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Editorial JA 9/2025

Prof. Dr. Christian Wolf, Universität Hannover

Prompts lernen

Jura ist ein Brot-und-Butter-Fach. Das Studium der Rechtswissenschaft ist gesetzlich normiert durch das Deutsche Richtergesetz. Am Ende der Ausbildung steht mit dem Zweiten Juristischen Staatsexamen die Befähigung zum Richteramt. Damit kann man nicht nur Richterin oder Richter werden, sondern auch Rechtsanwältin oder Rechtsanwalt. Mit dem Studium sollen die Studierenden auf die spätere Berufstätigkeit vorbereitet werden. Daher Brot-und-Butter-Fach. Derzeit verändert sich die Rechtsberatung aber radikal: Stichwort Künstliche Intelligenz (KI).

KI ist nicht mehr vermeidbar. KI ist förmlich überall. Für 5,99 EUR im Monat kann bei Acrobat der KI-Assistent erworben werden. Bei Microsoft hilft Copilot weiter. Gemini von Google lässt sich in der Basisvariante kostenlos nutzen. Wer eine Google-Anfrage stellt, bekommt als erstes eine KI-Auswertung durch Gemini. Seine Texte kann man bei den Programmen hochladen und auf Rechtschreibung, Grammatik und Stil überprüfen lassen. Auch können diese Programme die eigenen Gedanken ordnen oder aus Stichworten einen Text generieren. Berufsanfänger durchliefen in guten Kanzleien bis zu zwei Jahre Training bei einem Seniorpartner, um zu lernen, wie man Schriftsätze am überzeugendsten formuliert. Die Sprache war und ist das Handwerkszeug des Juristen. Gute Juristen konnte man von weniger guten Juristen bereits durch die Sprache des Schriftsatzes unterscheiden. Mit Kursen, wie anwaltliches Schreiben, konnte man für die eigenen Studierenden einen Wettbewerbsvorteil schaffen. Schon heute hilft ChatGPT oder eines der anderen KI-Tools, Texte sprachlich zu optimieren.

Generative KI wird von Kanzleien heute schon eingesetzt, um Verträge zu analysieren, zB Schiedsklauseln herauszulesen. Was früher Aufgabe junger Anwälte war, erledigt heute die einschlägige KI in Sekunden. Wichtig dabei ist, an die KI möglichst präzise Fragen zu stellen: »Bitte durchsuche die Verträge nach einer Schiedsklausel.«

»Finde alle Klauseln, die sich auf die Beilegung von Streitigkeiten beziehen.«

»Gibt es in den Verträgen eine Vereinbarung über ein Schiedsverfahren?«

Von der Qualität dieser Fragen, den Prompts, hängt die Qualität der Antworten ab. Künftig gilt es, nicht nur juristisches Schreiben, sondern auch richtiges Prompting zu vermitteln. Die Fähigkeit, gezielte und konkrete Anweisungen an KI-Systeme zu formulieren, wird zu einer Schlüsselqualifikation für angehende Juristinnen und Juristen. Nur wer weiß, wie Prompts aufgebaut sein müssen, kann das Potenzial der Technologie voll ausschöpfen und fundierte, präzise Ergebnisse erhalten. Universitäten müssen daher die Methoden des Promptings ebenso selbstverständlich in die juristische Ausbildung integrieren, wie das klassische Verfassen von Klausuren.

Aber auch die juristische Recherche verändert sich erheblich. Schon seit längerer Zeit erfolgt die Recherche meist online. Man sucht bei beck-online oder juris und liest die Texte gleich am Bildschirm. Bildete bislang die Suche mehr oder weniger den klassischen Schlagwortkatalog in den Bibliotheken ab, bestreitet hier die KI nun neue Wege.

Mit beck-abstract steht eine KI-gestützte Urteilszusammenfassung von 250.000 Entscheidungen im Arbeitsrecht, Mietrecht und Zivilrecht von BAG, EuGH, BVerfG, BGH und OLG zur Verfügung. Beck-chat und beck-noxtua eröffnen neue Erschließungsmöglichkeiten von juristischem Fachwissen. Statt in das Suchfeld ein Schlagwort einzugeben, stellt man bei beck-chat nun in natürlicher Sprache Fragen. Ähnlich funktioniert Answers von Otto Schmidt oder die KI von Juris.

Einen Schritt weiter wird künftig beck-noxtua gehen. Es soll die juristische Recherche deutlich erleichtern, Texte analysieren und Vertragsentwürfe erstellen können.

Was bedeutet dies für die juristische Ausbildung? Wir müssen die KI in unsere Ausbildung einbeziehen. Noch stehen die Universitäten hier am Anfang, aber der Anfang ist gemacht. So ermöglicht Professorin Marie Herberger an der Universität Bielefeld Studierenden bei ihrer Hausarbeit im Familienrecht auf die Juris-KI zuzugreifen. Die Wahrung des wissenschaftlichen Standards und der verantwortungsvolle Umgang mit modernen digitalen Werkzeugen soll so eingeübt werden, beschreibt Herberger das Ziel des Pilotprojekts. Eine Auseinandersetzung mit KI fordert auch eine Hausarbeit von Professorin Susanne Lilian Gössl an der Universität Bonn. Deren Hausarbeit enthält eine KI-Zusatzfrage. Mit einer kostenlosen generischen KI, wie ChatGPT, soll der Streitstand im deutschen Recht zu kollidierenden AGB dargestellt werden. Dabei dürfen drei Prompts verwendet werden. Im Anschluss muss das Ergebnis des letzten Prompts von den Studierenden korrigiert werden.

Zwei Beispiele, die umsetzen, was der Juristen-Fakultätentag fordert: Die Vermittlung eines kritischen, reflektierenden Umgangs mit generativer KI. Nur so lässt sich die Übernahme von Vorurteilen durch die KI und einer Zementierung der »herrschenden Meinung« durch die KI verhindern. Kritisch reflektierende Juristen sind künftig nicht trotz, sondern gerade wegen KI mehr gefragt als bislang.

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