Interview

Par­la­men­ta­ri­sche De­mo­kra­tie unter Druck
Interview
© Landtag Brandenburg

Bei den drei Land­tags­wah­len in Ost­deutsch­land hat die AfD große Er­fol­ge er­zielt. In Sach­sen und Bran­den­burg lag sie na­he­zu gleich­auf mit den Wahl­ge­win­nern CDU bzw. SPD, in Thü­rin­gen wurde sie sogar stärks­te Kraft. Was das künf­tig für die Par­la­ments­ar­beit be­deu­ten kann, hat sich bei der kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung des Thü­rin­ger Land­tags am 26.9. ge­zeigt. 

9. Okt 2024

Wir haben uns des­halb mit der Rechts­an­wäl­tin und Vi­ze­prä­si­den­tin des Land­tags von Bran­den­burg Bar­ba­ra Rich­stein (CDU) dar­über un­ter­hal­ten, wie de­mo­kra­ti­sche In­sti­tu­tio­nen und Struk­tu­ren er­tüch­tigt wer­den müs­sen, damit an­ti­de­mo­kra­ti­sche Kräf­te sie nicht für ihre Zwe­cke in­stru­men­ta­li­sie­ren kön­nen.

NJW: Auch wenn sich nach den jüngs­ten Er­eig­nis­sen im Thü­rin­ger Land­tag diese Frage fast er­üb­rigt: Kön­nen Sie uns gleich­wohl er­läu­tern, wie sich die par­la­men­ta­ri­sche Ar­beit ver­än­dert hat, seit die AfD im Land­tag ver­tre­ten ist?

Rich­stein: Die Dis­kus­si­ons­kul­tur und der Po­li­tik­stil haben er­heb­lich ge­lit­ten. Der Um­gangs­ton ist rauer ge­wor­den, Be­lei­di­gun­gen aus den Rei­hen der AfD ge­hö­ren fast schon zum Stan­dard­pro­gramm einer jeden Land­tags­sit­zung. Mich er­schreckt die Deut­lich­keit, mit der die AfD Ver­schwö­rungs­theo­ri­en, An­fein­dun­gen und auch Falsch­be­haup­tun­gen im Ple­num frank und frei ver­tritt. Mitt­ler­wei­le ver­sucht sie nicht ein­mal mehr, sich hin­ter der Maske der Bür­ger­lich­keit zu tar­nen, son­dern sucht stän­dig die Pro­vo­ka­ti­on und Es­ka­la­ti­on.

NJW: Was be­deu­tet das für Ihre Tä­tig­keit als Vi­ze­prä­si­den­tin des Land­tags?

Rich­stein: Die Sit­zungs­lei­tung ist oh­ne­hin eine an­spruchs­vol­le Auf­ga­be. Es geht nicht nur darum, die Ta­ges­ord­nung ab­zu­ar­bei­ten oder die Red­ner­rei­hen­fol­ge ein­zu­hal­ten, son­dern auch Zwi­schen­fra­gen oder -rufe sowie Ges­ten aus dem ge­sam­ten Par­la­ment im Blick zu be­hal­ten. Wenn Ver­stö­ße nicht die Aus­nah­me, son­dern die Regel sind, be­ein­flusst das das Ge­samt­kli­ma sehr stark. Des­halb sind Kon­se­quenz und har­tes Durch­grei­fen wich­tig. Zudem kann ich mich auf eine Land­tags­ver­wal­tung ver­las­sen, die pro­fes­sio­nell un­ter­stützt.

NJW: Nun ist es aber ge­ra­de Auf­ga­be der Op­po­si­ti­on, zu kon­trol­lie­ren und bei Be­darf zu „ner­ven“, oder?

Rich­stein: Un­be­strit­ten. Auch ich war mit mei­ner Frak­ti­on zehn Jahre in der Op­po­si­ti­on und habe die da­ma­li­ge Re­gie­rung kon­trol­liert. Die Ver­hal­tens­wei­sen, die ich kri­ti­sie­re, haben al­ler­dings nichts mit „ner­ven“ zu tun, son­dern wi­der­spre­chen der Würde und der Ord­nung des Um­gangs im Land­tag. Hart und kri­tisch in der Sache, aber an­stän­dig im Um­gangs­ton – so soll­ten De­bat­ten aus mei­ner Sicht ab­lau­fen. Dass dies mög­lich ist, zei­gen auch an­de­re Op­po­si­ti­ons­frak­tio­nen.

NJW: Wel­che Mög­lich­kei­ten geben Ihnen Lan­des­ver­fas­sung und Ge­schäfts­ord­nung des Land­tags, um un­ge­hö­ri­ges Ver­hal­ten in ge­ord­ne­te Bah­nen zu len­ken?

Rich­stein: Die Ge­schäfts­ord­nung bie­tet ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten von Er­mah­nun­gen über Ord­nungs­ru­fe bis zum Ver­weis des Saals. Letz­tes ist die Ul­ti­ma Ratio und wurde von mir noch nicht ein­ge­setzt.

NJW: Reicht das?

Rich­stein: Aus mei­ner Sicht ja, denn die ver­füg­ba­ren In­stru­men­te bie­ten die Mög­lich­keit, ab­ge­stuft zu re­agie­ren. Je­doch wird auch dar­über dis­ku­tiert, ob ein Ord­nungs­geld ein­ge­führt wer­den soll, wie es be­reits in der Ge­schäfts­ord­nung des Bun­des­tags ver­an­kert ist.

NJW: Seit ei­ni­ger Zeit wird ein­dring­lich vor der Zer­stö­rung un­se­rer frei­heit­li­chen Grund­ord­nung durch po­pu­lis­ti­sche Kräf­te ge­warnt. Wel­che In­sti­tu­tio­nen und Gre­mi­en im po­li­ti­schen Be­trieb sind nach Ihrer Ein­schät­zung für Po­pu­lis­ten be­son­ders at­trak­tiv?

Rich­stein: Die­je­ni­gen, die vom Ver­fas­sungs­schutz be­ob­ach­tet wer­den, wol­len na­tür­lich in die Par­la­men­ta­ri­sche Kon­troll­kom­mis­si­on, die den Ver­fas­sungs­schutz in Bran­den­burg kon­trol­liert. Dies würde be­deu­ten, dass der Ver­fas­sungs­schutz ent­we­der nicht mehr in dem ge­bo­te­nen Rah­men be­rich­ten kann oder in­ter­ne In­for­ma­tio­nen an die­je­ni­gen ge­ra­ten, die kon­trol­liert wer­den müs­sen. Auch bei der Wahl von Ver­fas­sungs­rich­tern wird der An­spruch auf ei­ge­ne Ver­tre­ter er­ho­ben, ob­wohl die Wahl aus gutem Grund mit Zwei­drit­tel­mehr­heit er­fol­gen muss.

NJW: Die AfD hat in Bran­den­burg und Thü­rin­gen künf­tig eine Sperr­mi­no­ri­tät. Wel­che Ent­schei­dun­gen kann die Par­tei damit blo­ckie­ren?

Rich­stein: Es gibt we­ni­ge, aber den­noch sehr wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen, die im Land­tag eine Zwei­drit­tel­mehr­heit er­for­dern und die nun von der AfD blo­ckiert wer­den kön­nen. Neben der Auf­lö­sung des Land­tags sind das mög­li­che Än­de­run­gen der Lan­des­ver­fas­sung sowie die eben er­wähn­te Wahl der Ver­fas­sungs­rich­ter.

NJW: Was be­deu­tet das ins­be­son­de­re für die Jus­tiz?

Rich­stein: Ein kom­pe­tent be­setz­tes und ar­beits­fä­hi­ges Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt ist ein un­ver­zicht­ba­rer Be­stand­teil un­se­res Rechts­sys­tems. Die Amts­zeit von Ver­fas­sungs­rich­tern in Bran­den­burg be­trägt zehn Jahre, und erst am Ende der kom­men­den Wahl­pe­ri­ode ste­hen um­fang­rei­che Nach­be­set­zun­gen an. Da die Rich­ter nach Ab­lauf der Amts­zeit aber nicht au­to­ma­tisch aus­schei­den, hat man für eine Über­gangs­pha­se noch eine ge­wis­se Ab­si­che­rung. Da­nach wird es zu einem ech­ten Pro­blem, wenn wegen einer Sperr­mi­no­ri­tät ge­eig­ne­te Ver­tre­ter nicht ge­wählt wer­den kön­nen.

NJW: Eine Bund-Län­der-Ar­beits­grup­pe der Jus­tiz­mi­nis­ter­kon­fe­renz hatte im Vor­feld der Land­tags­wah­len eine Schwach­stel­len­ana­ly­se für alle Bun­des­län­der vor­ge­legt und Vor­schlä­ge unter an­de­rem zur Än­de­rung des Grund­ge­set­zes und der VwGO un­ter­brei­tet. Was davon soll­te aus Ihrer Sicht um­ge­setzt wer­den?

Rich­stein: Bei die­sen Ana­ly­sen geht es darum, die Be­set­zung und Ver­ein­nah­mung wich­ti­ger Po­si­tio­nen in der Jus­tiz zu ver­hin­dern und den Rechts­staat mit qua­li­fi­zier­ten Hür­den zu schüt­zen. Sol­che Über­le­gun­gen sind rich­tig und sinn­voll, müs­sen aber in einem ge­ord­ne­ten par­la­men­ta­ri­schen Ver­fah­ren be­ra­ten wer­den. Mög­li­che Grund­ge­setz­än­de­run­gen dür­fen weder aus Angst her­aus noch mit hei­ßer Nadel an­ge­gan­gen wer­den.

NJW: An­ge­sichts des Er­star­kens ex­tre­mis­ti­scher Par­tei­en wer­den auch Stra­te­gi­en dis­ku­tiert, um die Ver­fas­sungs­or­ga­ne vor einer po­pu­lis­ti­schen Über­nah­me zu schüt­zen, sie re­si­li­en­ter gegen an­ti­de­mo­kra­ti­sche Be­stre­bun­gen zu ma­chen. Wel­che Ge­dan­ken haben Sie und Ihre Kol­le­gen sich dazu ge­macht?

Rich­stein: Hier gibt es aus mei­ner Sicht un­ter­schied­li­che Ebe­nen. Im Rah­men der wehr­haf­ten De­mo­kra­tie haben wir mit dem be­reits ge­nann­ten Ver­fas­sungs­schutz, der un­ab­hän­gi­gen Ge­richts­bar­keit und der Po­li­zei star­ke In­sti­tu­tio­nen. Auch der vor Kur­zem in Bran­den­burg ein­ge­führ­te Ver­fas­sungs­treu­e­check ist eine Maß­nah­me, um den öf­fent­li­chen Dienst vor Ver­fas­sungs­fein­den und Ex­tre­mis­ten zu schüt­zen. Des Wei­te­ren müs­sen wir im Be­reich der po­li­ti­schen Bil­dung und öf­fent­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on müs­sen wir noch deut­li­cher ma­chen, wel­chen Wert Frei­heit und De­mo­kra­tie haben – ge­ra­de im Osten mit den Er­fah­run­gen der DDR-Ge­schich­te.

NJW: Auf EU-Ebene haben Polen und Un­garn deut­lich ge­zeigt, wie der Rechts­staat legal un­ter­wan­dert wer­den kann. Wie hoch schät­zen Sie die Ge­fahr in Ihrem Bun­des­land ein?

Rich­stein: Die von mir ge­nann­ten Maß­nah­men und Schutz­me­cha­nis­men halte ich für stark und wirk­sam. Den­noch müs­sen wir den hohen Zu­spruch für po­pu­lis­ti­sche Par­tei­en, die in Tei­len rechts­ex­trem sind, durch eine an­de­re Po­li­tik und das Lösen der Pro­ble­me – ins­be­son­de­re bei der Mi­gra­ti­on – ver­rin­gern.

Seit rund 25 Jah­ren sitzt Rechts­an­wäl­tin Bar­ba­ra Rich­stein für die CDU im Land­tag von Bran­den­burg. Von Au­gust 2002 bis Ok­to­ber 2004 war sie Mi­nis­te­rin der Jus­tiz und für Eu­ro­pa­an­ge­le­gen­hei­ten im Ka­bi­nett Plat­zeck I. Seit Ende Sep­tem­ber 2019 ist sie Vi­ze­prä­si­den­tin des Land­tags. Im glei­chen Jahr hat sie den Vor­sitz des Kreis­tags Ha­vel­land über­nom­men, dem sie seit 2008 an­ge­hört. Neben dem lan­des- und kom­mu­nal­po­li­ti­schen En­ga­ge­ment ist sie als Prä­si­den­tin im Bran­den­bur­ger Leicht­ath­le­tik­ver­band sowie als Lan­des­vor­sit­zen­de im Ver­ein Weis­ser Ring aktiv.

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Interview: Tobias Freudenberg / Monika Spiekermann.