NJW: Welche Relevanz hat Justizkommunikation in sozialen Medien?
Müller: Die Justizkommunikation in sozialen Medien ist von zentraler Bedeutung, um die Arbeit der Justiz transparenter zu machen und Einblick in den Rechtsstaat zu geben. Viele Menschen haben nur selten direkten Kontakt mit Gerichten und kennen daher die Abläufe der Justiz nicht aus eigener Erfahrung. Zugleich folgen justizielle Verfahren oft anderen Regeln als Verwaltungsentscheidungen oder wirtschaftliche Prozesse. Diese Besonderheiten zu erläutern, kann helfen, Erwartungen realistisch zu gestalten und falschen Vorstellungen entgegenzuwirken. Durch gezielte Kommunikation wollen wir Verständnis für unsere Arbeit wecken und so das Vertrauen in die unabhängige Justiz stärken.
NJW: Welche Informationsinteressen haben Sie ausgemacht?
Müller: Wir wollen die ordentliche Gerichtsbarkeit in ihrer gesamten Bandbreite sichtbar machen. In der öffentlichen Wahrnehmung dominiert oft das Bild der Justiz als Instanz für spektakuläre Strafprozesse, während zivilrechtliche, familienrechtliche oder betreuungsrechtliche Verfahren, die den Alltag vieler Menschen betreffen, weniger Beachtung finden. Gleichzeitig möchten wir populäre Irrtümer über die Justiz ausräumen und erklären, wie sich die Abläufe in den verschiedenen Rechtsgebieten gestalten. Darüber hinaus spielen soziale Medien eine wichtige Rolle bei der Nachwuchsgewinnung. Die Justiz ist ein attraktiver Arbeitgeber mit vielfältigen Karrierechancen. Durch unsere Social-Media-Arbeit können wir nicht nur Studierende und Rechtsreferendarinnen und Rechtsreferendare, sondern auch Schülerinnen und Schüler ansprechen, die sich für Ausbildungsberufe in der Justiz oder für das spannende Berufsbild des Rechtspflegers interessieren.
NJW: Auf LinkedIn schreiben Sie, Ihr Ziel sei es, Transparenz zu fördern und den Dialog zu stärken. Außerdem möchten Sie einen Blick hinter die Kulissen des juristischen Alltags ermöglichen und den Rechtsstaat in der Praxis zeigen. Wie kann das aus Ihrer Sicht gelingen?
Müller: Transparenz bedeutet für uns, die Justiz in einer verständlichen und nahbaren Weise darzustellen. Wir zeigen daher die Menschen hinter den Entscheidungen und die vielfältigen Berufe innerhalb der Justiz. Ein weiteres Anliegen ist es, allgemeine Abläufe in der Justiz zu erklären, die viele betreffen. Beispielsweise: Wie geht man mit einer Zeugenladung um? Wie läuft ein Mahnverfahren ab? Solche Informationen helfen, Unsicherheiten abzubauen und die Justiz als ansprechbare Institution zu präsentieren. Ziel muss es sein, rechtsstaatliches Handeln in der Praxis abzubilden – an Beispielen, die für Bürgerinnen und Bürger konkret relevant sind. Dabei soll auch die Modernisierung der Justiz eine Rolle spielen, etwa durch die Darstellung aktueller Digitalisierungsprojekte.
NJW: Wollen Sie mit Ihrer Präsenz auf LinkedIn auch einem Vertrauensverlust in die Justiz entgegensteuern?
Müller: Auch wenn aktuelle Umfragen noch keinen flächendeckenden Vertrauensverlust in die Justiz zeigen, bedeutet das nicht, dass wir uns darauf ausruhen können. Dies gilt umso mehr, nachdem Populisten ihre Bemühungen, den demokratischen Rechtsstaat infrage zu stellen, intensiviert haben. Vertrauen muss daher stets erhalten und ausgebaut werden. Dabei kann eine offene Kommunikation in sozialen Medien einen Beitrag leisten. Ein zentrales Problem ist, dass viele Menschen keinen persönlichen Kontakt zur Justiz haben. Dies führt dazu, dass das Verständnis für Abläufe und Entscheidungen begrenzt bleibt. Durch unsere Social-Media-Aktivitäten wollen wir diese Informationslücken schließen und einen realistischen Einblick in unsere Arbeit gewähren.
NJW: Sie haben gepostet, dass Sie auf den Austausch gespannt seien. Wie viel Austausch ist in sozialen Netzwerken tatsächlich möglich?
Müller: Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen, dass sich auf LinkedIn viele Menschen für juristische Themen interessieren. Kommentare unter Beiträgen sind eine Möglichkeit, Fragen aufzugreifen und in den Dialog zu treten. Kritik und Anregungen aus der Community können wertvolle Impulse für Verbesserungen liefern. Zudem bieten soziale Medien die Chance, Input aus gesellschaftlichen Gruppen zu bekommen, die sonst eher nicht mit der Justiz in Kontakt treten und sich auch nicht eingeladen fühlen, uns Kritik, Anregungen oder auch mal Lob zukommen zu lassen. Soziale Netzwerke ersetzen jedoch nicht den direkten Austausch. Digitale Formate können aber ergänzend wirken und Interesse an persönlichen Gesprächen und Veranstaltungen wecken – etwa im Rahmen von Praktika oder bei Informationstagen, die wir wiederum in den sozialen Medien bewerben und begleiten können.
NJW: Welche Erfahrungen bzw. Vorkenntnisse sind hilfreich, damit die Justiz auf Social Media wahrgenommen wird?
Müller: Ich profitiere persönlich sehr von meiner Tätigkeit als Co-Host des Podcasts „familiensachen“ der FamRZ, in dem wir familienrechtliche Themen praxisnah beleuchten. Dort habe ich die Erfahrung gemacht, wie wertvoll Austausch über die Grenzen der eigenen Profession hinweg ist – und zwar nicht nur für die Vermittlung justizieller Themen, sondern auch für die Weitung des eigenen Horizonts. Das ist ein weiterer wichtiger Aspekt des Auftritts in sozialen Medien: Es geht nicht nur um Vermittlung eigener Inhalte, sondern auch darum, externe Impulse aufzugreifen und für die eigene Arbeit nutzbar zu machen.
NJW: Haben Sie Vorbilder für Ihre Kommunikation auf LinkedIn?
Müller: Justizkommunikation auf LinkedIn steckt in Deutschland noch in den Anfängen. Dennoch gibt es bereits interessante Ansätze, auch von einigen Oberlandesgerichten. International ist der UK Supreme Court ein Beispiel für eine spannende Mischung aus Nachrichten und Hintergrundinformationen. Eine solche Verbindung aus Aktualität und tiefgehendem Wissen kann auch für die deutsche Justiz ein richtungsweisendes Modell sein.
NJW: Welche Ressourcen haben Sie für Ihre dortige Kommunikation?
Müller: Unsere Social-Media-Arbeit ist ein gemeinschaftliches Projekt. Wir haben ein motiviertes Team aus Justizpraktikerinnen und -praktikern, das sich gezielt im Bereich Social Media Management fortgebildet hat. Wir können dabei die vorhandene Diversität in der Justiz voll zu unserem Vorteil ausspielen. Das Team setzt sich aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen zusammen, von der IT über die Verwaltung bis zur Rechtsprechung. Wir wollen zudem themenbezogen möglichst viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Gerichtsbezirks einbeziehen. Es zeigt sich schon jetzt, dass das Interesse dort sehr groß ist. Zudem konnten wir moderne technische Mittel für die Erstellung audiovisueller Inhalte beschaffen. So können wir unsere Inhalte professionell aufbereiten und die Justiz anschaulich und ansprechend präsentieren.
NJW: Sie möchten bald auch auf anderen Plattformen aktiv sein. Verraten Sie uns Ihre Pläne?
Müller: Unser Social-Media-Auftritt ist ein dynamischer Prozess. Wir wollen unsere Aktivtäten auf weitere Plattformen ausweiten. Instagram wird eine spannende Ergänzung sein, insbesondere um jüngere Menschen für juristische Berufe zu begeistern. Darüber hinaus beobachten wir die Entwicklung von Bluesky genau. Diese Plattform gewinnt an Bedeutung, insbesondere für Behörden, Wissenschaft und Medien. Klar ist: Unsere Präsenz in den sozialen Medien wird sich stetig weiterentwickeln – mit dem Ziel, die Justiz nahbarer und transparenter zu machen.
Jörn Müller studierte Jura an den Universitäten in Passau, Oxford und München. Nach Referendariat und Zweitem Staatsexamen war er von 2006 bis 2010 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Völker- und Europarecht am Lehrstuhl von Prof. Dr. Andreas Paulus an der Universität Göttingen. 2010 trat er in den Justizdienst des Landes Rheinland-Pfalz ein. Von 2014 bis 2023 war er Richter am AG Worms und wechselte dann an das OLG Koblenz. Seit 2021 ist Müller Co-Host des Podcasts „familiensachen“ der FamRZ.
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