Tod von Islah Hassniyyeh: Die erste Rechtsanwältin im Gaza-Streifen
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Die palästinensische Rechtsanwältin Islah Hassniyyeh ist im Alter von 77 Jahren verstorben. Die Juristin war die erste Anwältin im Gazastreifen und setzte sich über Jahrzehnte hinweg für Frauenrechte ein. Bis zuletzt verweigerte sie eine erneute Flucht aus ihrer Heimatstadt Gaza.

Islah Saied Mahmoud Hassniyyeh wurde 1949 in Gaza-Stadt geboren und schloss 1975 ihr Jurastudium an der Ain-Schams-Universität in Kairo ab – zu einer Zeit, in der Frauen in der palästinensischen Gesellschaft kaum Zugang zu juristischen Berufen hatten. Nach ihrer Rückkehr nach Gaza-Stadt ließ sie sich unter anderem beim bekannten Menschenrechtsanwalt Faraj Al-Sarraf ausbilden und eröffnete 1978 das erste von einer Frau geführte Anwaltsbüro im Gazastreifen. Ihr Berufseinstieg galt als bedeutender Schritt gegen tief verwurzelte gesellschaftliche Normen.

In den 1970er- und 1980er-Jahren übernahm Hassniyyeh unentgeltlich die Verteidigung politischer Gefangener in israelischen Gefängnissen – unter anderem in Zusammenarbeit mit der deutsch-israelischen Anwältin Felicia Langer, die 2009 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet wurde. Hassniyyeh war außerdem die erste Frau im Gazastreifen, die – nach einem Rechtsstreit – durchsetzte, vor Scharia-Gerichten als Anwältin auftreten zu dürfen.

Juristische Pionierin und Engagement für Frauenrechte

Hassniyyeh engagierte sich zeitlebens für die Stärkung von Frauen im Rechtssystem. In Schulungen und öffentlichen Vorträgen klärte sie über Themen wie das Scheidungsrecht auf. Dabei betonte sie regelmäßig, dass gesetzliche Schutzmechanismen vor allem in Regionen versagten, die politisch gespalten seien und in denen wirtschaftliche Not herrsche.

2002 wurde Hassniyyeh als erstes weibliches Mitglied in den Vorstand der palästinensischen Anwaltskammer gewählt. Ihre Wahl hatte die Einführung einer festen Frauenquote in der Anwaltskammer zur Folge. Über die Rolle der Frau im Recht soll sie gesagt haben: "Wir behandeln Anwältinnen noch immer so, als gehörten sie nicht in den Gerichtssaal. Als ob die Verteidigung von Rechten körperliche statt geistiger Stärke erfordere." So berichtet es eine Mitarbeiterin der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, mit der Hassniyyeh zusammenarbeitete. In ihrer Funktion als Schatzmeisterin der Anwaltskammer setzte sie sich für verschiedene Reformen wie beispielsweise eine stärkere Beteiligung junger Anwältinnen und Anwälte ein.

Nach der Machtübernahme der Hamas war Hassniyyeh Mitbegründerin des Center for Women’s Legal Counseling and Protection (CWLRCP) – einer unabhängigen Organisation, die Rechtsberatung und Rechtsbildung für Frauen anbietet. Darüber hinaus führte ihr Engagement 2007 zur Gründung des "Young Women Lawyers Forum", das im Rahmen einer Partnerschaft mit der Heinrich-Böll-Stiftung jährlich bis zu 40 Nachwuchsjuristinnen und -juristen ausbildet.

"Sie war das Gewissen des Rechts in Gaza"

In ihren letzten Lebensmonaten wurde Hassniyyeh infolge der massiven Zerstörungen in Gaza-Stadt zunächst vertrieben und lebte unter schwierigen Bedingungen in Zelten im Süden des Gazastreifens. Nach der Waffenruhe im März 2025 kehrte sie nach Gaza-Stadt zurück, obwohl ihr Haus zerstört worden war – eine bewusste Entscheidung gegen die erneute Vertreibung. "Solange es Wände gibt, werde ich in ihnen leben", soll sie nach Angaben der Heinrich-Böll-Stiftung gesagt haben.

Ohne ausreichenden Zugang zu Medikamenten und unter prekären humanitären Bedingungen verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand allerdings rapide. Hassniyyeh litt an chronischen Erkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck und verstarb Ende September in einem Krankenhaus. "Sie war nicht nur eine Anwältin", sagte ein Kollege über Hassniyyeh, "sie war das Gewissen des Rechts in Gaza."

Redaktion beck-aktuell, Dr. Jannina Schäffer, 8. Oktober 2025.

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