Kolumne

Rentenrebellen
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Wir leben immer länger. Das ist gut so. Von 1949/1951 bis 2018/2020 ist die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt für Männer um 14 Jahre und für Frauen um 14,9 Jahre gestiegen. Mit der längeren Lebenserwartung geht eine längere berufliche Leistungsfähigkeit einher. Die Rentenbezugszeiten sind in den letzten Jahrzehnten dennoch immer länger geworden.

22. Dez 2025

Insgesamt hat sich die Rentenbezugsdauer in Westdeutschland zwischen 1960 und 2020 etwas mehr als verdoppelt. Auf der anderen Seite bekommen Frauen in Deutschland immer weniger Kinder. Seit den 1990 er Jahren hat sich die niedrige Geburtenrate verfestigt und ist seitdem stetig gesunken. In den 1950 er und 1960 er Jahren wurden pro Jahr noch bis zu 490.000 Menschen mehr geboren, als gestorben sind. Seit 1972 verzeichnet Deutschland jedoch stets mehr Sterbefälle als Geburten.

Dennoch hat die Politik sich entschieden, Steuerungsinstrumente, die den Anstieg des Rentenbeitrags abbremsen, wieder einmal auszusetzen. Der politische Mut, den es früher noch gab, als der Nachhaltigkeitsfaktor eingeführt wurde – er ist verflogen. Die Rentenrebellen der Jungen Union konnten sich nicht durchsetzen und gaben dann um des lieben Friedens willen – genauer: um den Bestand der Koalition nicht zu gefährden – nach. Die junge Generation zahlt die Zeche: Immer weniger zahlen für immer mehr. Und so ist der Steuerzuschuss zur Rente in den letzten Jahrzehnten stetig gewachsen. Die jährlichen Leistungen des Bundes an die gesetzliche Rentenversicherung betrugen im Jahr 2024 bereits über 110 Mrd. EUR – mit steigender Tendenz. Das entsprach rund 23 % des gesamten Bundeshaushalts 2024. Dennoch sind die Prognosen steigender Sozialversicherungsbeiträge eindeutig in ihrer Richtung: Es wird mehr werden. Realistische Szenarien gehen von einer Steigerung um rund 50 % in nur zehn Jahren aus. Das würde jedem Arbeitsmarkt den Rücken brechen.

Stattdessen setzt (hofft?) man auf eine wachsende Wirtschaft, die all das weiterhin finanzierbar machen soll. Im Koalitionssprech heißt das: „[E]ine wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik, eine hohe Beschäftigungsquote und eine angemessene Lohnentwicklung ermöglichen es, dies dauerhaft zu finanzieren.“ Zur Erinnerung: Das kumulierte Wirtschaftswachstum der vergangenen zwei Jahre war minus 0,5 %. Dieser Weg wird nicht leicht sein. Wer daran also nicht glaubt, der muss sich die Frage nach der Generationengerechtigkeit stellen. Das Umlagesystem ist über viele Jahre gesellschaftlich akzeptiert worden, weil es auch ein Versprechen an die Jungen war, dass sie im Alter diejenigen sind, die gleichermaßen davon profitieren. Wo dies immer unwahrscheinlicher wird, bricht auch ein Pfeiler gesellschaftlicher Solidarität weg. Durch die faktische Aufhebung der Schuldenbremse werden kommende Generationen ohnehin ganz anders belastet als bislang geplant. Die Koalition sollte sich dies vor Augen halten. Eine Politik allein zulasten der Jüngeren ist keine zukunftsfähige Politik.

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Prof. Dr. Gregor Thüsing, LL.M., ist Direktor des Instituts für Arbeitsrecht und Recht der sozialen Sicherheit der Universität Bonn.