CHB_RSW_Logo_mit_Welle_trans
jaheader_neu

Erfahrungsbericht JA 9/2023

Von Felix Dörr und Jenny Joy Schumann, aus dem Team der Universität Leipzig | Aug 18, 2023

Vom Hörsaal zum Gerichtssaal: Der 4. Moot Court als Arena des Strafrechts

Von hochaktuellen Fragestellungen, bis hin zu unerwarteten Wendungen – ein Erfahrungsbericht

Das Leben scheint manchmal aus einem Drehbuch zu stammen – besonders, wenn man als angehende Juristinnen und Juristen im 4. bundesweiten Moot Court im Strafrecht antritt. Mit zwölf Universitäten, die sich in der Universität zu Köln versammelten, fühlten wir uns ein bisschen wie in einem Film. In den Hauptrollen: Felix Dörr und Anne Pokorny als Anklage-Team, Jenny Joy Schumann und Josephine Buchholz in der Verteidigung. Und das Happy End: Der 3. Platz geht dieses Jahr an unser Team der Universität Leipzig!

Der Moot Court begann am 8. Juni und endete am 9. Juni 2023. Doch unsere Reise begann schon weit davor, in Leipzig, mit zahlreichen spannenden Probe-Pleadings und einem intensiven, dreimonatigen Studium des Falls, in dem wir uns mit aktuellen juristischen Problematiken wie der Sterbehilfe und »Klimaklebern« auseinandersetzen durften. Es war für uns eine völlig neue Herausforderung, ein Plädoyer für die Staatsanwaltschaft oder die Verteidigung zu formulieren.

Am ersten Tag lernten wir die anderen Teams kennen, und es kam zur Auslosung der Teams für die Vorrunden. Unser Weg sollte uns zunächst in den Gerichtssaal mit der Universität Osnabrück und der Universität Tübingen führen.

Am zweiten Tag standen wir früh auf, um in der ersten Vorrunde gegen das Verteidigerteam der Universität Osnabrück anzutreten. Ein ausgeglichenes Duell, bei dem unsere Strategie, einen Tagebucheintrag als zentrales Beweismittel zu verwerten, uns einen Vorteil verschaffte. Unser Hauptaugenmerk lag dabei auf der Anwendung der sog. Widerspruchslösung: Indem die Verteidigung der Verwertung des Tagebuchs als Beweismittel nicht widersprach, wurde kein Beweisverwertungsverbot aktiviert. Das hatte zur Folge, dass sich das Verteidigerteam aus Osnabrück nicht auf die Unverwertbarkeit der Tagebuchpassage berufen konnte. Nach unserer Argumentation unterlag das Tagebuch folglich der vollständigen Verwertung, und die Täterschaft der Angeklagten konnte hiermit umfassend nachgewiesen werden. Es war ein Duell auf Augenhöhe gegen das fachlich starke Team der Universität Osnabrück, das uns auf jeden Fall herausforderte und uns anspornte.

In der zweiten Vorrunde traten wir als Verteidigung gegen die Anklage der Universität Tübingen an. Auch sie hatten ein starkes Team, das sich intensiv mit der Argumentation zum Recht auf selbstbestimmtes Sterben auseinandergesetzt hatte. Unsere Verteidigungsstrategie bestand darin, die Erfüllung des Tatbestandes von § 216 StGB zu verneinen und hilfsweise eine Vorlage vor dem BVerfG vorzuschlagen. Mit diesem Schritt wurde die Diskussion über das Recht auf selbstbestimmtes Sterben hinfällig, auf welche sich die Universität Tübingen konzentriert hatte.

Nach einer kurzen Mittagspause ging es dann zum OLG Köln für das kleine und große Finale. Es war großartig zu sehen, wie der Vorsitzende Richter des OLG Köln von der Motivation und Leidenschaft aller Teams begeistert war. Doch der wirklich spannende Moment kam, als die Finalisten verkündet wurden. Mit der Universität Osnabrück waren wir punktgleich und durften uns im kleinen Finale wiedersehen.

In einem spannungsgeladenen kleinen Finale standen wir erneut der Universität Osnabrück gegenüber, diesmal jedoch in der Rolle der Verteidigung. Vor einer hochkarätig besetzten Jury, bestehend aus Richter am BGH Dr. Frank Tiemann, RA Prof. Dr. Michael Tsambikakis und der Kölner RA Dr. Maja Lehmann, legten wir einen geschliffenen Auftritt hin.

In unserem Duell argumentierten wir, dass es nicht entscheidend war, wer die »Insulinspritze in der Hand hatte«. Stattdessen stellten wir fest, dass der Sterbewillige – ähnlich wie im bekannten Insulin Fall – die Kontrolle über das Geschehen behielt. Zusätzlich konnten wir die Anschuldigung einer Körperverletzung gem. § 223 I StGB und die damit verbundene Nötigung durch das Wegziehen von der Fahrbahn gem. § 240 I und II StGB durch das Notwehrrecht entkräften. Ein besonderer Fokus auf prozessualer Ebene lag in der Argumentation rund um den Richtervorbehalt bei Durchsuchungen. Unsere Verteidigungsstrategie zeigte, dass wir bis zum Ende der Hauptverhandlung einen Widerspruch zur Verwertung der Tagebuchpassage einlegen konnten. Durch die Unverwertbarkeit der Tagebuchpassage konnte die Täterin nicht identifiziert werden, und zusätzlich waren ihre Handlungen durch Notwehr gerechtfertigt. Auf alle sechs von der Anklage vorgebrachten Punkte konnte unser Verteidigungsteam in der Duplik eingehen und so den dritten Platz für die Universität Leipzig erringen.

Die Universität Tübingen schaffte es mit einem sehr knappen Vorsprung ins große Finale, wo sie gegen die Universität Münster antraten – einen klaren Favoriten aus dem Publikum mit einem Team von insgesamt zehn Jurastudentinnen und Jurastudenten. Wir gratulieren der Universität Tübingen zum zweiten Platz und sind sehr geschmeichelt, unsere Verteidigerargumente aus der Vorrunde in ihrer Argumentation wiedererkannt zu haben. Die Universität Münster, die eine sehr souveräne Argumentationslinie zeigte, hat den Moot Court verdient gewonnen, und wir freuen uns schon auf das nächste Jahr.