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JA Editorial 1/2021

Von Prof. Dr. Bernd von Heintschel-Heinegg, Regensburg

Warum brauchen wir Helden? – Und dass es gleichwohl so viele unterschätzte Alltagshelden gibt!


»Held sein, eine Minute, eine Stunde lang, das ist leichter als in stillem Heroismus den Alltag zu tragen. Wer diesen grauen Alltag erträgt und dabei dennoch Mensch bleibt, ist ein Held.«
Fjodor M. Dostojewski

Nahe St. Leonhard in Passeier, das gleichnamige Tal begleitet die Passer bis Meran, steht ein kleines Museum, das mit der Dauerausstellung
»Helden & Hofer« nicht nur die Schichten der Heldenverehrung sondern auch so manchen neuralgischen Punkt offenlegt. Ein Besuch lohnt sich!
Die Dauerausstellung behandelt in historischer Sicht Andreas Hofer als maßgeblichen Protagonisten des Tiroler Aufstands im Jahr 1809. Der »Sandwirt« ist in Südtirol seither ungebrochen omnipräsent. Die Ausstellung führt dem Besucher daneben auch eindringlich vor Augen, wie Helden gebraucht, aber auch missbraucht werden. Jede Zeit macht sich ihre eigenen Helden, weil wir – nie wunschlos glücklich – diese Hoffnungsträger brauchen.

»Dann sind wir Helden für einen Tag«, singt David Bowie in seinem Lied »Heroes«. Ohne Helden wollen wir nicht sein. Helden verkörpern unsere Wünsche und Ideale. Wir brauchen Helden, da uns sonst offenbar etwas fehlt. Wir fühlen uns mit den Helden verbunden, wenn wir zu ihnen aufschauen und ihnen nachstreben. Wir brauchen Helden, um zu erkennen, was über unseren Fähigkeiten liegt.

Es gibt auch die Helden des Alltags, Menschen mit sozialem Engagement, die unauffällig enorm viel für die Gemeinschaft leisten. Selten sind ihre Leistungen spektakulär, so wenn Kranke gepflegt oder Ausländern bei der Integration geholfen wird. Wegen der hässlichen Seiten der Globalisierung und des Kapitalismus erfahren diese Alltagshelden zunehmend die gebotene Wertschätzung. Im Alltagshelden steckt das Alltägliche, aber eben auch ein eigener Glanz. Selbst das Banale und Triviale vermag die Aura des Heroischen also nicht völlig zu zerstören.

Unterschätzte Helden sind nicht erst seit Auftreten der Pandemie die Mitarbeiter im Pflegedienst, die sich aufgrund des bestehenden Fachkräftemangels im Pflegebereich wo auch immer aufreiben – und die, wenn wir den Blick auf Deutschland richten, die soziale Pflegeversicherung um zig Millionen entlasten. Ihr an die Grenzen psychischer und physischer Belastbarkeit gehender Einsatz wird bislang immer noch nicht in ausreichendem Maß gewürdigt. Wenn sich nichts ändert, wird der Bedarf an Pflegekräften steigen, weil viele Pflegende einfach nicht mehr können, krank werden und ihren Beruf verlassen.

Nicht jeder Held ist ein Star, und auch nicht jeder Star ist ein Held. Der Unterschied liegt in den Motiven: Helden sind Altruisten, Stars sind Egoisten. Die Grenzen sind fließend und nicht selten schwer zu erkennen.

Nicht jeder Held oder Star ist ein Vorbild! Sage mir, wen Du Dir zum Vorbild nimmst, und ich sage Dir, wer Du bist (um ein bekanntes Sprichwort abzuwandeln). Vorbilder verkörpern Werte, die uns wichtig sind. Unsere ersten Vorbilder sind zwangsläufig Vater und Mutter, die uns fürs Leben prägen. Als Vorbilder im weiteren Leben drängen sich die wahren Helden auf. Jedoch wo hört die Heldin/der Held auf und wo beginnt der Star in dem Sinne, dass auch der Star Außergewöhnliches leistet, dies aber für sich leistet, um zB als Popstar in die Charts zu stürmen. Während der Eingreiftrupp im Atomkraftwerk in die Strahlung geht, um uns alle vor dem Supergau zu schützen. Helden zeigen Courage, die nicht die große Geste benötigt.

Ohne Publikum sind Helden nicht existent. Diese Abhängigkeit macht Helden zu schillernden Wesen, die sich einer objektiven Bewertung meist entziehen. Die Medien verbreiten unaufhörlich gleichsam den Helden für jeden; aber die Medien konstruieren auch vermeintliche Heldengeschichten. Hinter den Sporthelden steht eine ganze Industrie.

Von den »oben angekommenen« Helden müssen die meisten aber auch den finalen Preis zahlen, nämlich vom Sockel gestoßen und vielleicht schon morgen nicht mehr beachtet zu werden. So gerne die Medien und wir das Publikum unsere Idole auf den Sockel heben, so interessiert wird der Heldensturz verfolgt, wenn dieser nicht sogar von bestimmten Medien initiiert wird, obwohl diese Person zunächst einmal gepusht
wurde.

»Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen« (Franca Magnani, vor langer Zeit Fernsehkorrespondentin in Rom).

In diesem Sinn an alle Leser meine besten Wünsche für 2021!

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