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Editorial JA 11/2016

Von Prof. Dr. Bettina Schöndorf-Haubold und Wiss. Mit. Felix Krämer, Koordinationsteam des UniRep-Programms der Justus-Liebig-Universität Gießen | Okt 17, 2016

Nur Mut! – Anleitung zum selbstständigen juristischen Denken



Nach Gustav Radbruch bleibt „keinem jungen Juristen … der innere Kampf mit seiner Wissenschaft erspart“. Nun sind wir sicher nicht alle dazu berufen, nach dem Vorbild Radbruchs eine Rechtsphilosophie zu schreiben. Aber dem Ringen um das Recht und mit dem Recht sollte sich kein – angehender – Jurist entziehen. Es ist zentral für das Verständnis unseres Rechtssystems und einer der wichtigsten Impulse eines immer wieder neuen Interesses für unser Fach.

Dies darf auch in der entscheidenden Phase der Examensvorbereitung nicht vergessen werden, in der allzu häufig schlichte Reproduktion und Repetition das eigene Ringen und Denken zu ersetzen drohen. Nicht zuletzt aus diesem Grund machen es sich immer mehr Juristische Fakultäten zur Aufgabe, ihren Examenskandidatinnen und -kandidaten in spezifischen Examensvorbereitungsprogrammen nicht nur das Handwerkszeug für die Falllösung, sondern auch und gerade die Fähigkeit und den Mut zum selbstständigen juristischen Denken zu vermitteln.

Auch der Fachbereich Rechtswissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen bietet seit 2010 ein solches eigenes UniRep-Programm an, das mit 75 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des aktuellen Jahreskurses einen neuen Anmelderekord verzeichnen kann. Das in Gießen praktizierte Modell der Examensvorbereitung beruht auf drei Säulen: systematischen Vorlesungen, fallbasierten Tutorien und dem Examensklausurenkurs. Das Programm wird aus sogenannten QSL-Mitteln finanziert, dh Mitteln zur Verbesserung der Qualität der Studienbedingungen und der Lehre. Mit diesen Mitteln wurden eigens zwei Juniorprofessuren sowie die Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters für die Koordination des Programms geschaffen, die große Teile des Programms tragen und die Studierenden bei ihrer Examensvorbereitung tatkräftig unterstützen.

Roter Faden des Gießener Modells ist ein Lernplan, in dem der gesamte Pflichtfachstoff in übersichtlichen Wochen-Lerneinheiten auf ein Jahr verteilt wird. Er enthält verpflichtende und weiterführende Lesehinweise zu allen zentralen Inhalten und Problemschwerpunkten der unterschiedlichen Lerneinheiten, hebt einzelne klassische wie auch aktuelle Gerichtsentscheidungen heraus und verweist auf Falllösungen in den wichtigsten Ausbildungszeitschriften als Handreichung für die privaten Arbeitsgemeinschaften. Leitmotiv des Plans ist die strukturierte, selbstständige Erarbeitung des zu erlernenden Stoffs.

Zeitlich und inhaltlich an diesem Lernplan orientiert ist das UniRep-Programm straff organisiert: Vorlesungen und Tutorien finden von Montag bis Donnerstag am Vormittag statt, sodass die Nachmittage für das eigene Lernen frei gehalten sind. Eine typische Lernwoche schließt Samstagvormittag mit dem Klausurenkurs ab. Als Jahreskurs mit stark verkürzten Ferienzeiten konzipiert finden die Veranstaltungen zum Teil auch in der eigentlich vorlesungsfreien Zeit statt. In den Vorlesungen vermitteln insbesondere die Professorinnen und Professoren des Fachbereichs als spätere Prüferinnen und Prüfer das erforderliche systematische Wissen, während in den Tutorien unter Anleitung exzellenter wissenschaftlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht selten auch selbst das Programm durchlaufen haben, das Handwerkszeug der Falllösung in Kleingruppen eingeübt wird. Auch der begleitende Klausurenkurs findet durchgängig statt; zudem wird im Herbst und im Frühjahr ein authentisches Probeexamen mit den Originalexamensklausuren des Vorjahres angeboten. Gerade die Wiederholung der Inhalte von der eigenständigen Erarbeitung nach dem Lernplan über die Vermittlung und Anwendung in den unterschiedlichen Veranstaltungsformen ermöglicht eine nachhaltige Wissensvermittlung. Wohldosierte zusätzliche Angebote wie eine Klausurenwerkstatt, Prüfungssimulationen oder der in einem Crashkurs kondensierte Überblick über die wichtigsten aktuellen höchstrichterlichen Entscheidungen runden das Programm ab.

Der damit geschaffene Rahmen bietet den Studierenden eine – kostenfreie – Examensvorbereitung, die den Pflichtfachstoff abdeckt, aber auch genügend Raum für die individuelle Schwerpunktsetzung lässt; sie setzt die eigenverantwortliche Initiative voraus, nimmt aber den Einzelnen auch umfassend an die Hand. Hierzu gehört nicht zuletzt die individuelle Beratung und Unterstützung durch ein Koordinationsteam, die im Vorfeld wie auch während des Programms allen Examenskandidatinnen und -kandidaten zur Verfügung stehen.

Die bisherige Bilanz fällt überaus positiv aus: Die Studierenden nehmen die Angebote an und schätzen und nutzen den engen Kontakt zu den Lehrenden sowohl in der Vorlesung als auch in den Tutorien. Vor allem dieser stetige Dialog schärft das Problembewusstsein und die eigenständige Problemlösungsfähigkeit der Studierenden. Hiervon profitieren wiederum auch die Lehrenden selbst, für die das UniRep angesichts gut vorbereiteter und diskussionsfreudiger Studierender eine anspruchsvolle Herausforderung darstellt. Hier hat sich insbesondere auch das Modell der Juniorprofessuren bewährt, das allerdings leider in der Zukunft nicht weitergeführt werden wird.

Höchstes Ziel des Gießener wie auch anderer UniRep-Modelle bleibt aber die Unterstützung der eigenverantwortlichen, selbstständigen und auch selbstbewussten Examensvorbereitung unserer Examenskandidatinnen und -kandidaten und damit die Vorbereitung gerade auf den unbekannten Fall. Wir haben damit bisher sehr gute Erfahrungen gemacht. Unabhängig von dem Programm, für das Sie sich als Examenskandidatin oder -kandidat entscheiden, sollte daher auch für Sie als oberste Prämisse der Examensvorbereitung gelten: Trauen Sie sich: Denken Sie selbst!

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