Interview

Berufe mit Haltung
Interview

Die Justiz hat seit Jahren mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen. Daher muss sie sich etwas einfallen lassen, um sich als moderner und attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren. Beim OLG Celle etwa fand im November letzten Jahres zum zweiten Mal „Ein Abend vor Gericht“ statt, berichtet Gerichtspräsidentin Stefanie Otte im Gespräch mit der NJW. Wir wollten von ihr wissen, was den Besucherinnen und Besuchern dort geboten wurde und ob man den Nachwuchs tatsächlich mit Show-Gerichtsverhandlungen von den vielfältigen Vorzügen einer Tätigkeit in der Justiz überzeugen kann.

28. Jan 2026

NJW: Frau Otte, landauf, landab klagt die Justiz über Personalmangel. Wo drückt der Schuh in Ihrem OLG-Bezirk denn gerade besonders?

Otte: Bundesweit haben viele Arbeitgeber Probleme, qualifizierten Nachwuchs zu finden. Das spüren wir natürlich auch in der Justiz. Aber wir merken auch: Ein Beruf mit Haltung zieht immer noch viele junge Menschen an – vorausgesetzt, sie kennen ihn. Deswegen machen wir im Bezirk des OLG Celle schon seit Jahren verstärkt Werbung für die unterschiedlichen Justizberufe.

NJW: Warum finden junge Leute eine Beschäftigung in der Justiz offenbar weniger reizvoll als früher? Ist ein sicherer und familienfreundlicher Arbeitsplatz sowie eine so verantwortungsvolle Aufgabe nicht mehr so viel wert?

Otte: Im Gegenteil! Wir beobachten, dass es gerade jungen Menschen wichtig ist, eine sinnstiftende Tätigkeit auszuüben und gesellschaftliche Verantwortung zu tragen. Unsere Mitarbeitenden stehen tagtäglich für den Rechtsstaat und damit für unsere Demokratie ein. Das ist ein klarer Pluspunkt für die Justizberufe! Die Sicherheit des Arbeitsplatzes und die gute Vereinbarkeit ihres Berufs mit Familienleben und Freizeit sind weitere Aspekte, die junge Kolleginnen und Kollegen sehr schätzen. Hinzu kommen flexible Arbeitszeiten, ein breites Onboarding- und Fortbildungsangebot und vor allem eine gute Teamarbeit.

NJW: Welche Rolle spielt in dem Zusammenhang der Umstand, dass die Justiz insbesondere in Sachen Digitalisierung hinterherhinkt und die Erwartungen an einen modernen Arbeitsplatz nicht immer erfüllen kann?

Otte: Das Image der Justiz mag noch etwas verstaubt sein, aber die Realität sieht inzwischen anders aus. In unserem Bezirk arbeiten wir flächendeckend digital. Papierakten sind Auslaufmodelle. Dies ist ein wichtiger und notwendiger Schritt für eine zukunftsgerichtete Digitalisierung. Wir wollen als Arbeitgeberin modern und zukunftsfähig sein, deshalb setze ich mich auch persönlich für fortschrittliche Arbeitskonzepte und innovative Digitalisierungsprojekte ein. Gerade jüngere Kolleginnen und Kollegen bringen sich hier mit viel Begeisterung und Einsatz ein.

NJW: Wie bemühen Sie sich denn um den Nachwuchs, von dem „Abend vor Gericht“, auf den wir gleich zu sprechen kommen, mal abgesehen?

Otte: Wir versuchen immer dort zu sein, wo die Menschen sind. Online werben wir zum Beispiel auf Lernplattformen und Ausbildungsportalen, aber selbstverständlich auch über Social Media. Gleichzeitig ist uns der persönliche Kontakt wichtig: Wir besuchen Messen und Universitäten, wir bieten Moot Courts an, um jungen Menschen rechtsstaatliche Kenntnisse zu vermitteln. Zudem ist uns wichtig, feste Ansprechpersonen vor Ort zu haben: Unsere Nachwuchsscouts an den Gerichten im Bezirk organisieren Praktika und stehen im direkten Kontakt mit Schulen. Es geht bei der Nachwuchsarbeit aber nicht nur darum, über unsere Berufe zu informieren. Die Menschen sollen sich, wenn sie sich für die Justiz als Arbeitgeberin entscheiden, willkommen und wohl fühlen. Das beginnt mit einem guten Onboarding: mit Patenschaften, Mentoring, Einführungsveranstaltungen und Schulungsangeboten. Dabei ist uns wichtig, dass die neuen Kolleginnen und Kollegen mitgestalten. Für unsere Proberichterinnen und -richter bieten wir deshalb jedes Jahr einen Workshop an, um ihnen den Berufseinstieg zu erleichtern und uns mit ihnen über ihre Erfahrungen auszutauschen.

NJW: Und wie entstand daneben die Idee zum „Abend vor Gericht“?

Otte: Viele Menschen kommen in ihrem Leben – glücklicherweise, muss man sagen – nur selten mit der Justiz in Berührung. Gerade junge Menschen haben häufig noch nie einen Gerichtssaal von innen gesehen und wissen gar nicht, wie ein Verfahren abläuft. Wir wollen mit „Ein Abend vor Gericht“ den Gerichtssaal für alle öffnen und zeigen, wer sich dahinter verbirgt und wie bei Gericht gearbeitet wird.

NJW: Dann erzählen Sie doch mal, was da genau passiert.

Otte: Bei der Veranstaltung stehen die vielfältigen Berufe in der Justiz im Vordergrund. An Infoständen können Besucherinnen und Besucher von unseren Mitarbeitenden aus erster Hand erfahren, was ihre Tätigkeiten als Richter, Staatsanwältin, Diplom-Rechtspfleger, Justizfachwirtin, Gerichtsvollzieher und Wachtmeisterin ausmachen und wie die Ausbildung, das Studium und das Referendariat ablaufen. Bei Show-Verhandlungen aus dem Zivil- und Strafrecht, der Vorführung einer Zwangsversteigerung und beim Lösen eines Nachlassfalls haben sie die Möglichkeit, alle Beteiligten in Aktion zu erleben und Fragen zu stellen. Zudem bieten wir ein Bewerbungstraining an. Also zusammengefasst: jede Menge Möglichkeiten, um miteinander ins Gespräch zu kommen und mehr über unsere Arbeit zu erfahren.

NJW: Mit wem wollen Sie denn ins Gespräch kommen?

Otte: Das Format richtet sich vor allem an Schülerinnen und Schüler, die vor der Entscheidung stehen, welchen Beruf sie nach ihrem Schulabschluss ergreifen möchten. Viele kommen gemeinsam mit ihren Eltern. Darüber hinaus sind alle Gäste herzlich willkommen, die sich für die Justiz und die Arbeit bei Gericht interessieren. Wir wollen junge Menschen für die Arbeit bei Gericht begeistern, gleichzeitig aber auch die Justiz sichtbarer machen und Hemmschwellen abbauen.

NJW: Lassen sich Jugendliche und junge Erwachsene tatsächlich mit einer Show-Gerichtsverhandlung oder der Anprobe einer Robe bzw. Uniform eines Justizwachtmeisters von den Vorzügen der Justiz als Arbeitgeber überzeugen?

Otte: Es geht selbstverständlich nicht darum, die Gäste mit einer Gerichtsshow à la Barbara Salesch bloß zu unterhalten. Unser Ziel ist es, die Justizberufe erlebbar zu machen und einen möglichst authentischen Einblick in unsere Arbeit zu geben. Wir sitzen schließlich nicht den ganzen Tag am Schreibtisch, sondern kommen mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Menschen in Kontakt, tauschen uns aus und haben Freude an unserer Arbeit. Unsere Mitarbeitenden setzen sich jeden Tag mit viel Motivation und Begeisterung für Gerechtigkeit und unseren Rechtsstaat ein. Das wollen wir an diesem Abend – vielleicht auch mit einem kleinen Augenzwinkern – vermitteln.

NJW: Auch wenn vor ein paar Wochen erst der zweite Abend vor Gericht stattfand: Lässt sich bereits etwas zum Erfolg der Veranstaltungen sagen?

Otte: Von den Besucherinnen und Besuchern haben wir viel positives Feedback erhalten. Ich bin mir sicher, dass wir einige von ihnen bei einem Praktikum, in der Ausbildung oder auch im Referendariat wiedersehen werden. Das Format hat sich für uns bewährt, deswegen wird es „Ein Abend vor Gericht“ auch in diesem Jahr wieder geben.

NJW: Dann würden wir zum Abschluss noch gern von Ihnen wissen, weshalb die Justiz im Allgemeinen und das OLG Celle im Besonderen attraktive Arbeitgeber sind.

Otte: Weil der Rechtsstaat von essenzieller Bedeutung für das Funktionieren unserer Gesellschaft ist und es sich lohnt, dass wir uns persönlich für ihn stark machen – ob als Richterinnen und Richter, Rechtspflegerinnen und Rechtspfleger, Justizfachwirtinnen und -fachwirte, im Wachtmeister- oder Gerichtsvollzieherdienst, bei Gericht wie bei der Staatsanwaltschaft! 

Vor ihrem Jurastudium an der Universität Osnabrück absolvierte Stefanie Otte zunächst ein Studium an der damaligen niedersächsischen Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege in Hildesheim und arbeitete anschließend ein Jahr als Rechtspflegerin. Nach dem Zweiten Staatsexamen war sie ab 1999 zunächst als Richterin auf Probe, vier Jahre später als Richterin am AG Celle tätig. 2007 wurde sie an das OLG Celle abgeordnet, zwei Jahre später dort zur Richterin am OLG befördert. 2013 wechselte sie an das niedersächsische Justizministerium, wo sie am 1.6.​2015 zur Staatssekretärin ernannt wurde. Als Präsidentin steht Otte seit 23.7.2018 an der Spitze des OLG Celle.

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Interview: Monika Spiekermann.