Friedensnobelpreis an Menschenrechtler aus Belarus, Russland und Ukraine
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© EPA-EFE / Anders Wiklund

Es ist alljährlich der Höhepunkt der Nobelpreis-Bekanntgaben: In Oslo ist nun das Geheimnis gelüftet worden, wer in diesem Jahr den Friedensnobelpreis erhält. Er geht diesmal nach Belarus, Russland und in die Ukraine. Ausgezeichnet wurden der inhaftierte belarussische Menschenrechtsanwalt Ales Bjaljatzki, die russische Organisation Memorial und das ukrainische Center for Civil Liberties. Letzteres erhielt bereits den Alternativen Nobelpreis.

Repräsentanten der Zivilgesellschaft in ihren Heimatländern

Die diesjährigen Preisträger repräsentierten die Zivilgesellschaft in ihren Heimatländern, sagte die Vorsitzende des Komitees, Berit Reiss-Andersen, bei der Preisbekanntgabe. Sie setzten sich seit vielen Jahren für den Schutz der Grundrechte der Bürger und das Recht ein, Machthabende zu kritisieren. Der Friedensnobelpreis gilt als der bedeutendste Friedenspreis der Erde. Insgesamt 343 Kandidaten - 251 Persönlichkeiten und 92 Organisationen - waren in diesem Jahr für ihn nominiert worden. Die Namen der Nominierten werden traditionell 50 Jahre lang geheim gehalten. Im vergangenen Jahr waren die Philippinerin Maria Ressa und der Russe Dmitri Muratow mit dem Preis geehrt worden. Die beiden Journalisten erhielten ihn für ihren Kampf für die Meinungsfreiheit.

Nobelpreise mit jeweils zehn Millionen schwedischen Kronen dotiert

Mit der Verleihung des Friedensnobelpreises haben die Tage der Nobelpreis-Bekanntgaben ihren Höhepunkt erreicht. Zuvor waren in dieser Woche bereits die Preisträgerinnen und Preisträger in den Kategorien Medizin, Physik, Chemie und Literatur verkündet worden. Am 10.10.2022 folgt zum Abschluss noch der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, der als einziger der Preise nicht auf das Testament des Dynamit-Erfinders und Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896) zurückgeht. Dotiert sind die Nobelpreise in diesem Jahr erneut mit jeweils zehn Millionen schwedischen Kronen (rund 980.000 Euro) pro Kategorie. Verliehen werden sie traditionell an Nobels Todestag, dem 10. Dezember. Der Friedensnobelpreis ist dabei der einzige der Preise, der nicht im schwedischen Stockholm, sondern in der norwegischen Hauptstadt Oslo überreicht wird.

Center for Civil Liberties

Mit der Auszeichnung für das Center for Civil Liberties sendet das norwegische Nobelkomitee ein Signal der Unterstützung in die angegriffene Ukraine. Die 2007 gegründete Organisation bezeichnet sich selbst als einer der führenden Akteure bei der Bildung der öffentlichen Meinung in dem osteuropäischen Land, dessen Bevölkerung spätestens seit 2014 in großen Teilen laut auf eine Abkehr von Russland und eine Ausrichtung nach Westen pocht. Nach den Maidan-Protesten und dem Sturz der damaligen von Moskau unterstützten Regierung machten die Aktivisten des Center for Civil Liberties unter anderem auf Menschenrechtsverstöße auf der annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim und anderen von Russland kontrollierten Gebieten aufmerksam. Seit dem Einmarsch russischer Truppen Ende Februar dieses Jahres setzen sie sich insbesondere auch für die Freilassung ukrainischer Kriegsgefangener ein. Die Organisation veranstaltet unter anderem Seminare zu Menschenrechten und arbeitet mit daran, ukrainische Gesetze an internationale Normen anzugleichen.

Memorial

Viele Jahre haben die Bürgerrechtler bei Memorial auf diese Auszeichnung gewartet, Jahr um Jahr äußerten sie sich enttäuscht. Nun kam die lang erhoffte Nachricht aus Oslo ausgerechnet in einem Moment, als die Menschenrechtler auch am Freitag wieder vor Gericht gegen die Folgen der Auflösung ihrer Organisation kämpften. Der russische Staat versuche, sich die Gebäude und anderes Eigentum von Memorial einzuverleiben, teilte die Organisation mit. "Was? Memorial? Unser Memorial? Wie das denn, ist doch aufgelöst", sagte Gründungsmitglied Swetlana Gannuschkina zur Auszeichnung. Die Auszeichnung komme zwar spät, "aber zu spät ist es dafür nie", sagte die 80-Jährige der dpa in Moskau. Die Strukturen und die Projekte gebe es auch noch. Sie würden weiter geführt. Dafür werde Geld gebraucht, fügte sie hinzu. "Das ist eine große Anerkennung für diejenigen Menschen in Russland, die diesen furchtbaren Krieg gegen unseren Nachbarn Ukraine nicht unterstützen", sagte die mit vielen Preisen geehrte Mathematikerin, die vom Nobelkomitee auch namentlich erwähnt wurde. "Es gibt in Russland eine riesige Bereitschaft und enormes Engagement für Flüchtlinge aus der Ukraine. Diese Hilfsbereitschaft darf nicht vergessen werden." Das zeige abseits von gefährlichen Protesten, dass jeder etwas tun könne. Die international bekannte Organisation wurde 2021 auf Anweisung der Behörden aufgelöst, weil sie gegen Gesetze verstoßen haben soll.

Ales Bjaljazki

Der Belarusse Ales Bjaljazki dürfte die frohe Kunde von seiner Auszeichnung selbst noch gar nicht vernommen haben. Seit mehr als einem Jahr sitzt der 60 Jahre alte Anwalt in einem Gefängnis in Minsk. Die von ihm gegründete Menschenrechtsorganisation Wesna haben die autoritären Behörden der Ex-Sowjetrepublik als "extremistisch" verboten. Mit Bjaljazki ehrt das Nobelkomitee einen Mann, der sich jahrzehntelang für Freiheit und Bürgerrechte in seiner Heimat eingesetzt hat. Die Komitee-Vorsitzende Reiss-Andersen äußerte Sorge um Bjaljazki, der unter sehr harten Bedingungen inhaftiert sei. "Wir beten dafür, dass sich dieser Preis nicht negativ auf ihn auswirken wird, aber wir hoffen, dass er seine Moral stärken wird." Spätestens seit dem Sommer 2020 ist Bjaljazki auch international bekannt: Gemeinsam mit Vertretern seiner Organisation dokumentierte er nach der als gefälscht eingestuften Präsidentenwahl die oft brutalen Festnahmen von Kritikern. Hunderttausende Belarussen gingen damals gegen den als "letzten Diktator Europas" kritisierten Langzeit-Machthaber Alexander Lukaschenko auf die Straßen. Zehntausende wurden vorübergehend festgenommen, Hunderte verletzt und mehrere getötet. Bis heute sitzen Menschenrechtlern zufolge noch viele Lukaschenko-Gegner in Haft - darunter Bjaljazki selbst. Die in die EU geflohene belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja nannte die Entscheidung aus Oslo "großartig". Auf Telegram schrieb sie: "Bjaljazki ist der Stolz der Belarussen. Nun ist das auf der ganzen Welt bekannt." Für Bjaljazkis Frau Natalja Pintschuk kam die Nachricht überraschend. "Ich verspüre jetzt natürlich einen großen Stolz", sagte sie. "Ich habe vor, ihm ein Telegram zu schicken und ihm alles zu erzählen."

Redaktion beck-aktuell, Miriam Montag, 7. Oktober 2022 (dpa).