricht sich Depps Sieg unter den Dutzenden Schaulustigen vor dem Gerichtsgebäude herum. Fans des Schauspielers brechen in Jubel aus.

Schauspieler ist Gewinner und Verlierer zugleich

In dem bitteren Schlagabtausch der Ex-Eheleute genoss Depp einen gewaltigen Fan-Vorteil. Täglich war der Star vor dem Gerichtsgebäude von jubelnden Anhängern empfangen worden. Unter Hashtags wie #JusticeforJohnny hatten Fans im Netz für den Schauspieler Partei ergriffen. Heard hatte deutlich weniger Unterstützer, aber umso mehr Anfeindungen in den sozialen Medien. Depp geht als Sieger aus dem Verleumdungsprozess hervor, aber er ist auch Verlierer in einer zur Schau getragenen Schlammschlacht, mit heftigen Anfeindungen, im Livestream von Gerichtskameras weltweit übertragen. Keiner der beiden wird die geschilderten Szenen einer Ehe gänzlich abschütteln. Eine abgetrennte Fingerkuppe, mit Blut geschriebene Botschaften, Fäkalien auf der Bettdecke - dies sind nur einige der Details, die jetzt in Gerichtsprotokollen verewigt sind.

Heard stellte Depp zu Unrecht als Gewalttäter dar

Das Urteil der Jury aus fünf Männern und zwei Frauen fiel nach dreitägigen Beratungen. Im Kern der von Depp eingereichten Zivilklage ging es um einen 2018 von der “Washington Post“ veröffentlichten Kommentar, in dem sich Heard als Opfer häuslicher Gewalt beschrieb. Depp wurde darin von ihr nicht namentlich genannt, aber der “Fluch der Karibik“-Star sah sich damit als Opfer von Falschaussagen gebrandmarkt und klagte wegen Verleumdung auf 50 Millionen Dollar Schadenersatz. Heard holte zur Gegenklage mit einer 100 Millionen Dollar-Forderung aus. Sie machte geltend, dass Depps Ex-Anwalt Adam Waldman mit einer Schmutzkampagne ihrem Ansehen geschadet habe. Die Urteilsfindung drehte sich um komplizierte Rechtsfragen wie Redefreiheit, Vorsatz oder Rufschädigung - aber ebenso standen die Glaubwürdigkeit der Hollywood-Stars und die gegenseitigen Missbrauchsvorwürfe auf dem Prüfstand.

Wochenlange Schlammschlacht im Gerichtssaal

Wochenlang hatten die Anwälte beider Seiten Anschuldigungen von sexuellem Missbrauch, körperlicher Gewalt, Lügen und Drogenexzessen vorgebracht, unterlegt von Dutzenden Zeugenaussagen, schockierenden Handyvideos, Tonaufzeichnungen mit derben Beschimpfungen und Fotos mit Blutergüssen. Heard hatte im Zeugenstand zahlreiche Vorfälle von angeblichem Missbrauch geschildert. Der Schauspieler betonte dagegen unter Eid, er habe in seiner Beziehung mit Heard "niemals" körperliche Gewalt angewendet. Depps Anwälte stellten Heard als notorische Lügnerin dar, deren Aussagen man nicht trauen könne. Heards Anwalt Benjamin Rottenborn wiederum zeichnete ein Bild von Depp als aggressivem Mann, der unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen zum "Monster" geworden sei. Ein Urteil gegen Heard wäre eine niederschmetternde Botschaft für Missbrauchsopfer auf der ganzen Welt, warnte Rottenborn.

Zweikampf vor den Augen der Weltöffentlichkeit

Für Depp ist dies nun der erste Sieg in dem langjährigen Streit der Ex-Partner, nach einer Niederlage in London vor zwei Jahren. Dort hatte er gegen das britische Boulevardblatt “Sun“ geklagt, das ihn in einem Artikel als Frauenschläger bezeichnet hatte. Auch damals hatten sich Depp und Heard wochenlang hinter verschlossenen Gerichtstüren mit Vorwürfen überzogen. Am Ende befand 2020 ein Richter, dass die meisten Vorwürfe in dem Artikel sich als wahr erwiesen hätten. Ein wichtiger Unterschied: Jetzt war es ein Zweikampf vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Depp konnte sich im Rampenlicht inszenieren, auch mit prominenter Unterstützung seiner Ex-Freundin Kate Moss. Das britische Supermodel sagte für ihn per Videoschalte aus. Mit Moss war Depp in den 1990er Jahren mehrere Jahre zusammen, auf ihre Trennung folgte eine langjährige Beziehung mit der französischen Schauspielerin Vanessa Paradis, mit der er zwei erwachsene Kinder hat. 2015 heirateten Depp und Heard, doch nach nur 15 Monaten Ehe reichte die Schauspielerin die Scheidung ein, nach Vorwürfen von häuslicher Gewalt.

Redaktion beck-aktuell, Tina Eck, Christina Horsten und Barbara Munker, 2. Juni 2022 (dpa).

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