Ausbildung & Karriere

Ohne Menschenliebe und Demut geht es nicht
Ausbildung & Karriere
© Dr. Jannina Schäffer

Als ein kluger wissenschaftlicher Mitarbeiter von mir am BVerfG zurück in die ordentliche Gerichtsbarkeit ging, sagte er zum Abschied zu mir: „Lieber Herr Voßkuhle, ich habe sehr viel bei ihnen gelernt und ich habe sehr viel gesehen. Ob ich alles sehen wollte, was ich gesehen habe, da bin ich mir noch nicht so sicher.“ Seine Worte klingen bis heute in mir nach.

11. Nov 2025

Sie weisen auf ein wichtiges Problem der juristischen Berufstätigkeit hin. Von Beginn ihres Studiums an werden junge Juristinnen und Juristen immer wieder mit Alltagssituationen konfrontiert, in denen das Leben nicht gelingt: Der gekaufte Pkw hat einen Mangel, der A schlägt dem B einen Bierkrug auf den Kopf, die Gaststätte wird mangels hinreichender Hygiene in der Küche geschlossen. Das ändert sich auch später in der Praxis nicht. Wenn das Leben sich von der sonnigen Seite zeigt, braucht man in der Regel keine Juristen. Im Gegenteil: In den meisten juristischen Berufen wird man mit Sachverhalten konfrontiert, die unerfreulich sind und die das Abgründige und die Verletzbarkeit der menschlichen Existenz offenbaren. Dabei muss es nicht immer gleich um Kindesmissbrauch und Mord oder Totschlag gehen. Auch die Ansprüche eines Frühinvaliden nach einem schweren Arbeitsunfall, die streitige Scheidung, die Insolvenz eines alten Familienunternehmens oder die Abschiebung einer jungen Familie nach Afghanistan lassen niemanden, der damit beruflich zu tun hat, ganz unberührt. Selbst wenn noch gar nichts passiert ist und man zum Beispiel als Anwalt einen Gesellschaftsvertrag aufsetzt, denkt man vom „Worst-Case-Szenario“ her. Was könnte schiefgehen?

Gefahr der Desillusion

Juristen lernen mit dieser ständigen Konfrontation mit den negativen Seiten menschlicher Existenz umzugehen, Distanz aufzubauen und sich nicht zu stark emotional mitreißen zu lassen. Die Gefahr, dass man mit den Jahren immer desillusionierter wird, weil man immer mehr gesehen hat, was man eigentlich nicht sehen wollte, liegt deshalb auf der Hand. Und tatsächlich begegnet man nicht selten zynischen Juristinnen und Juristen, die für Empathie, Optimismus oder Mitleid nur ein kühles, wissendes Lächeln übrighaben. Mitunter prägt diese Geisteshaltung sogar das persönliche Umfeld und den Umgang im Familien- und Freundeskreis. Eine solche Entwicklung ist aber keineswegs zwingend. Ich selbst kenne viele Gegenbeispiele. Damit stellt sich die Frage: Wie schafft man es als junge Juristin und junger Jurist nach der eigentümlichen Sozialisation durch das Jurastudium und den häufig ernüchternden Erfahrungen im Berufsalltag, nicht abgebrüht und zynisch zu werden?

Wie so häufig gibt es hier keinen Königspfad, den man uneingeschränkt empfehlen könnte. Zum einen muss man sich immer wieder klarmachen, dass Recht nur Mittel zum Zweck ist, um ein gedeihliches Miteinander zu gewährleisten. Im Mittelpunkt der Juristerei steht der konkrete Mensch mit all seinen vielfältigen Eigenschaften, Möglichkeiten und Fehlern. Ohne ernsthafte Liebe zum Menschen wird jede Juristin und jeder Jurist letztlich zu einer Art „Jurazombie“. Um den Menschen zu verstehen, muss man ihn mögen. Nur wer den Menschen versteht, wird ihm gerecht! Die Liebe zum Menschen sollte ausgeprägt sein, und sie bedarf der Pflege. Eine Form der Entwicklung und der Pflege war und ist für mich die Lektüre belletristischer Literatur. Zweitens sollte man nie vergessen, dass es in einer modernen arbeitsteiligen Gesellschaft völlig normal ist, nur mit einem Ausschnitt des Lebens konfrontiert zu werden. Auch zu Ärzten kommen ganz überwiegend nur Menschen, die krank sind. Und schließlich hilft es sehr, von Anfang an insgesamt etwas demütig auf das Leben zu blicken. Auf jeden einzelnen von uns warten so viele Herausforderungen, Versuchungen, Verstrickungen und Schicksalsschläge. Dass nichts im Leben schiefläuft, ist eben eher unwahrscheinlich. Deshalb ist es kein Zufall, dass man unter exzellenten Juristen selten harte Moralisten oder unbelehrbare Ideologen findet.

Juristen und Juristinnen eilt nicht der Ruf voraus, besonders sympathisch zu sein. Selbst innerhalb der eigenen Zunft finden sich immer wieder Anzeichen von einem eigentümlichen Selbsthass. Viele Vorurteile gegenüber Juristen und Juristinnen haben sicher etwas mit ihrem weiterhin privilegierten Status in unserer Gesellschaft zu tun. Vielleicht spielt aber auch dieses „kühle, wissende Lächeln“, von dem ich oben gesprochen habe, eine Rolle. Was mich persönlich aber immer etwas stolz darauf gemacht hat, Jurist zu sein, ist die Fähigkeit von vielen von uns, den Menschen in seiner Fehlbarkeit wirklich anzunehmen. 

Dieser Text ist ein gekürzter Beitrag aus dem soeben im Verlag C.H.Beck erschienenen Buch „Neue Briefe an junge Juristinnen und Juristen“ und wurde in dieser Form in der NJW veröffentlicht. Sie möchten die NJW kostenlos testen? Jetzt vier Wo­chen gra­tis tes­ten inkl. On­line-Modul NJW­Di­rekt.

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Andreas Voßkuhle ist Direktor des Instituts für Staatswissenschaft und Rechtsphilosophie an der Universität Freiburg und war Präsident des BVerfG.