Interview
Eine neue Normalität
Interview
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Als Juristen beschäftigen wir uns vor allem mit den rechtlichen Herausforderungen der Corona-Pandemie. In diesem Interview geht es um grundlegende Fragen jenseits des Rechts. Wie wird die Welt künftig aussehen? Was werden wir gelernt haben? Was ist dann anders? Wir haben den Zukunftsforscher Michael Carl zum Pandemie-Danach befragt.

17. Sep 2021

NJW: Herr Carl, als Zukunftsforscher können Sie uns bestimmt in kurzen Sätzen sagen, was nach der Pandemie kommt?

Carl: Das ist die mit Sicherheit häufigste Frage, die mir in den vergangenen 18 Monaten gestellt wurde. Die Antwort lautet im Kern stets gleich: Das hängt einzig von uns selbst ab, von unserem gesellschaftlichen Wollen und Können. Versetzen wir uns in die Lage, die Krise als Gestaltungsspielraum zu verstehen, und nutzen sie entsprechend? Oder scheuen wir die Verantwortung und begnügen uns mit dem Rückgriff auf das Langvertraute? Der Sog dieses „Old Normal“ ist enorm. Eines müssen wir uns allerdings verdeutlichen: Alles das, womit wir in der Pandemie zu kämpfen hatten, entspringt direkt der alten Normalität: Das analoge Bildungssystem, die haarsträubend lückenhafte Internetanbindung, genauso wie Gesundheitsämter, die auf Faxbasis kommunizieren.

NJW: Blicken wir mal auf einzelne Bereiche: Wie werden wir künftig arbeiten?

Carl: Die Zeit des physischen Arbeitsplatzes ist vorbei, jedenfalls als unausgesprochene Selbstverständlichkeit. Auch wenn zahlreiche Unternehmen gerade versuchen, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder in die Büros zu rufen, das Bedürfnis nach Freiheit wird sich als stärker erweisen. Das Maß an Flexibilität und der Grad der Selbstbestimmung der eigenen Arbeit werden zu entscheidenden Merkmalen von Unternehmen im Kampf um die Talente. Allein diese Fragen haben das Potenzial, ganze Abwerbewellen zu befeuern. Der Wettbewerber sagt Danke. Das ist der Anfang. In der Folge wird das massenhaft dezentrale Arbeiten zu einer neuen Form der Zusammenarbeit führen. Wir erreichen endgültig den Punkt, an dem Ergebnisse zählen und nicht mehr Anwesenheit und geschicktes Taktieren in der Hierarchie; an dem Ziel und Sinn, zusammenschweißen, und nicht allein der Smalltalk in der Kaffeeküche. Überhaupt: Die Hierarchie. Wenn die Zeit von Kontrolle und Mikromanagement vorbei ist, fragen Sie sich bitte einmal, womit sich das mittlere Management in Ihrem Unternehmen künftig beschäftigen soll. Wir dürfen schon sagen: Die Pandemie beschleunigt Prozesse erheblich, an deren Ende vollständig transformierte Unternehmen stehen.

NJW: Wie werden wir künftig kommunizieren?

Carl: Es gibt kein Zurück hinter die Videokonferenz. Wir werden mutmaßlich kaum je wieder für ein zweistündiges Meeting quer durch die Republik reisen und diesen Aufwand hinterher auch noch vergütet bekommen. Spannender ist ohnehin die technologische Frage nach der nächsten Evolutionsstufe der Videotelefonie. Ob mit Datenbrille oder ohne – wir erwarten technologische Lösungen, die deutlich immersiver sind, die ein deutlich intensiveres Erlebnis von Begegnung und Zusammenarbeit bieten. Die digitale Kommunikation verlässt die zweidimensionale Welt des Bildschirms. Damit rückt die digitale Kommunikation sehr viel näher an die vermeintlich allein persönliche analoge Kommunikation heran. Hier entscheidet sich, wie eng ein Team zusammenwachsen kann, und auch, wie stark ein gemeinsamer Geist entsteht. Insofern wird die Bandbreite des Internetanschlusses die mögliche Güte der Teamentwicklung bestimmen.

NJW: Wie werden wir künftig wirtschaften?

Carl: Die Pandemie wirkt als Brandbeschleuniger. Das wird vor allem die Prozesse der Digitalisierung weiter stark beschleunigen, ob Robotik in der Pflege oder künstliche Intelligenz in der Unternehmenssteuerung, digitale Assistenzsysteme oder die Entwicklung gemischt human-digitaler Teams. Das schafft zugleich Raum für höchst menschliche Modelle: Die Gastronomie der Zukunft wird eben nicht in Form stromlinienförmiger Ketten wieder erstehen, sondern als außergewöhnlicher dritter Ort glänzen. Das Café bietet eine Stunde Urlaub und liefert den Cappuccino dazu.

NJW: Wie werden wir künftig lernen?

Carl: Eine ganze Reihe von Schulen hat schon vor der Pandemie konsequent auf eigenständiges Lernen außerhalb starrer Slots von 45 Minuten Länge gesetzt. Sie berichten heute, recht geschmeidig durch die Pandemie gekommen zu sein. Auch wenn Schülerinnen und Schüler vor Schwierigkeiten standen; dies waren letztlich so wenige, dass eine intensive Begleitung ohne Weiteres möglich war. Genau hier beginnt die Kultur der Digitalität in der Bildung. Nicht der Klassensatz Laptops macht den Unterricht digital. Die Haltung zum Lernen ist in der Digitalität eine andere. Wenn fast das gesamte Wissen stets verfügbar ist, wenn das heutige Wissen ohnehin nicht für ein ganzes Leben taugt, weil die Halbwertszeit von Wissen immer weiter schrumpft, können wir uns nur auf Lernkompetenz stützen. Unsere Fähigkeit, Probleme zu begreifen, Chancen zu erkennen und Lösungen eigenständig zu gestalten, ist zentral. Das müssen übrigens nicht nur Jugendliche lernen, das ist eine Lernaufgabe für das ganze Leben.

NJW: Sie haben ein Buch über die Zeit nach Corona herausgegeben. Danach befinden wir uns in einem Zwischenraum der Krise. Was meinen Sie damit?

Carl: Wenn wir schlicht von der Krise als Chance sprechen, ist das zwar nicht falsch. Allerdings sind wir damit für mein Empfinden zu nah daran, die tatsächlichen Opfer der Pandemie zu marginalisieren. Das wäre nicht angemessen. Wohl aber wirkt unser momentaner Status wie der eines Zwischenraums, der von ganz neuen Möglichkeiten bestimmt ist. Nicht mehr alt – und damit nicht unmittelbar den Zwängen einer früheren Normalität unterworfen. Noch nicht neu – und damit im positiven Sinne unentschieden. Wir haben unsere künftige Normalität noch nicht fixiert. Begreifen wir die Krise als wertvollen Möglichkeitsraum, in dem auch solche Erkenntnisse, Entscheidungen und Entwicklungen möglich sind, die wir in einer alltäglichen Normalität als solche noch nicht einmal erahnen. Wir stehen aktuell in der Gefahr, das Potenzial dieses Zwischenraums zu vergeuden.

NJW: In Ihrem Buch sehen Sie die zentrale Herausforderung darin, eine „bessere Normalität“ zu kreieren. Wie sieht die aus?

Carl: Aus meiner Sicht stehen wir geradezu in der Pflicht, im Zwischenraum der Krise mutig neue Lösungen zu erproben und sorgfältig auszuloten. Die künftige Normalität soll doch nicht nur das Ende der Krise markieren, sondern sich auch als eine bessere Welt erweisen. Dabei haben wir keine Zeit zu vergeuden, um darüber zu lamentieren, dass die gesellschaftliche Debatte wahlweise eingeschlafen oder vergiftet ist. Denn was genau wir als Verbesserung anstreben, darüber müssen wir reden. Und zwar jetzt. Diese Debatte wollen wir auch mit unserem Buch befeuern.

NJW: Es gibt ja neben der Corona-Pandemie noch ein paar Themen, die uns in Zukunft intensiv beschäftigen werden, etwa Klima und Demografie. Ihre Prognose: Werden wir gut durch die 2020 er Jahre kommen?

Carl: Das werden wir schon sehr bald wissen. Die elementare Bedeutung der Pandemie liegt ja nicht nur in ihr selbst. Die 2020er Jahre werden sich als ein Jahrzehnt der Krisen erweisen. Die Veränderungen der Arbeit sind grundlegend. Sie nötigen uns dazu, in großer Breite von Selbstverständlichkeiten Abschied zu nehmen, das trägt deutlich krisenhafte Züge. Vergleichbares gilt für die demografische Entwicklung, die vieles ist, nur kein harmloser Wandel. Und die Klimakrise überragt diese beiden ohnehin noch einmal mit ihren handfesten Auswirkungen auf nahezu alle Lebensbereiche. Jede dieser Krisen hat das Potenzial, sich stärker auf unser Leben und Arbeiten, Wirtschaften und Lernen auszuwirken, als es die aktuelle Pandemie vermochte. Entgegen unseren Reflexen ist das eine gute Nachricht. Wenn wir die Fähigkeit stärken, den Zwischenraum der Krisen zu nutzen und unsere Gesellschaft immer wieder neu zu gestalten, haben wir jeden Grund, mutig zu sein.

Michael Carl war nach dem Studium der Evangelischen Theologie und einem Volontariat zunächst als Journalist für Radioprogramme der ARD tätig. Anschließend baute er für eine der Sendeanstalten ein Strategiebüro auf und war Geschäftsführer eines großen unabhängigen Zukunftsforschungsinstituts. Nach der Gründung des carl institute for human future forscht, spricht und schreibt er über die Zukunft. Sein Podcast „carls zukunft der woche“ erscheint wöchentlich, im Juli erschien der von ihm herausgegebene Sammelband „Creating The Better Normal“.

Interview: Tobias Freudenberg.