Juraprofessorin kritisiert Studierende: "Das muss ins Gehirn. Und das ist anstrengend."
© Zümrüt Gülbay-Peischard

Von nichts eine Ahnung, aber zu allem eine Meinung und bloß keinen Stress: In ihrem Buch "Akadämlich" geht die Juraprofessorin Zümrüt Gülbay-Peischard mit Studierenden hart ins Gericht. Ein Gespräch übers Lernen, die Ehrlichkeit gegenüber der eigenen Leistung und darüber, was sich ändern muss.

beck-aktuell: In Ihrem Buch "Akadämlich – Warum die angebliche Bildungselite unsere Zukunft verspielt" zeichnen Sie ein wenig schmeichelhaftes Bild der nachwachsenden Bildungselite. Haben Sie die Erfahrungen, über die Sie schreiben, auch mit ihren Jurastudentinnen und -studenten gemacht?  

Gülbay-Peischard: Ja, durchaus - ich lehre Wirtschaftsrecht an der Hochschule Anhalt in Bernburg, unterrichte also nicht nur Jurastudenten. Ich habe aber auch schon mit Jurastudenten und an vielen verschiedenen Fakultäten gearbeitet, international wie national. 

Grundsätzlich gibt es bei vielen Jurastudenten, die sich ja von vornherein für ein anspruchsvolles Fach entschieden haben, die Erkenntnis, dass man als Jurist nichts werden kann, wenn man nicht lernt. Nichtsdestotrotz sehe ich auch dort meine Drittelrechnung als zutreffend an.

"Ein Drittel der Studenten ist an den Hochschulen fehl am Platz"

beck-aktuell: Die da wäre? 

Gülbay-Peischard: Aus meiner Sicht ist ein Drittel der Studenten sehr gut und gehört an die Hochschulen. Ein weiteres Drittel können wir abholen, mit denen können wir was machen, aus denen kann was werden. Doch ein Drittel der Studenten ist meines Erachtens an den Hochschulen fehl am Platz.

Mit dieser Wahrnehmung bin ich offenbar keineswegs allein. Als Reaktion auf mein Buch, auf das mir erheblicher Widerstand vorhergesagt worden war, habe ich Zuschriften von sehr vielen Kollegen aus verschiedensten Fakultäten aus ganz Deutschland bekommen. Sie bestätigten meine Wahrnehmung, dankten mir sogar und zeigten sich geradezu begeistert, dass jemand das Thema mal anspricht und ehrlich damit umgeht, mit welchem Niveau die Studenten meinen, studieren zu wollen.

"Wer Jura studiert, braucht einen strategischen Ansatz"

beck-aktuell: Was stört Sie denn am meisten?

Gülbay-Peischard: Das Studium ist die Zeit, in der man sich beweist. Die Zeit im Studium ist einfach anstrengend. Und wenn mich ein Student fragt – und ich habe diese Zuschrift wirklich bekommen –, wer es denn schaffen solle, an fünf Tagen in der Woche zu studieren, abends zu wiederholen und zu lernen und sich am Wochenende vielleicht auch nochmal mit der Finanzierung seines Lebensunterhalts zu beschäftigen, dann kann ich nur antworten: Sie. Und zwar die nächsten drei bis vier Jahre. Denn das ist der Sinn des Studierens.

Natürlich kann man auch sagen: Ich will in der Zeit des Studiums auch was erleben und Freunde und Spaß haben. Aber die Priorität sollte doch im Studium liegen. Gerade wenn man Jura studiert, muss man einen strategischen Ansatz haben. Man sollte mindestens ein bis anderthalb Jahre vor dem Examen sagen: Ab wann lerne ich was, wann wiederhole ich in der zweiten, wann in der dritten Ebene, welche Klausurenkurse belege ich? 

beck-aktuell: Sie machen den Studierenden auch zum Vorwurf, dass sie gar nicht wirklich wüssten, wie man lernt. Was meinen Sie damit?

Gülbay-Peischard: Wenn ich mich mit einer Materie beschäftigt habe, dann habe ich noch nichts gelernt. Lernen ist das Beherrschen einer Materie. Dieses Beherrschen ist noch nicht da, wenn die Karteikarten da sind, ich eine KI aufgerufen oder eine Lern-App aktiviert habe. Das muss in mein Gehirn. Und das ist anstrengend. 

Ich beherrsche eine Materie, wenn ich sie anwenden, sie jemand anderem erklären, sie in unterschiedlichen Fragestellungen auch wieder aufrufen kann. Und zum Teil wehren Studenten sich mit Händen und Füßen dagegen, die Komfortzone des bestehenden Wissens zu verlassen und den eigenen geistigen Horizont zu verschieben. 

beck-aktuell: Aber liegt das nicht auch an einem Jurastudium, das stark auf Paukerei ausgelegt ist und förmlich dazu zwingt, sich die Stoffmasse in den Kopf zu pressen, statt sich die Grundlagen anzuschauen?

Gülbay-Peischard: Die Entscheidung, ob ich mir den Stoff in den Kopf presse oder ob ich didaktisch mit Grundlagen lerne, die trifft doch der Student selbst. Ich kenne keinen Kollegen, der sich vorne hinstellt und sagt, Sie müssen alle Details lernen. Aber die Studenten haben das Gefühl, dass sie den Stoff nur beherrschen, wenn sie Details lernen. Das ist nichts, was eine Reform eines Jurastudiums ändern kann - das kann nur geändert werden, indem die Studenten die Sicherheit zum Lernen erlangen, für sich selbst alle Details mal weglegen und sich wirklich auf die Strukturen konzentrieren.

"Körperliche Anwesenheit ist keine Aufgabenerfüllung"

beck-aktuell: Vor allem werfen Sie den Studierenden auch ihre Anspruchshaltung vor – etwas paraphrasiert: von nichts eine Ahnung, aber gern morgen einen Job in einem DAX-Konzern. Wie manifestiert sich das?  

Gülbay-Peischard: Bei bestimmten Studenten gibt es einfach eine gewisse Beratungsresistenz, wenn ich ihnen sage, dass das, was sie gerade tun, nicht gut ist und sie es nochmal machen müssen.

Vor kurzem saß ich mit einem Kollegen zusammen, der eine Masterarbeit über 20 Wochen betreut hat. Der Student war während der gesamten Bearbeitungszeit nicht bereit, auf die Hinweise meines Kollegen zu hören. Am Ende hat er eine Arbeit abgegeben, in der vieles inhaltlich falsch war. Er glaubte zu wissen, wie es geht - statt einfach mal zuzuhören und sich helfen zu lassen. 

Selbst mit dem didaktisch besten Professor müssen eben auch die Studenten bereit sein, sich 90 oder 180 Minuten zu konzentrieren, mitzuschreiben und tatsächlich ihr Gehirn einzuschalten - und nicht die körperliche Anwesenheit als Aufgabenerfüllung zu betrachten.

beck-aktuell: Ist das nicht ein bisschen klischeehaft und zu einfach? Meine Eltern haben auch schon gesagt, meine Generation sei faul, bequem und nur auf Spaß aus und hätte keinen Biss mehr und keinen Bock, zu lernen. Sind die Vorwürfe, die Sie erheben, mehr als das übliche Bashing der nächsten Generation?

Gülbay-Peischard: Es ist mehr als das. Es ist eine Beobachtung zur Leistungsfähigkeit. Nur um es nochmal zu sagen: Ich liebe meinen Job und ich arbeite wahnsinnig gerne mit jungen Leuten zusammen. Ich glaube aber, dass der Bedarf, den wir da draußen auf dem Markt haben, größer ist als das, was wir tatsächlich im Moment ausbilden und auf den Markt bringen können.

Die leistungsbereiten Absolventen, die sich tatsächlich voll im Job einbringen, nicht um 17 Uhr den Griffel fallen lassen - und das auch nicht sofort als Ausbeutung verstehen - und sich auch mal über die Arbeitszeit hinweg einbringen – davon brauchen wir mehr. Wenn für meine Generation Schluss ist mit der Arbeit, muss die nächste Generation Verantwortung übernehmen. Wenn die aber sagt "Sorry, Work-Life-Balance, ich arbeite nur noch drei Tage pro Woche" – dann ist das in jedem individuellen Fall auch in Ordnung. Aber am Ende muss jemand die Arbeit machen und die Steuern bezahlen.

"Hast Du eine Ahnung, was da draußen passiert?"

beck-aktuell: Sie haben selbst Migrationshintergrund, waren beim Berufsstart die jüngste Juraprofessorin in Deutschland und haben vermutlich sehr hart gearbeitet, um das zu erreichen. Fällt Ihr Urteil über die junge Generation auch deshalb so hart aus, weil Sie kein ohnehin privilegierter Mensch sind? 

Gülbay-Peischard: In meinem Buch gibt es ein Kapitel, wo ich tatsächlich persönlich werde und schreibe, wie ich Professorin wurde. Ich schreibe auch über meine Kindheit im Berliner Wedding mit zwei Eltern, die in Fabriken gearbeitet haben. Während meine Schulkameraden am Wochenende ausgingen, habe ich Spiegel geputzt und Lager geräumt, um Geld mit nach Hause zu bringen. Mein eigener Anspruch oder meine eigenen Erfahrungen sind also sicherlich andere. Aber ich mache sie nicht unbedingt zum Maßstab für die jungen Leute. Ich kann keinem Menschen vorwerfen, dass es ihm besser geht als mir.

Aber wenn mir ein Student erzählt, er sei völlig fertig, weil er jetzt zwei Tage hintereinander acht SWS-Vorlesungen hinter sich gebracht hat, dann muss ich manchmal einfach freundlich lächeln und vorsichtig sein mit dem, was ich sage. Aber ich denke natürlich: Hast Du eine Ahnung, was da draußen alles passiert?

"Vielleicht müssen wir mit Eingangstests arbeiten"

beck-aktuell: Was ist denn Ihr Vorschlag? Wie kommen wir raus aus der Misere?

Gülbay-Peischard: Erstmal würde ich die Eltern bitten, ihre persönlichen Nummer-eins-Wonneproppen so zu erziehen, dass sie sagen: "Dass du bei mir die Nummer eins bist, bedeutet nicht, dass du das auch da draußen bist. Dort musst du dir deinen Platz verdienen."

Außerdem müssen wir über das Finanzierungsmodell an den Hochschulen nachdenken. Wir werden finanziert anhand der Anzahl der Studierenden, die wir aufnehmen. Das heißt, es gibt keinerlei Interesse daran, diese Anzahl zu reduzieren. Und solange nicht unser Output, sondern nur unser Input interessant ist, kann man keiner Hochschule in Deutschland vorwerfen, diesen noch weiter nach oben zu drehen.

beck-aktuell: Weniger Studierende also? 

Gülbay-Peischard: Wir haben uns damals sozialliberal gegen Eingangstests an Hochschulen entschieden, weil wir gesagt haben, dass solche Instrumente historisch dazu benutzt worden sind, Frauen und andere Menschen vom Hochschulstudium abzuhalten. Das wollen wir nicht, natürlich auch heute nicht. Wir müssen heute aber meines Erachtens neu darüber nachdenken.

"Den ganzen Tag an der Uni heißt nicht den ganzen Tag gelernt"

beck-aktuell: Diese Vorschläge sind ja sehr struktureller, grundlegender Natur. Haben Sie noch einen konkreten Tipp für alle Jurastudierenden, die schon im Studium drin sind? 

Gülbay-Peischard: Mehrere sogar! Erstens: Macht einen Lernplan, der mindestens 15 Monate umfasst. Weniger ist nicht, es ist einfach so - Jura ist einfach ein ganz großes Paket. Zweitens: Schreibt Klausuren, und zwar ehrlich! Immer und immer wieder. Drittens: Erzählt einander in Arbeitsgemeinschaften den Stoff. Sprecht darüber, erklärt es einander, wendet das Gelernte an. Und viertens: Sei ehrlich zu deiner eigenen Leistung. Wenn du den ganzen Tag an der Uni warst, hast Du nicht den ganzen Tag gelernt. Und wenn Du ein Lernvolumen von unter fünf Stunden am Tag hast, dann ist das zu wenig.

beck-aktuell: Vielen Dank für das Gespräch!

Zümrüt Gülbay-Peischard ist seit 1998 Professorin für Wirtschaftsrecht an der Hochschule Anhalt in Bernburg (Saale), wo sie den Studiengang Bachelor und Master Wirtschaftsrecht leitet. Ihr Schwerpunkt liegt im internationalen Wirtschaftsrecht. Ihr Buch "Akadämlich – Warum die angebliche Bildungselite unsere Zukunft verspielt" ist Ende März bei Bastei Lübbe erschienen.  

Die Fragen stellte Pia Lorenz. 

Eine längere Version des Gesprächs hören Sie in der aktuellen Folge 48 von "Gerechtigkeit & Loseblatt - Die Woche im Recht", dem Podcast von NJW und beck-aktuell.

Redaktion beck-aktuell, Pia Lorenz, 4. April 2025.

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