Anwalt ohne Juraexamen? Mehrere US-Staaten schaffen Alternativen zum Bar Exam

Nur 50 bis 80% der Kandidatinnen und Kandidaten, die zum US-Anwaltsexamen antreten, bestehen das Bar Exam. In einigen US-Staaten werden deswegen alternative Wege für die Zulassung zur Anwaltschaft geschaffen, wie Rouget Frederic Henschel weiß.

Die US-Staaten versuchen seit Jahrzehnten, die Voraussetzungen für die Zulassung als Anwältin oder Anwalt zu erleichtern. Bisher ist es so, dass Juristinnen und Juristen nach einem dreijährigen Jurastudium auch noch das US-Staatsexamen (Bar Exam) bestehen müssen. Die Prüfung dauert zwei bis drei Tage und besteht aus Essays und Multiple-Choice-Fragen. Jurastudierende wie Professorinnen und Politiker sind der Ansicht, dass diese Prüfung zu kompliziert ist. Zudem kritisieren viele, dass das US-Jurastudium, welches zum größten Teil auf Richterrecht basiert, und das Bar Exam nicht ausreichend praktische Fachkompetenz vermitteln.

Jeder der 50 US-Staaten legt die Anforderungen an das Bar Exam dabei grundsätzlich selbst fest. Die meisten Staaten (mit Ausnahme von u.a. Kalifornien, Delaware, und Virginia) haben sich seit 2011 jedoch auf eine einheitliche Prüfung geeinigt, das Uniform Bar Exam (UBE). Im Gegensatz zu Deutschland, wo es nur zwei reguläre Versuche gibt, kann das Bar Exam unendlich oft wiederholt werden. Das US-Staatsexamen ein- oder sogar mehrmals nicht zu bestehen, ist inzwischen fast üblich geworden. Auch Kandidatinnen und Kandidaten der besten Universitäten und Elite-Kanzleien fallen mehrmals durch. Im Durchschnitt bestehen bei jedem Durchgang nur 50 bis 80% der Prüflinge.

Wisconsin, Washington, Oregon und Utah gegen neue Wege

Einige US-Staaten beschreiten deswegen alternative Wege zur Anwaltszulassung. In Wisconsin, Washington und Oregon ist es am einfachsten, dem Bar Exam zu entgehen und später trotzdem als Anwältin oder Anwalt zugelassen zu werden.

In Wisconsin kann man als Anwältin oder Anwalt qualifiziert werden, ohne jemals das US-Staatsexamen abgelegt zu haben. Notwendig ist lediglich, dass man das Jurastudium erfolgreich an der University of Wisconsin Law School oder der Marquette University Law School abgeschlossen hat. Dieses sogenannte Diploma Privilege existierte in der Vergangenheit in den meisten US-Staaten, verbleibt heute jedoch nur noch in Wisconsin.

In Washington und Oregon wurde im vergangenen Jahr die Möglichkeit geschaffen, dass man sich auch ohne Staatsexamen als Anwältin oder Anwalt qualifizieren kann. Voraussetzung ist ein berufsqualifizierendes Praktikum, das man jedoch auch als Jurastudent absolvieren kann. Auf diese Weise haben Washington und Oregon sich dem Diploma Privilege angenähert.

In Utah wird ab dem 1. Januar 2026 für Kandidatinnen und Kandidaten ebenfalls eine Alternative zum Bar Exam verfügbar sein – der sogenannte Alternate Pathway to Licensure (APL), also ein alternativer Weg zur Anwaltslizenz. Die Utah State Bar, also die Behörde, die für die Organisation des Bar Exam zuständig ist, warnt interessierte Kandidatinnen und Kandidaten jedoch, dass die APL-Prüfung nicht unbedingt leichter sei als das traditionelle Staatsexamen. Bei der APL-Zulassung müssen die Kandidatinnen und Kandidaten vorher kein Staatsexamen abgelegt haben. Stattdessen müssen sie aber innerhalb ihres Jurastudiums bestimmte Kurse belegen und für eine bestimmte Zeit ein Praktikum unter der Aufsicht qualifizierter Anwältinnen und Anwälte absolvieren. Zudem müssen die Kandidatinnen und Kandidaten auch hierfür eine bislang nicht näher bekannte Prüfung bestehen.

Arizona schafft Auffangoption für gescheiterte Anwälte

In Arizona soll das Staatsexamen grundsätzlich weiterhin für die Zulassung zur Anwaltschaft notwendig sein. Allerdings hat der US-Staat einen Ausweg für diejenigen Kandidatinnen und Kandidaten geschaffen, die das Staatsexamen nur knapp nicht bestanden haben. Wer immerhin 260 bis 269 der erforderlichen 270 Punkte erreicht hat, bekommt eine zweite Chance für die Zulassung ohne Bar Exam. Allerdings müssen die Kandidatinnen und Kandidaten sich stattdessen verpflichten, für zwei Jahre in bestimmten Kleinstädten in einer Kanzlei zu arbeiten, um als Anwältin oder Anwalt zugelassen zu werden. Die Verpflichtung, in ländlichen Regionen zu arbeiten, entspricht damit dem Weg, den es in Deutschland für die Zulassung zum Medizinstudium gibt – er soll die Versorgung mit Ärzten bzw. in diesem Fall Anwältinnen in ländlichen Regionen sicherstellen.

Der traditionelle Weg für die Anwaltszulassung in den USA bleibt damit das klassische Bar Exam. Die genannten Alternativen sind nur für Juristinnen und Juristen interessant, die damit einverstanden sind, in bestimmten US-Staaten zu studieren und zu arbeiten. Trotzdem bieten die US-Staaten damit eine flexiblere Zulassung zur Anwaltschaft, als das beispielsweise in Deutschland der Fall ist.

Dr. Rouget Frederic Henschel ist Partner in der US-Anwaltskanzlei Potomac Law Group, PLLC mit Sitz in Washington D.C.

Redaktion beck-aktuell, Gastbeitrag von Dr. Rouget Frederic Henschel, 22. Oktober 2025.

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