NJW: Herr Kollege Dr. Wissing, wie lebt es sich gerade weit weg vom politischen Berlin? Haben Sie schon Entzugserscheinungen?
Wissing: Bestens! Politiksuchtgefahr bestand bei mir nie. Ich war von 2016 bis 2025 fast nahtlos Minister, erst im Land (Rheinland-Pfalz, Anm. d. Red.), dann im Bund. Das sind sehr fordernde Jahre gewesen. Nun freue ich mich auf die Rückkehr in meinen juristischen Beruf und die Freiräume, die ich gewonnen habe. Gleichwohl bin ich sehr regelmäßig in Berlin. Ich habe dort viele Freunde und Bekannte.
NJW: Ihre juristische Karriere begann in der rheinland-pfälzischen Justiz. Dort wurden Sie als Richter und als Staatsanwalt eingesetzt. Welche Tätigkeit hat Sie am meisten gereizt? Wo haben Sie sich am wohlsten gefühlt?
Wissing: Sämtliche Aufgaben in der Justiz waren für mich bereichernd. Besonders viel habe ich aber als junger Staatsanwalt dazugelernt. Ich hatte einen hervorragenden Oberstaatsanwalt, der mir am Anfang viele Dinge beigebracht hat, von denen ich bis heute profitiere. Dazu gehört, Akten effizient und schnell zu bearbeiten.
NJW: Als Sie Ende 2013 nach rund zehn Jahren aus dem Bundestag ausgeschieden sind, sind Sie nicht etwa in die Justiz zurückgekehrt, sondern haben eine Wirtschaftskanzlei gegründet. Weshalb?
Wissing: Den Anwaltsberuf fand ich von Anfang an sehr spannend. Die freiberufliche Tätigkeit hat viele Vorteile. Ich wollte mich aber nicht gleich nach der Ausbildung selbstständig machen, weil ich noch dazu lernen wollte. Örtlich war ich wegen der Firma meiner Frau nicht flexibel und habe mich bei der Justiz beworben. Die Erfahrungen, die ich dort sammeln konnte, waren sehr bereichernd für mich. 2013 habe ich dann meine Kanzlei gegründet, auch weil ich unabhängig sein wollte. Ich hatte parallel weiter politische Funktionen, die ich am besten mit einem freien Beruf in Selbstständigkeit vereinbaren konnte.
NJW: Aktuell haben 80 % der insgesamt 630 Bundestagsabgeordneten studiert, nahezu jeder Fünfte ist Jurist. Inwiefern repräsentiert das so zusammengesetzte Parlament tatsächlich unsere Gesellschaft?
Wissing: Juristinnen und Juristen sind auch Teil unserer Gesellschaft, und sie sind nicht alle gleich. Hinzu kommt, dass man als Jurist eine breite Sicht auf das Zusammenleben der Menschen hat. Wir lernen schließlich, die Regeln anzuwenden, die für das Alltagsleben maßgeschneidert wurden. Die Fähigkeiten eines Juristen sind im Politikbetrieb durchaus hilfreich, beispielsweise das schnelle und präzise Erfassen von Lebenssachverhalten.
NJW: Angesichts des Erstarkens extremistischer Parteien wird die parlamentarische Zusammenarbeit unter Demokraten immer schwieriger. Wie haben Sie das erlebt?
Wissing: Unser Parlament bildet die Bevölkerung ab. Deshalb findet man dort die gleichen Entwicklungen vor, die wir alle kennen. Wie unser Alltagsleben ist auch der Parlamentsbetrieb hektischer geworden. Die digitalen Medien haben viel verändert. Auch die moderne Mediendemokratie macht politische Zusammenarbeit nicht leichter. Kommunikationsstrategien werden immer wichtiger, während die Sacharbeit eher an Bedeutung verliert. Das bedaure ich sehr.
NJW: Nach dem Bruch der Ampel-Koalition haben Sie neben dem Verkehrsministerium das Justizministerium übernommen. Auch wenn Ihre Amtszeit als Bundesjustizminister nur kurz war, stellen wir es uns schwierig vor, zwei Ressorts gleichzeitig gerecht zu werden.
Wissing: Das war in der Tat eine gewaltige Herausforderung. Ich habe mich in die Pflicht nehmen lassen, auch weil das Amt des Bundesjustizministers für einen Juristen eine große Ehre ist. Mir hat meine berufliche und politische Erfahrung sehr geholfen, beide Bundesministerien gleichzeitig zu führen. Insbesondere die ersten Monate nach Übernahme des Justizressorts waren sehr arbeitsintensiv. Unter meiner Amtsführung wurden wichtige Gesetzgebungsvorhaben abgeschlossen, etwa die Stärkung der Resilienz des Bundesverfassungsgerichts. Die Einigung dazu habe ich persönlich verhandelt. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Justizministerium konnte ich nicht so viel Aufmerksamkeit widmen, wie ich gerne wollte. Das tat mir leid. Um so dankbarer war ich für deren Verständnis und ihre großartige Unterstützung.
NJW: Gab es in der Zeit Gesetzesvorhaben, die Ihnen besonders wichtig waren?
Wissing: Alles, was wir in dieser Zeit noch verabschieden konnten, war von besonderer Bedeutung. Es gab schließlich keine Regierungsmehrheit mehr im Bundestag, und die Opposition hätte sicherlich keinem Vorhaben zugestimmt, wenn es nicht eilig und wichtig gewesen wäre.
NJW: Verfolgen Sie die aktuelle Rechtspolitik trotz Ihres politischen „Ruhestands“ weiterhin?
Wissing: Selbstverständlich. Ich kenne meine Nachfolgerin sehr gut und schätze sie. Wir saßen bereits in Rheinland-Pfalz gemeinsam am Kabinettstisch und haben dort hervorragend zusammengearbeitet.
NJW: Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) wurde kurz nach ihrem Amtsantritt dafür kritisiert, dass die Anwaltschaft in ihrer Agenda zu kurz komme. Ist das so? Oder anders gefragt: In welchen Bereichen sieht der Anwalt Wissing gesetzgeberischen Handlungsbedarf?
Wissing: Die RVG-Reform wurde während meiner Amtszeit abgeschlossen. Insofern war ein wichtiges Thema für die Rechtsanwaltschaft gerade abgearbeitet, als meine Nachfolgerin ins Amt kam. Ich bin aber sicher, dass sie die Anwaltschaft fest im Blick hat und diesen wichtigen Bereich der Rechtspflege unterstützt, wo sie kann. Sie kennt die Justiz bestens und bringt viel Erfahrung mit.
NJW: Können Sie sich eine Rückkehr in die Politik vorstellen?
Wissing: Ich vermisse die Berufspolitik nicht, schließe aber auch nicht aus, mich in Zukunft politisch zu engagieren. Ich bin zufrieden aus beiden Ministerämtern ausgeschieden und freue mich auf neue Aufgaben. Das Leben begrüße ich gerne mit einem Lächeln.
Dr. Volker Wissing (parteilos) studierte Jura in Saarbrücken und in Freiburg/Br. Nach dem Zweiten Staatsexamen war er Leiter der Widerspruchsstelle der Sonderabfallmanagement Gesellschaft mbH in Mainz und wechselte nach seiner Promotion 1997 als Richter an das LG Zweibrücken. Es schlossen sich Stationen als Staatsanwalt in Landau/Pfalz sowie als Richter beim dortigen Amtsgericht an. Von 2000 bis Anfang 2004 war er persönlicher Referent des damaligen rheinland-pfälzischen Justizministers und Parteikollegen Herbert Mertin; vom 23.1.2004 bis 27.12.2013 saß er für die FDP im Bundestag. Im Anschluss daran gründete er eine auf Wirtschaftsrecht und Vermögensnachfolge spezialisierte Kanzlei und wurde 2016 über die Landesliste in den Landtag von Rheinland-Pfalz gewählt. Nach der Bundestagswahl 2021 zog er in den Bundestag ein. Im Kabinett Scholz übernahm Wissing, der von 1998 bis November 2024 Mitglied der FDP war, zunächst das Bundesministerium für Digitales und Verkehr, nach dem Ende der Ampelkoalition zudem das Bundesjustizministerium. Ende August wurde bekannt, dass er Vorsitzender eines beratenden Gremiums bei Christ Capital wird.
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