Kolumne

Justizromantik
Kolumne
NJW/Harald Schnauder

„Die Zeit“ hat kürzlich ein Interview mit einem ehemaligen Richter am AG Hamburg-Blankenese veröffentlicht. Es war mitunter rührend, eine geradezu romantische Sicht auf die Justiz.

12. Jan 2026

Ganze 33 Jahre war Eckehard Schweppe, so heißt der „Dorfrichter“, in dem vornehmen Stadtteil an der Elbe im Dienst. Der etwas despektierliche Begriff stammt von der Zeit, nicht von mir. Schweppe weist ihn nicht zurück, aber man kann sich gut vorstellen, was die Bewohner des edlen Viertels von dieser Charakterisierung ihres Wohnorts halten.

Um sogleich alle Vorurteile zu bestätigen, geht es im ersten Fall, der im Interview geschildert wird, um einen Nachbarschaftsstreit unter Villenbewohnern. Der eine fühlte sich durch Kochgerüche des anderen belästigt. Der Richter rückte aus mit einem Referendar, der beim Ortstermin auf verschiedenen Stufen ein Steak braten musste. Weil die Dunstabzugshaube einwandfrei funktionierte, wurde die Klage abgewiesen.

Der Richter hatte es aber nicht nur mit gut betuchter Klientel zu tun. Zum Gerichtsbezirk gehört auch die Plattenbausiedlung Osdorfer Born, wo 15.000 Menschen wohnen. Deshalb gab es im Familienrecht neben Scheidungen reicher Leute auch Konflikte in komplizierten Familienstrukturen. Und natürlich Kriminalität. Die Devise des Amtsrichters: „Rechtsfrieden wiederherstellen.“ Deshalb auch lieber Verhandlung als Strafbefehl, um die Menschen im persönlichen Kontakt besser zu verstehen. Für kleinere Delikte von Jugendlichen gab es bei Schweppe einen sogenannten „Schwamm-drüber-Tag“. Das heißt: Die Verfahren wurden eingestellt, verbunden mit der deutlichen Ansage an die Angeklagten, dass man sie nicht wiedersehen will. Einen traf der Richter später dennoch wieder – in der Sauna. So ist das in kleinen Gerichtsbezirken, wo viele „Kunden“ direkt um die Ecke wohnen.

Man muss sich den Richter nach der Lektüre des Interviews als einen sehr zufriedenen Menschen vorstellen. Das Amtsgericht hält er für die Königsdisziplin in der Juristerei, weil man direkten Kontakt zu den Menschen habe und spüre, wie sie den Staat und das Recht empfinden. Ob sie ein Urteil als gerecht ansähen, ob sie sich verstanden fühlten. Er habe nicht einen einzigen Tag das Gefühl gehabt, zur Arbeit gehen zu müssen. Deshalb hätte er auch gerne noch länger gearbeitet, aber die Altersgrenze von 67 Jahren, die er jetzt erreicht hat, sei leider unverrückbar.

Es kommt einem vor wie die Geschichte aus einer anderen Zeit. Jedenfalls hat es mit dem, was man aktuell so über die Justiz hört und liest (Überlastung, Erledigungs- und Zeitdruck, Frustration), wenig zu tun. Sein Gericht beschreibt der Richter als „klein, menschlich, familiär“. Das sind heute Kategorien, die Ministerien über Justizstrukturreformen nachdenken lassen. Dabei ist es so: Wenn Amtsrichter die Gesichter der Justiz sind, mit denen die Rechtsuchenden am ehesten in Kontakt kommen, dann hat Eckehard Schweppe in über drei Jahrzehnten unbezahlbar viel für das Vertrauen in den Rechtsstaat getan.

Tobias Freudenberg ist Rechtsanwalt und Schriftleiter der NJW, Frankfurt a. M.