All das stammt aus einer Studie, die auf Gesprächen mit 810 Juristen aus China, den USA und neun europäischen Ländern beruht, einschließlich Deutschland. Vielleicht nicht direkt eine wissenschaftliche Studie, mehr eine Branchenbefragung mit Marketingfunktion. Wie sich die Befragten zusammensetzten, erfährt man nicht, ebenso wenig weitere Details der Methodik, aber bei Juristen macht das nichts.
Jedenfalls ist es ein Stimmungsbild mit Trends, das ganz bestimmt für wirtschaftsberatende Kanzleien und Rechtsabteilungen gilt. Aber auch kleinere Sozietäten nutzen verstärkt KI-Tools, die juristische Datenbanken integriert haben, um Halluzinationen weitgehend zu vermeiden. In vielen Fällen führt das zu wirklich guten Ergebnissen, erfundene BGH-Entscheidungen gibt es bei diesen Anbietern so gut wie nicht mehr, manchmal aber existierende Rechtsprechung, die mit dem Fall, den man gerade bearbeitet, rein gar nichts zu tun hat. Macht aber nichts, BGH-Zitate kommen immer gut, auch unpassende. All das sehr schnell und so gut formuliert, dass man es gleich per copy & paste übernehmen möchte. Und nicht nur das, inzwischen kann man ganze Arbeitsabläufe automatisieren, vom Eingang eines Urteils über dessen KI-Behandlung mit Schwachstellenanalyse sowie Recherchen im eigenen Know-how und externen Datenbanken bis zur Erstellung einer Berufungsbegründung, alles in hoher Geschwindigkeit, verfügbar innerhalb einiger Minuten. Das glauben Sie nicht? Glauben Sie mir.
Nennen Sie mich altmodisch, aber mir geht das alles zu schnell. Wir messen die Qualität einer Entscheidung oft an der dafür aufgewendeten Zeit. Das gilt nicht nur für anwaltliche Arbeit. Die ZPO-Reformkommission hatte sich für die Stärkung des Kammerprinzips ausgesprochen, weil drei Richter besser nachdenken als einer. Wir brauchen Zeit für das Nachdenken, Zeit um dem anderen zuzuhören, ihn zu verstehen, Zeit um unsere Position zu überdenken, um Kompromisse zu erarbeiten und sie solange zu besprechen, bis wir sie gut finden. KI hingegen liefert innerhalb weniger Minuten etwas, das wie das Ergebnis menschlichen Ringens um das richtige Ergebnis aussieht. Wie verhindern wir, dass wir das schnell verfügbare Ergebnis an die Stelle dessen setzen, was wir heute noch als Methode der Entscheidungsfindung wertschätzen? Können wir das verbinden, das schnell vorhandene und elegante Ergebnis einer KI mit dem mühseligen Prozess des gemeinsamen Ringens um die richtige Lösung? Ob uns das gelingt, weiß ich nicht.
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