Cold Case Lab Köln: "Im echten Leben hast du keinen klaren Sachverhalt"
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Anja Schiemann hat mit ihrem Team das Cold Case Lab an der Uni Köln ins Leben gerufen – ein Projekt, bei dem Jurastudierende echte, ungelöste Kriminalfälle analysieren. Wie funktioniert das? Was bringt es den Studierenden? Und: Gab es schon erste Ermittlungserfolge?

beck-aktuell: Frau Prof. Schiemann, was dürfen sich unsere Leserinnen und Leser unter dem Cold Case Lab vorstellen, das Sie an der Universität zu Köln mit aufgebaut haben?

Schiemann: Die Idee war, dass es viele ungelöste Kriminalfälle gibt – rund 1.000 allein in NRW – und wir uns gefragt haben: Warum sollten sich nicht auch Studierende damit beschäftigen? Dafür bekommen wir echte Fälle von der Cold Case Unit des Polizeipräsidiums Köln, natürlich über den offiziellen Weg mit Akteneinsicht durch die Staatsanwaltschaft. Die Studierenden bewerben sich für das Cold Case Lab und arbeiten dann an einem echten, ungelösten Kriminalfall. Am Ende gibt es eine Abschlussveranstaltung der Studierenden mit der zuständigen Staatsanwältin Jane Wolf und dem Leiter der Cold Case Unit, Markus Weber, und seinem Team. Dabei diskutieren die Studierenden ihre Ergebnisse mit den Ermittelnden. Die Ergebnisse werden sodann durch die Projektleiter Selin Özyildirim und Max Marchi aufbereitet und in einer weiteren Veranstaltung präsentiert.

beck-aktuell: Hat der anhaltende True-Crime-Hype Sie auf die Idee gebracht? Oder war es eher Ihre langjährige Tätigkeit an der Deutschen Hochschule der Polizei?

Schiemann: Ich muss gestehen, dass die Idee gar nicht von mir ist.  Sie kommt von meinen Lehrstuhlmitarbeitenden Selin und Max. Beide haben bereits beim International Cold Case Analysis Project teilgenommen. Ich fand die Idee gut und wollte sie mit einem didaktischen Konzept verbinden, das die Studierenden voranbringt und Soft Skills vermittelt. Jetzt sind wir die erste Universität in Deutschland, die ein Cold Case Lab anbietet.

Echte Tötungsdelikte und Vermisstenfälle

beck-aktuell: Das klingt alles sehr spannend. Wie können die Jurastudierenden mitmachen?

Schiemann: Direkt bei unserem ersten Durchgang im Januar gab es mehr Bewerbungen als Plätze. Voraussetzung, um teilzunehmen, ist ein Motivationsschreiben, die bestandene Zwischenprüfung und idealerweise Kenntnisse aus der StPO-Vorlesung. Noch bis zum 24. November läuft die Bewerbungsphase für die nächste Runde.

beck-aktuell: Die Studierenden beschäftigen sich also mit einem echten Strafrechtsfall aus dem Landgerichtsbezirk Köln? Wie werden diese ausgewählt?

Schiemann: Ja, uns liegen die Akten eines echten Verbrechens vor. Die Cold Case Unit und die zuständige Staatsanwältin suchen gerade einen weiteren geeigneten Fall für den nächsten Durchgang aus. Der Fokus liegt dabei auf Tötungsdelikten und Vermisstenfällen. Welche Fälle besonders gut geeignet sind, entscheiden Staatsanwaltschaft und Polizei.

beck-aktuell: Worum ging es denn bei Ihrem ersten Fall? Und konnten Sie am Ende des Semesters tatsächlich einen Durchbruch erzielen?

Schiemann: Um welchen Cold Case es sich handelt, darf ich nicht verraten. Da sind wir zur Verschwiegenheit verpflichtet. Es war ein Tötungsdelikt und der Fall war sehr umfangreich – rund 4.000 Seiten Aktenmaterial. Die Staatsanwaltschaft Köln sowie die Cold Case Unit des Polizeipräsidiums Köln sichtet jetzt gerade unsere Ergebnisse, die wir Anfang Oktober präsentiert haben. Wir sind zuversichtlich, dass wir Impulse geben konnten. Staatsanwältin Wolf meinte, dass bei so umfangreichen Akten ein Einzelkämpfer kaum alles auswerten kann – da sind 15 Studierende ein echter Vorteil.

"Erst Opferbild, dann Täterbild, dann Timeline"

beck-aktuell: Wie gehen die Studierenden an die Akten heran?

Schiemann: Die Akten sind digitalisiert – das macht vieles einfacher. Wir geben den Studierenden zunächst Zeit, sich einzuarbeiten. Zusätzlich haben meine Projektkoordinatoren Selin und Max und ich ein Casebook mit methodischen Hinweisen erstellt: Zunächst werden ein Opferbild und ein Täterbild erstellt. Danach erarbeiten die Studierenden eine Timeline und strukturieren die vorhandenen Zeugenaussagen. Wir führen also eine Art operative Fallanalyse durch. Das Ziel ist, sich noch einmal von außen alles nach dem Vier-Augen-Prinzip anzuschauen. Danach haben wir verschiedene Gruppen gebildet, die sich unterschiedliche Spurenakten angesehen haben und verschiedene Arbeitsaufträge hatten, die dann gegen Ende zusammengeführt wurden.

beck-aktuell: Strafakten können ziemlich brutal sein – vor allem das Bildmaterial. Wie gehen Sie und die Studierenden damit um?

Schiemann: Besonders sensible Inhalte wie Tatortbilder haben wir zunächst nur in Präsenz gezeigt – trotz True-Crime-Hype wollten wir niemanden damit schocken oder allein lassen. Das ist uns wichtig. Anders als beispielsweise beim International Cold Case Analysis Project, wo alles online läuft, stehen wir außerdem im direkten Austausch mit Staatsanwaltschaft und Polizei.

beck-aktuell: Darf das Cold Case Lab auch selbst recherchieren? Beispielsweise Zeuginnen und Zeugen befragen?

Schiemann: Internetrecherche ist erlaubt, aber Zeugenbefragungen sind tabu. Das bleibt den Ermittlungsbehörden vorbehalten. Wir holen uns aber gezielt interdisziplinäre Expertise – etwa von der Rechtsmedizin. Bei unserem ersten Fall gab es Fragen zum Todeszeitpunkt. Da sind wir dann in die Rechtsmedizin gegangen und haben uns das Gutachten nochmal erklären lassen. Wenn es psychologische oder kriminalistische Fragen gibt, ziehen wir Fachleute hinzu. Es gibt auch Überlegungen, eine Linguistik-Expertin einzubinden, etwa bei Tonaufnahmen. Die Begeisterung und das Interesse, an unserem Cold Case Lab mitzuwirken, sind jedenfalls groß – mal sehen, wie sich das entwickelt.

"So spannend kann die Arbeit der Staatsanwaltschaft sein"

beck-aktuell: Was lernen die Studierenden im Cold Case Lab für das Jurastudium?

Schiemann: Strukturierte Arbeitsweise, Fokus auf das Wesentliche und mündlicher Austausch – das kommt im Jurastudium oft viel zu kurz. Bei uns können sie ihre Positionen vertreten, diskutieren und lernen, andere Perspektiven einzunehmen. Das macht die angehenden Juristinnen und Juristen argumentativ flexibler und sicherer. Außerdem lernen die Jurastudierenden im Cold Case Lab für die Praxis. Im wirklichen Leben hat man nicht einfach eine Seite Sachverhalt und es ist alles sofort klar. Wie man einen Aktenberg angeht, also strukturiert und systematisch bearbeitet, bekommt man im Jurastudium nicht gezeigt – im Cold Case Lab schon. Das Projekt ist darüber hinaus eine tolle Nachwuchsgewinnung für die Justiz. Bei uns sehen die Studierenden, wie spannend die Arbeit bei der Staatsanwaltschaft sein kann.

beck-aktuell: Wie ist das Projekt an der Uni eingebettet?

Schiemann: Es läuft im Schwerpunkt Kriminologie, aber auch andere Studierende können mitmachen. Das Cold Case Lab hat allerdings keine offizielle Abschlussprüfung. Es gibt am Ende keine Klausur, weswegen man sich das Projekt auch nicht als Schwerpunkt anrechnen lassen kann. Deswegen haben wir das Cold Case Lab als Schlüsselqualifikation ausgestaltet. Nach zwei Semestern erhalten die Jurastudierenden einen Schlüsselqualifikationsschein. Aber bei uns macht natürlich niemand nur wegen des Scheins mit – bei 4.000 Seiten Akten steckt viel Arbeit drin. Die Studierenden machen mit, weil sie wirklich Lust darauf haben.

Genehmigung des Innenministeriums erforderlich

beck-aktuell: Gab es auch kritische Stimmen und war es aufwändig, das Projekt genehmigen zu lassen?

Schiemann: Ja, vor allem wegen des Datenschutzes. Bei der Polizei fragte man uns zunächst, warum gerade Studierende Akteneinsicht bekommen sollen. Über einen Vortragenden bei unserer Vorlesungsreihe "Dem Verbrechen auf der Spur" konnte ich den Kontakt zur Cold Case Unit und der Staatsanwaltschaft Köln herstellen. Bei denen haben wir dann zum Glück direkt offene Türen eingerannt. Nachdem der leitende Oberstaatsanwalt grünes Licht gegeben hatte, musste das Projekt sogar noch vom Innenministerium NRW abgesegnet werden. Geholfen hat dabei auf jeden Fall, dass wir auf das International Cold Case Analysis Project verweisen konnten, wo das alles schon gut funktioniert – die arbeiten unter anderem mit Fällen aus Niedersachsen.

beck-aktuell: Und wie ist das mit der Akteneinsicht und dem Datenschutz?

Schiemann: Nach § 478 StPO ist Akteneinsicht zu wissenschaftlichen Zwecken grundsätzlich erlaubt. So sieht das auch die Staatsanwaltschaft Köln – die geben ihren Rechtsreferendaren ja beispielsweise auch Einblicke in die Akten. Unsere Studierenden des Cold Case Lab unterschreiben eine Verschwiegenheitserklärung, denn die Akteninhalte dürfen natürlich keinesfalls nach außen dringen. Um das zu verdeutlichen, warnen wir auch vor straf- und prüfungsrechtlichen Konsequenzen. Klar ist: Das Projekt wäre sofort beendet, wenn etwas durchsickert.

beck-aktuell: Vielen Dank für das Gespräch. Geben Sie unseren Leserinnen und Lesern Bescheid, wenn das Cold Case Lab seinen ersten Fall gelöst hat?

Schiemann: Natürlich! Sobald ich grünes Licht für eine Veröffentlichung habe, melde ich mich.

 

Prof. Dr. Anja Schiemann ist Inhaberin des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminalpolitik an der Universität zu Köln und leitet seit Oktober 2024 das Cold Case Lab Köln.

Das Gespräch führte Dr. Jannina Schäffer.

Redaktion beck-aktuell, Dr. Jannina Schäffer, 27. Oktober 2025.

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