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Legal Innovation

Von Anne Graue,
Auch in den Rechtsabteilungen der Unternehmen ist die Digitalisierung natürlich ein Megathema. Und eine große Herausforderung, denn sie erfordert viel mehr als Effizienzsteigerung und Kostensenkung durch Legal Tech. Anne Graue, die sich schon in ganz unterschiedlichen Organisationen mit dem Thema befasst hat, verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, der neben Legal Tech und Legal Operations auch Legal Design, Agilität sowie Mitarbeiter und Kunden in den Blick nimmt.
Foto_RDi_05_2021_Interview_Anne_Graue_WEBRDI: Die Digitalisierung steht in Rechtsabteilungen ganz oben auf der Agenda. Offenbar fällt aber vielen der Einstieg schwer. Warum ist das so?

Graue: Viele stellen sich unter der Digitalisierung von Rechtsabteilungen nur den Einsatz von Legal-Tech-Lösungen vor, die die Arbeit von Inhouse-Counseln auf Knopfdruck optimieren. Legal-Tech-Tools sind aktuell aber noch Insellösungen – es gibt nicht die eine Software, die alle Probleme löst. Das kann schnell zu Frustration führen, denn die Einbindung neuer Software kostet Zeit und Geld. Die Digitalisierung von Rechtsabteilungen ist viel mehr als Legal Tech – daher verwende ich gerne den Begriff „Legal Innovation“. Dabei handelt es sich für mich um einen vollumfänglichen Ansatz mit dem Ziel, effizienter und kundenzentrierter zu werden. Sowohl Legal Tech als auch Legal Operations fallen hierunter. Bei Gedanken an die Zukunft von Rechtsabteilungen sollte allerdings nicht nur an Effizienzsteigerung und Kostensenkungsmaßnahmen gedacht werden, sondern es braucht noch viel mehr: Diversity und Inclusion, Legal Design sowie agile Arbeitsmethoden sind wichtige Themen, die ebenfalls auf die Agenda gehören.

RDi: Sie kennen sowohl die Start-up-Szene als auch die Welt der Großkonzerne. Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten haben Sie in Bezug auf Legal Innovation beobachtet?

Graue: Sowohl im Start-up als auch in DAX-Unternehmen ist das schwierigste Thema aus meiner Sicht Change Management. Das liegt gar nicht so sehr an der Unternehmensgröße, sondern an der Denk- und Arbeitsweise, die wir Juristinnen und Juristen gelernt haben. Wir lernen viel zu wenig, „outside of the box“ zu denken und effizient zu arbeiten. Unsere Ausbildung ist derart weit entfernt von der Digitalisierung – erst „on the job“ umzudenken, fällt daher gar nicht so leicht. Im Start-up ist es natürlich einfacher, schnell Veränderungen herbeizuführen, da es noch wenige bzw. sehr schlanke Prozesse gibt. Außerdem arbeiten in Start-ups in der Regel eher wenige Juristinnen und Juristen, so dass das Change Management hier leichter zu betreiben ist.

RDI: Welches Vorgehen würden Sie den Kolleginnen und Kollegen in den Rechtsabteilungen empfehlen, um einen guten Einstieg ins Thema zu finden?

Graue: Der Einstieg in die Digitalisierung wird einfacher, wenn wir zunächst einen Schritt zurückgehen: Daher empfehle ich Juristinnen und Juristen, erstmal die Tools richtig kennenzulernen, die das Unternehmen bereits verwendet. Hierdurch wird die Effizienz schnell gesteigert und die Angst vor der Digitalisierung wird nachhaltig abgebaut. Gemeinsam mit Yvonne Enzinger und Daniel Halft habe ich kürzlich die Reihe „bytes4legal“ in Kooperation mit dem Online-Magazin „lawyers magazine“ ins Leben gerufen. Hier teilen wir wöchentlich einfache Effizienz Booster, die Juristinnen und Juristen in Bestandstools umsetzen können.

RDI: Sie sind Mitglied eines Roundtables von Unternehmensjuristen, die Digitalisierungsfragen miteinander diskutieren. Lassen sich aus Ihren Gesprächen zentrale Herausforderungen filtern, vor denen Rechtsabteilungen im Kontext der Digitalisierung gerade stehen?

Graue: Wir erkennen oft, dass alle vor ähnlichen Herausforderungen stehen – der Austausch ist daher immer sehr produktiv. Ich finde es immer wieder spannend, dass ich gerade aus meiner Start-up Zeit Erfahrungen teilen kann, die auch in großen Unternehmen ähnlich wahrgenommen werden. Wir sprechen einerseits über existierende oder zukunftsträchtige Use Cases von Legal Tech, Metrics, Self-Service Dashboards und Knowledge Management. Andererseits diskutieren wir auch das Thema Diversity (inklusive Outside-Counsel-Programmen, um Rechtsberatung auch auf Kanzleiseite diverser zu gestalten) und Mindfulness und Well-Being. Wer mehr wissen will: Im Oktober 2021 erscheint ein Handbuch Digitale Rechtsabteilung, in dem die Mehrheit der Roundtable-Mitglieder als Autoren aktiv sind.

Anne Graue ist Legal Counsel bei einem Autohersteller und Legal Innovation Advisor. Zuvor arbeitete sie als Associate General Counsel bei dem Berliner Start-up Tier Mobility, als Strafrichterin und als Associate bei Clifford Chance.

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